In Zeiten einer aggressiven US-amerikanischen Zollpolitik zur Durchsetzung eigener wirtschaftlicher und geopolitischer Interessen wird ein gutes Verhältnis Europas und Deutschlands zu China existenziell. Die Volksrepublik ist erneut Deutschlands größter Handelspartner. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und China gehören mit einem Handelsvolumen in Höhe von 750 Milliarden Euro im Jahr 2025 zu den größten weltweit.
Durch die Abkopplungspolitik von US-Präsident Donald Trump fielen die China-Exporte in die USA 2025 um 45 Prozent, während die Exporte in die EU um rund 15 Prozent stiegen, wodurch der EU als Absatzmarkt chinesischer Waren eine größere Bedeutung zukommt. Das Handelsbilanzdefizit hat sich zuungunsten Europas massiv ausgeweitet. Die vergangenen Jahre waren seitens der EU im Rahmen der Russland-Sanktionen geprägt durch immer stärkere Handelsbeschränkungen sowie Strafmaßnahmen gegen chinesische Firmen.
Deutschlands Konfrontationskurs mit China
Die deutsche Außen- und Außenwirtschaftspolitik hatte sich dabei als Vorreiter eines Konfrontationskurses mit China gezeigt. Die Bundesregierung war sowohl bei der Kritik an der Politik Chinas im Indopazifik als auch bei den Forderungen nach Strafzöllen für chinesische Produkte als Scharfmacher in Europa aufgetreten. Diese eindeutige Positionierung im Fahrwasser der konfrontativen US-Politik gegenüber China hatte die Konturen Deutschlands als eigenständiger Akteur in Peking zunehmend verschwimmen lassen.
Die China-Reise von Bundeskanzler Friedrich Merz versucht sich nun an der Quadratur des Kreises. Zum einen soll der harte Kurs an der Seite Trumps symbolisch beibehalten werden, zum anderen braucht Merz für die deutsche Wirtschaft dringend Signale aus China, dass deutsche Produkte wieder stärker bestellt werden und die industrielle Kooperation zwischen beiden Ländern vorangetrieben wird, um eine Rettung des deutschen Maschinenbaus und der deutschen Automobilindustrie ins Werk setzen zu können.
Merz hat sicherlich vor Augen, dass in Italien bereits eine Zukunft ohne China zu besichtigen ist. In Italien geht es – anders als im deutschen Automobilbau – nicht mehr nur um gravierende Verluste, sondern schlicht um die Existenz einer ganzen Branche, die das industrielle Rückgrat des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg darstellte. Wer sich jedenfalls das Ergebnis wirtschaftlicher Entflechtung anschauen will, der muss nur nach Italien und auf die italienische Automobilindustrie schauen: Die Halbierung ihrer Produktion binnen weniger Jahre ist ein Menetekel, wohin es insgesamt geht.
Eskalation statt Ausgleich
Ob im Hinblick auf diesen Niedergang die Entscheidung Italiens, aus der Belt-and-Road-Initiative auszusteigen, wirklich zum Wohle der italienischen Industrie war, darf bezweifelt werden. Auch dass die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni im Sommer 2025 auf Geheiß Washingtons die Beteiligung chinesischer Investoren an Unternehmen in ihrem Land eindampfen sollte, wie etwa beim Reifenhersteller Pirelli, hat der heimischen Industrie einen erneuten Schlag versetzt. Ohne den chinesischen Markt und die industrielle Kooperation sind italienische Produkte angesichts der selbst verschuldeten Erhöhungen der Energiepreise seit 2022 nur schwer konkurrenzfähig.
Im Vorfeld der Merz-Reise hatte die Präsidentin des Autoverbands VDA, Hildegard Müller, dem Kanzler mit auf den Weg gegeben: „Ziel der Gespräche muss generell sein, die Märkte gegenseitig weiter zu öffnen – keine wechselseitige Abschottung. Auch China ist hier in der Bringschuld.“ Wer genau lesen will, der sieht dieses „Auch“. Das heißt, selbst Frau Müller sieht im Umkehrschluss die EU und die Bundesregierung mit in der Bringschuld. Das aber wirft ein ganz anderes Licht auf die Dinge, wie sie in der deutschen Öffentlichkeit nur allzu oft einseitig präsentiert werden. Denn was Sanktionen und Handelsbeschränkungen angeht, muss man feststellen, dass Europa den ersten Schuss abgegeben und damit eine Spirale der Gegenseitigkeit in Gang gesetzt hat, an deren Ende vor allem die Bevölkerungen in Europa verlieren.
Was war geschehen? Angefangen hatte alles mit Sanktionen gegen chinesische Unternehmen im Rahmen des Wirtschaftskrieges gegen Russland. Das war insofern auch ein absoluter Tabubruch, als hier mit Sekundärsanktionen gearbeitet wurde, die die EU im eigenen Fall strafbewehrt beantwortet und die bislang gerade das Instrument der USA waren. Seit 2025 setzt die EU zudem aggressiv auf „Trade Defence“: Zölle gegen angebliche Subventionen und Dumpingpreise, etwa bei Stahl, Aluminium, Clean Tech und Elektrofahrzeugen. Inzwischen werden von der EU aber auch Mindestpreise akzeptiert. China wiederum reagiert mit Gegenzöllen, etwa bei Schweinefleisch und Brandy, sowie mit Exportbeschränkungen für Seltene Erden und kritische Rohstoffe.
