Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist am Dienstagabend zu seinem Antrittsbesuch in China aufgebrochen. Die zweitägige Reise führt ihn zunächst nach Peking, wo er am Mittwoch von Ministerpräsident Li Qiang in der Großen Halle des Volkes empfangen wird. Am Abend trifft er Staats- und Parteichef Xi Jinping im Staatsgästehaus Diaoyutai. Am Donnerstag reist die Delegation weiter in die Technologie-Metropole Hangzhou.
China hat gerade das Neujahrsfest gefeiert und tritt in das Jahr des Pferdes ein. Dazu gratulierte der Kanzler in seinem Abreisestatement am 24. Februar 2026 herzlich. Es ist die erste Reise nach China, die Merz als Bundeskanzler unternimmt. Präsident Xi dankte er für die „freundliche Geste“, ihn zu diesem besonderen Datum zu empfangen.
Die deutsche Wirtschaft reist mit
Begleitet wird Merz von einer rund 30-köpfigen, hochrangigen Wirtschaftsdelegation aus Branchen wie Maschinenbau, Automobil, Energie, Finanzen und Technologie. Ihre Teilnahme unterstreiche das große Potenzial der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit.
Wie aus Regierungskreisen verlautet, orientiert sich der Kanzler auf der Reise an fünf zentralen Grundlinien. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz hatte Merz von einer neuen Phase der Großmachtpolitik gesprochen – diese veränderte internationale Lage bilde auch den Rahmen seiner Chinapolitik.
Experten beobachten diese Entwicklung mit großem Interesse. Der Grund: Die geltende China-Strategie der Bundesregierung stammt aus Zeiten der einstigen Ampelkoalition. Die fünf Punkte von Merz könnten die Basis für eine neue Strategie bilden.
Für uns ein Grund, näher hinzuschauen.
Chinapolitik beginnt zu Hause
Die erste Leitlinie lautet: Kluge Chinapolitik beginnt hier, zu Hause. Nur wenn Deutschland und Europa einig, stark und wettbewerbsfähig seien, lasse sich eine ausgewogene Partnerschaft mit China gestalten. In einer Welt, die von Großmachtpolitik bestimmt sei, müsse man dringend die Hausaufgaben im Inneren machen. Deshalb investiere die Bundesregierung in Wettbewerbsfähigkeit, Verteidigung und Resilienz. Das mache Deutschland zu einem stärkeren und besseren Partner für China.
„De-Risking“ statt Entkopplung
Zweitens verfolgt die Bundesregierung eine Politik des sogenannten De-Risking – also der Risikominderung, ohne die wirtschaftlichen Beziehungen vollständig zu kappen. Eine Entkoppelung von China strebe man nicht an; eine solche Politik würde Deutschland wirtschaftliche Chancen verbauen und die Welt nicht sicherer machen.
Zugleich müsse sichergestellt werden, dass keine Unwuchten in den Beziehungen entstehen. Beide Seiten müssten Risiken vermindern, die aus immer dichterer Vernetzung und einseitigen Abhängigkeiten erwachsen – insbesondere bei Lieferketten, Technologien und Rohstoffen.
Fairer Wettbewerb als Kernforderung
Die dritte Leitlinie betrifft den fairen und transparenten Wettbewerb. „Konkurrenz belebt das Geschäft; Wettbewerb ist gesund – solange er fair ist.“ Voraussetzung sei Verlässlichkeit bei vereinbarten Regeln.
Man wolle sich über die großen Chancen der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit austauschen, aber auch darüber sprechen, wie Abhilfe geschaffen werden könne, wo systemische Überkapazitäten, Ausfuhrbeschränkungen und Zugangsrestriktionen den Wettbewerb verzerren und verhindern, dass das Potenzial der Partnerschaft ausgeschöpft wird.
China als Großmacht und globale Verantwortung
Viertens stellt der Kanzler die gewachsene geopolitische Rolle Chinas heraus. China sei in die Riege der Großmächte aufgestiegen; an Peking komme man nicht vorbei. Globale Aufgaben wie der Kampf gegen den Klimawandel und der Einsatz für eine faire Welthandelsordnung ließen sich nur gemeinsam angehen – ungeachtet grundlegender systemischer Unterschiede.
Das gelte auch für die großen Krisen der Gegenwart. Mit Blick auf den seit vier Jahren andauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine betonte Merz Chinas erheblichen Einfluss. Pekings Stimme werde auch in Moskau gehört; darüber wolle man sprechen. Auch für Ordnung, Frieden und Sicherheit im Pazifik sei China ein entscheidender Faktor. Mit Blick auf Taiwan halte die Bundesregierung an ihrer Ein-China-Politik fest; deren genaue Ausgestaltung bestimme Deutschland selbst.
Der Dialog solle mit Festigkeit, Selbstbewusstsein und gegenseitigem Respekt geführt werden – ohne einander zu belehren oder zu maßregeln. In diesem Sinne würden auch Menschenrechtsfragen angesprochen.
Europäische Einbettung
Die fünfte Leitlinie betrifft die europäische Dimension der Reise. Deutschland bette seine Chinapolitik bewusst europäisch ein – aus Überzeugung und um gemeinsame Interessen wirkungsvoller zu vertreten. Es sei kein Zufall, dass Präsident Emmanuel Macron, Premierminister Keir Starmer und Merz innerhalb weniger Wochen nach Peking reisen, bevor im April US-Präsident Donald Trump erwartet wird. Die gemeinsame Botschaft laute: Europa wolle eine ausgewogene, verlässliche, geregelte und faire Partnerschaft mit China. Das sei das Angebot an Peking – und zugleich die Erwartung an die chinesische Seite.
In Hangzhou will sich der Kanzler zudem ein Bild davon machen, wie rasant in China die Innovation im Bereich der Künstlichen Intelligenz voranschreitet und welche Chancen sich daraus für die deutsche Wirtschaft ergeben.
