Iran-Krieg

Domino-Effekt: So frisst sich die Ölkrise unaufhaltsam durch die Wirtschaft

Bislang merken wir die Ölkrise nur an der Tankstelle. Doch schon bald fallen weitere Dominosteine. Und es sind sehr viele, die die Inflation massiv anfachen.

US-Präsident Donald Trump: Vabanquespiel am Persischen Golf
US-Präsident Donald Trump: Vabanquespiel am Persischen GolfAdMedia/imago

Ärgerlich: Am Abend droht US-Präsident Donald Trump dem Iran wieder einmal mit Vernichtung. Am nächsten Morgen steigen auf dem Weltmarkt die Ölpreise und in Deutschland explodieren pünktlich um 12 Uhr mittags die Preise an der Tankstelle für Benzin und Diesel um 20 Cent. Da hilft auch der Tankrabatt nicht weiter. Da heißt es blechen. Doch das ist erst Stufe 1 der Krise.

Zwei Monate dauert nun der Iran-Krieg und die Blockade des Persischen Golfs. 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls und Flüssig-Erdgases (LNG) fehlen den Märkten und lassen sich laut Internationaler Energieagentur (IEA) nicht über andere Förderländer wesentlich ersetzen. Zudem deutet nichts darauf hin, dass Iran oder die USA die Straße von Hormus demnächst wieder freigeben. Die Folgen dieser Ölkrise sind verheerend und reichen weit über die deutsche Tankstelle hinaus: Langsam, aber stetig frisst sich die Krise durch Lieferketten und einzelne Branchen. Das volle Ausmaß dieser Katastrophe zeigt sich dann im Mai des nächsten Jahres.

Stufe 2 der Ölkrise: Logistik, Transport und Tourismus

Vom 27. Februar bis zum 30. April ist der Ölpreis von 70 auf gut 110 US-Dollar pro Barrel gestiegen. Am 20. April kamen die letzten Tanker aus dem Persischen Golf in ihren Zielhäfen an. Seitdem herrscht Ebbe auf dem Rohölmarkt. Auch wenn die Blockade morgen vorbei wäre, würde es abermals drei Wochen dauern, bis die Öltanker von der arabischen Halbinsel die Häfen in Rotterdam oder Kalifornien erreichen. Im Best-Case-Szenario würden also im Juni wieder genügend Öl und Gas zu den Weltmärkten fließen. Das Worst-Case-Szenario – ein jahrelanger Krieg gegen den Iran – mag man sich erst gar nicht vorstellen.

Bereits jetzt wandert die Ölkrise über die Tankstelle nicht nur in Privat- und Dienst-Pkw, sondern auch in Lieferwagen und Laster. Haushalte, Unternehmen, Logistik- und Transportgewerbe spüren bereits die steigenden Kosten. Auch die Luftfahrtbranche hat wegen des teuren Kerosins und des drohenden Mangels bereits viele Flüge und Routen gestrichen – Lufthansa und KLM bestätigen dies gegenüber der Berliner Zeitung. Auch der Luftfrachtverkehr leidet bereits, ergänzt der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). Der gesamte Luftverkehr trägt immerhin über drei Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei, zusammen mit Logistik und Transport sind es gut acht Prozent.

Das wiederum wirkt sich etwa auf die Tourismus-Branche auf der ganzen Welt aus. Albin Loidl, der Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), sagt gegenüber der Berliner Zeitung: „Höhere Kerosinpreise, längere Flugrouten durch Luftraumsperrungen und mögliche Kapazitätsengpässe können sich mittelfristig in steigenden Flugpreisen niederschlagen. Gleichzeitig verschieben sich Urlaubswünsche in Richtung anderer Zielgebiete – aktuell in Richtung Westen wie etwa nach Spanien.“ Falls es im Sommer noch Kerosin gibt, könnte es an den Stränden Mallorcas und der Costa Blanca also ziemlich eng werden – und etwas teurer.

Stufe 3: Energieintensive Industrie und Landwirtschaft

Ebenso hat die Krise bereits die energieintensive Industrie erreicht. Beispielsweise die Düngemittel-Industrie. Für die Produktion von Stickstoffdünger braucht man Unmengen Methan, also Erdgas, um den nötigen Ammoniak herzustellen. Weniger Erdgas bedeutet weniger Dünger und steigende Preise. Kein Wunder, dass die Aktienkurse der großen Hersteller von Stickstoff-Dünger wie Yara International (Norwegen) oder CF Industries (USA) seit Beginn des Irankriegs ordentlich in die Höhe geschossen sind.

Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied: Ohne Stickstoff-Dünger weniger Ertrag.
Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied: Ohne Stickstoff-Dünger weniger Ertrag.M. Popow/imago

Doch weniger Dünger hat geringere Erträge bei den Landwirten zur Folge. Besonders Stickstoffdünger habe sich seit Jahresbeginn auf den Weltmärkten um 30 bis 40 Prozent verteuert, klagt Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Ein Verzicht auf Dünger sei laut Bauernpräsident keine Option: „Ohne Stickstoff sinken Ertrag und Qualität unmittelbar.“ Das würde das Angebot an Lebensmitteln verknappen und die Preise letzten Endes im Supermarkt erhöhen, zusätzlich zu den gestiegenen Kosten für Diesel bei Landwirtschaft und Transport.