Rohstoffe, Abhängigkeiten und die Krise der Industrie
Die deutsche und die europäische Außenhandelspolitik stehen hier an einem Scheideweg: Will man die Eskalationsspirale weiterdrehen oder mit China eine weitere Handelsverflechtung vorantreiben? Bei der Frage der Seltenen Erden und der kritischen Rohstoffe lässt sich ablesen, wie schlecht die EU – und damit auch Deutschland – für eine harte Auseinandersetzung mit China eingestellt sind. China kontrolliert hier 60 Prozent der globalen Förderung und 90 Prozent der Verarbeitung.
Die EU-Strategie ist so unambitioniert, dass sie insgesamt fragwürdig erscheint. Bis 2030 will man in der EU selbst zehn Prozent fördern und 40 Prozent des eigenen Bedarfs in der EU verarbeiten. Bisher gibt es hier aber keinerlei Ergebnisse, auch da man auf die Ausbeutung der Ukraine setzt, die ihrerseits allerdings einen Deal mit den USA abgeschlossen hat, sodass man im Grunde keine wirklichen Optionen hat, mittelfristig die Abhängigkeit von China zu ersetzen.
Das aber schränkt die Verhandlungsmöglichkeiten des deutschen Bundeskanzlers in Peking entscheidend ein. Studien des Australien Strategic Policy Institute verdeutlichen die tektonische Verschiebung der technologischen Kräfteverhältnisse: In 66 von 74 untersuchten Zukunfts- und Schlüsseltechnologien nimmt China die Spitzenposition ein – von der Kernenergie über synthetische Biologie bis hin zur Satellitentechnologie. Die USA behaupten lediglich in acht Feldern die Führungsrolle, darunter beim Quantencomputing. Anfang der 2000er-Jahre war die technologische Dominanz noch klar auf amerikanischer Seite.
Die deutsche Außenpolitik krankt an der Fortschreibung eines kolonialen Knacks. Hartnäckig hält sich der Irrglaube, man könne den Ländern des Globalen Südens einseitig bestimmte Dinge vorschreiben. Heraus kommen Zwangsmaßnahmen wie etwa ein Sanktionsregime gegen China unter dem Vorwand, man wolle Restriktionen bei sogenannten Dual-Use-Gütern mit zivil-militärischem Nutzen erlassen, um die Volksrepublik militärisch zu schwächen und eine Weitergabe entsprechender Technologie an Russland zu verhindern.
Überrascht ist dann die deutsche und die europäische Politik, wenn China auf die Idee kommt, bei seinen Ausfuhren im Dual-Use-Bereich – insbesondere bei den Seltenen Erden – von den Empfängern Erklärungen zu verlangen, dass diese nicht in Rüstungsgütern verbaut werden, die dann an Konkurrenten Chinas geliefert werden. Die Sanktionsideologie des Westens ist insofern an ihr Ende gekommen. China wendet deren Logik gegen die Verursacher selbst an.
Vieles deutet darauf hin, dass der deutsche Bundeskanzler die Zeichen der Zeit erkannt hat. Zumindest reist mit Merz eine der größten deutschen Wirtschaftsdelegationen, die je einen Bundeskanzler begleitet haben, nach China. Die Entspannungspolitik in den 1970er-Jahren war getrieben von der Vorstellung, mit einer Ostpolitik des verstärkten Handels durch die Schaffung gegenseitigen Vertrauens einem Atomkrieg entgegenarbeiten zu können. 2026 geht es bei der Neuauflage einer Entspannungspolitik gen Osten um nicht mehr und nicht weniger als um die Existenz der deutschen Industrie und damit um Deutschland als Industrieland.
Deutsche Automobilindustrie im Endkampf
Während die schuldenfinanzierten Investitionen in die Rüstungswirtschaft als konjunkturelles Strohfeuer verpuffen, befindet sich die deutsche Automobilindustrie in einer Art Endkampf. 2025 wurden in Deutschland etwa eine halbe Million Autos weniger produziert als noch vor fünf Jahren. Infolge der hohen Energiekosten, schwacher Inlandsnachfrage, hoher US-Einfuhrzölle und zusammenbrechender Märkte für deutsche Autos – etwa in China (VW minus acht Prozent) – spitzt sich die Krise zu. Mercedes-Benz musste 2025 gar einen Gewinneinbruch von fast 50 Prozent verzeichnen. Für Automarken wie VW ist das China-Geschäft existenziell; es machte 30 Prozent der globalen Auslieferungen von Volkswagen aus und trägt bis zu 40 Prozent zum gesamten Konzerngewinn bei.
Sollte Merz weiterhin auf das Nachfolgen von US-Politik setzen, wäre sein Scheitern in Peking programmiert. Die transatlantische Gefängniskugel am Bein des Bundeskanzlers ist jedenfalls ein deutliches Handicap für eine multipolare Welt, in der Deutschland nicht weiter die Wirtschaftskriege der USA führt.




