Internationale Ordnung

Welt im Umbruch: Mit dem New-Start-Vertrag endet eine Epoche

Der 5. Februar 2026 markiert auch offiziell das Ende der Weltordnung aus dem 20. Jahrhundert. Es gibt kein Zurück, die multipolare Welt kommt. Eine Einordnung.

Die neue Weltunordnung hat den Krieg nach Europa zurückgebracht: Aufräumarbeiten an einem Kiewer Kraftwerk nach russischen Angriffen
Die neue Weltunordnung hat den Krieg nach Europa zurückgebracht: Aufräumarbeiten an einem Kiewer Kraftwerk nach russischen Angriffenwww.imago-images.de

Historiker mit einem Blick für Zyklen machen die Anfangs-, End- und Wendepunkte gern an Jahreszahlen und Daten fest, symbolische Anker im Auf und Ab der Zeit. Etwa der 5. Februar 2026 – mit ihm endet das „New Start“-Abkommen, die Rüstungskontrolle im Bereich strategischer Waffen.

Auf den ersten Blick betrifft das Russland und die USA, vor allem das zwischen beiden bestehende Vertrauensverhältnis. Beide können die nuklearen Arsenale der jeweils anderen Seite jetzt nicht mehr direkt überprüfen. Der Datenaustausch über Anzahl und Standorte von Trägersystemen wird eingestellt, ebenso die Benachrichtigungen über Bewegungen strategischer Systeme. Technische Treffen zu Fragen der Vertragskonformität finden nicht mehr statt. Die Zahl der Kontakte schrumpft, das Risiko von Missverständnissen und Fehlinterpretationen wächst.

Soweit die konkreten, vordergründigen Folgen. Mit dem letzten Rüstungskontrollvertrag zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, später Russland, endet zugleich die Epoche, deren Ordnung von den Supermächten des 20. Jahrhunderts bestimmt war.

Vergleich mit den 1970ern

Um die Gegenwart zu verstehen, ist der Vergleich mit den 1970ern sinnvoller als der Verweis auf das Ende des Kalten Kriegs. Mit der Entkolonialisierung waren die europäischen Imperien abgewickelt. Zeitgleich begriffen die Deutschen beidseits der Mauer, dass ihre Reichsidee von 1871 gescheitert war. Die Teilung wurde anerkannt, die alten Ostgebiete zähneknirschend als verloren akzeptiert.

Auch Sowjetrussland gestand sich, wenn auch hinter verschlossenen Türen, ein Scheitern ein. Es würde keine Weltrevolution geben; die Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ war eine Phrase und die Kommunistische Internationale eine untergegangene Hoffnung.

Der große Gewinner waren die USA. Die verloren zwar in Vietnam den letzten europäischen Kolonialkrieg. Dafür wurden sie zur Brutstätte des Internets, des Neoliberalismus und der Globalisierung. Während Bill Gates und Steve Jobs ihre ersten Heimcomputer löteten, rutschte das sozialistische Lager in den Erstickungstod.

Die 1970er waren die letzte Epoche grundlegender Umbrüche. Mit den Stichworten „1968“ und „Marsch durch die Institutionen“ begann ein gesellschaftlicher Wandel, der erst Jahrzehnte später, im Widerstand gegen „Wokeismus“ und „Linksgrün“, auf Gegenwind stößt.

1970 sank Willy Brandt in Warschau auf die Knie und erkannte die Flüsse Oder und Neiße als deutsche Ostgrenze an – gegen heftigsten Widerstand der westdeutschen Konservativen. 1972 reiste US-Präsident Richard Nixon nach Peking und legte den Grundstein für den amerikanischen „Pivot to Asia“, den Schwenk nach Asien – damals so unvorhersehbar wie das Ende der UdSSR.

1973 stoppten die Araber die Ölversorgung und bescherten der Bundesrepublik autofreie Sonntage. Gleichzeitig säten die Linksterroristen der RAF, still und heimlich unterstützt vom hybriden Krieg der DDR-Führung, Tod und Paranoia in Westdeutschland.