Doch nicht nur die Lebensmittel werden teurer, sondern auch ihre Verpackungen. Denn die sind zumeist aus Plastik. Und die gesamte Kunststoffbranche steht unter Druck. „Rund 84 Prozent der Polyethylen-Kapazitäten im Nahen Osten verlassen sich für den Export über den Seeweg auf die Straße von Hormus“, so Harrison Jacoby, Direktor für Polyethylen beim Branchendienst ICIS. Sollte der Konflikt länger als sechs Monate andauern, ist laut einer Branchen-Umfrage mit einem Anstieg der Verkaufspreise um durchschnittlich zehn Prozent zu rechnen. Kunststoff-Recycling ist leider keine Option, da dies immer noch teurer wäre als Neu-Plastik – sogar in der Ölkrise.

Domino-Effekt mit Zeitverzug: Staffellauf der Inflation

Die globalen Lieferketten geraten unter Druck. Rohstoffe und Vorprodukte werden knapp. Das Münchener Ifo-Institut spricht für April hier von einem „sprunghaften Anstieg“ im Vergleich zum März. In der chemischen Industrie berichteten 31 Prozent der Unternehmen von Materialmangel. Auch bei den Herstellern von Gummi- und Kunststoffwaren ist der Anteil auf 23 Prozent deutlich gestiegen. Wie Domino-Steine fällt eine Branche nach der anderen.

Eine Studie der Universität Purdue aus dem US-Bundesstaat Indiana beschreibt detailliert für die Agrarwirtschaft, welchen Zeitverlauf dieser Domino-Effekt in der aktuellen Ölkrise hat. Die Großhandelspreise steigen demnach vier Monate nach Eintreten des Ölpreis-Schocks. Und gehen frühestens nach weiteren vier Monaten wieder zurück – vorausgesetzt der Persische Golf ist wieder frei befahrbar. Im Einzelhandel würden sich die Preise erst frühestens nach einem Jahr wieder erholen. Doch auf den Feldern der Landwirte pflanzt sich der hohe Ölpreis noch mindestens bis zum Mai 2027 fort.

Haushalte, Gewerbe, Logistik, Industrie und Landwirtschaft – alle reichen den gestiegenen Ölpreis wie einen Staffelstab weiter. So sind sich daher auch die deutschen Wirtschaftsforscher ausnahmsweise alle einmal einig: Deutschland steht nach dem Ukraine-Schock 2022/23 eine weitere Inflationswelle bevor. Sie gleicht eher einem Tsunami, der sich langsam aber am Ende turmhoch aufbauen könnte. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus Berlin spricht von „einem erhöhten Inflationsdruck“.

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) rechnet für Dezember „nur“ mit einer Preissteigerung von 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat – vorausgesetzt die viertelvollen deutschen Gasspeicher füllen sich zu günstigeren Preisen als jetzt. Ansonsten könnten die Energieversorger die hohen Preise direkt zur nächsten Heizsaison an die Verbraucher weitergeben. „Je länger der Iran-Krieg dauert, desto höher fällt die Inflation aus“, so IW-Finanzmarktexperte Markus Demary. Beinahe wortgleich äußert sich auch das Münchener Ifo-Institut gegenüber der Berliner Zeitung.

Stufe 4 der Ölkrise: Inflation, hohe Zinsen, Rezession

Laut Ifo-Umfrage planen bereits jetzt mehr Unternehmen, ihre Preise deutlich anzuheben. Der vom Ifo-Indikator für Preiserwartungen stieg von 25,5 im März auf 31,6 Punkte im April. Das sei der höchste Wert seit Januar 2023. Besonders bei der Chemie-Industrie schnellten die Preiserwartungen von 31,8 auf 61,7 Punkte hoch. „Die Unternehmen geben die gestiegenen Energiekosten nun zunehmend an ihre Kunden weiter“, sagt Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

Wie sehr sich die Inflation noch aufbläht, und damit Zinsen, Wirtschaftswachstum und Arbeitsmarkt beeinträchtigt, hängt derzeit vom Verhandlungsgeschick der Trump-Administration und des Mullah-Regimes in Teheran ab. Die Blockade der Meerenge im Persischen Golf ist eines der wirksamsten Druckmittel des Iran gegen ihre westlichen und arabischen Gegner. Warum sollten sie dies voreilig aus der Hand geben?

Weder DIW noch Ifo-Institut oder IW haben Szenarien für eine mehrmonatige Kriegsdauer errechnet. Aus Optimismus? Doch womöglich sind sich die Institute auch so über den Worst Case einig: Denn US-Präsident Donald Trump könnte bei weiterer Kriegsdauer ein Horror-Szenario wahrwerden lassen. Sollte er in einigen Wochen aus Mangel an Reserven einen Exportstopp der USA für Erdöl, LNG und Raffinerie-Produkte verhängen, dann wäre die Weltwirtschaftskrise perfekt – und nicht nur die deutsche Heizsaison wäre in Gefahr.