Die wohl nachhaltigste Weichenstellung des Jahrzehnts waren die Reformen des Chinesen Deng Xiaoping. Der schuf 1978 die Voraussetzungen für den Wiederaufstieg seiner Nation zur Weltmacht. Heute repräsentiert China rund 35 Prozent der globalen Industrieproduktion; in Branchen wie Elektronik, Textil und Stahl sind es rund 50 Prozent. Das chinesische Comeback ist auch die treibende Kraft hinter dem gegenwärtigen Umbruch, der sich um 2005 abzuzeichnen begann.

Die britische Politik-Professorin Helen Thompson sieht die Jahrzehnte seit 1970 als einen Übergang – die Zeit zwischen dem Abgang der europäischen Imperien und dem Aufstieg einer neuen Ordnung für das 21. Jahrhundert. Bis ungefähr 2005 war diese Übergangsphase westlich dominiert – die sogenannte unipolare Welt.

Das letzte gute Jahr einer brüchigen Ordnung

2005 sieht Thompson als „letztes gutes Jahr“ einer zunehmend brüchigen Ordnung, geprägt vom vermeintlichen Sieg der liberalen Werte, von scheinbar grenzenloser Globalisierung, freien Kapitalströmen, dem Glauben an eine stabile Energieversorgung und von Optimismus angesichts des chinesischen Aufstiegs.

2005 war auch das Jahr, als China zum Überholen ansetzte. Erstmals überstieg der chinesische CO₂‑Ausstoß den amerikanischen; gleichzeitig erreichte die weltweite Ölförderung mit konventionellen Methoden ihr Maximum. Die Finanzkrise 2007/08 zeigte dann, wie verletzlich die globale Infrastruktur in Wirklichkeit war. Wenige Jahre später stieg Xi Jinping zum chinesischen Herrscher auf. Er repräsentierte ein neues China, selbstbewusst und ausgreifend, dessen Ansprüche er 2013 unter dem Begriff „Neue Seidenstraße“ formulierte.

2014 folgte die Annexion der Krim durch Wladimir Putin, 2015 die Flüchtlingskrise in Europa, 2016 der Brexit und die erste Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten – alles Zeichen des Zerfalls einer Ordnung, die man in Deutschland viel zu lange für unerschütterlich hielt. Und teils noch hält: Viele glauben immer noch, dass die Welt, wenn nur Putin, Trump, Xi, Orban & Co. nicht mehr in ihren Ämtern sind, wieder so wird wie „früher“.

Mit dem 5. Februar 2026 ist die bipolare, dem alten Jahrhundert entstammende Weltordnung auch offiziell vom Tisch. Die kurze unipolare Phase nach 1990, als nur eine Weltmacht das Recht biegen und brechen durfte, ist ohnehin längst Vergangenheit. Jetzt geht es wirklich darum, was die Zukunft bringt.

Konstellationen mit fünf Mächten langlebiger

Dass sie multipolar sein wird, daran besteht kein Zweifel. Doch wer werden die „vielen Pole“ sein? Die USA und China, so viel steht außer Frage. Das wirtschaftlich schwache, doch geografisch „starke“ und de facto unbesiegbare Russland mit seiner Landmasse zwischen Norwegen und Nordkorea auch. Die nächsten Kandidaten wackeln: Indien und Europa.

Im historischen Vergleich sind Konstellationen mit fünf Mächten stabiler und langlebiger als solche mit drei Mächten. Insofern wäre die gleichberechtigte (und möglichst gleich mächtige) Teilhabe der Europäer und Inder am globalen Mächteorchester wünschenswert. Gemessen an den Bevölkerungen und der Wirtschaftskraft hätten sie auch das Potenzial. Aber haben sie die Ambition und den Willen? In den USA, in China und auch in Russland gehört der Anspruch auf Weltgeltung zum Selbstbild breiter Schichten. Ob das in Europa und Indien ähnlich ist?

Noch enden alle Spekulationen mit einem Fragezeichen. Was an diesem Februartag gewiss ist: Ein weiteres Stück 20. Jahrhundert verschwindet hinter dem Horizont. Man kann nur hoffen, dass sich das herumspricht. Wenn wir aufhörten, uns die Welt von gestern zurückzuwünschen, wäre viel Diskurskapazität für konstruktive, zukunftsfähige Argumente frei.

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