Die akademische Welt im Land der Dichter und Denker hat sich klammheimlich in eine betreute Einrichtung für Textallergiker verwandelt. Wer heute einen Hörsaal betritt, begegnet keinem Bildungsvolk mehr, sondern einer Generation, die schon beim Anblick eines Inhaltsverzeichnisses unter posttraumatischem Belastungssyndrom leidet.
Ein aktueller Debattenbeitrag des Althistorikers Michael Sommer von der Universität Oldenburg in der Welt liefert hierzu reichlich Gruselmaterial. Seine Schilderungen der universitären Realität wirken wie ein letzter Warnschuss vor dem endgültigen Niedergang des Intellekts. Glaubt man ihm, beschweren sich Studierende heutzutage sogar darüber, ein Buch vollständig lesen zu müssen.
„Was ich beobachte, stimmt mich zutiefst pessimistisch“
Man hat sich in Deutschland ja fast schon an die ewige Leier von der Bildungsmisere gewöhnt. Sie gehört zum medialen Grundrauschen wie die Verspätungen der Bahn. Das schwache PISA-Abschneiden, das internationale Zurückfallen beim Rechnen und Schüler, die ihre lexikalische Inspiration lieber bei Rappern wie Haftbefehl suchen als bei Goethe, sind kaum noch eine Schlagzeile wert. In einem Land, in dem der Verfall nur noch pflichtschuldig dokumentiert wird, statt ihn ernsthaft zu bekämpfen, herrscht eine gefährliche Lethargie.
„Was ich als Professor im Hörsaal beobachte, stimmt mich zutiefst pessimistisch“, leitet Michael Sommer seine bittere Klage ein. Es ist ein Text, der die akademische Eignung einer ganzen Kohorte in Zweifel zieht. Sommer beginnt seine Bestandsaufnahme mit den nackten Zahlen der Schande: Die PISA-Werte sind zum Synonym für den deutschen Niedergang geworden. Dass wir in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften längst nicht mehr mit Singapur, Japan oder auch nur dem benachbarten Polen mithalten können, scheint hierzulande niemanden mehr aus der Ruhe zu bringen.
Mangelhaftes Material
Besonders erschreckend ist die Geschwindigkeit des Abbaus. Zwischen 2018 und 2022 verlor Deutschland 18 Punkte im Lesen, 25 in der Mathematik und elf in den Naturwissenschaften. Da die Erhebung von 2025 noch unter Verschluss steht, bleibt dem Beobachter derzeit nur das bange Warten auf die nächste Hiobsbotschaft. Man möchte am liebsten gar nicht mehr hinschauen.
Sommer beschreibt die Universitäten als bloße Abnehmer des „Materials“, welches die Schulen mühsam ausspeien. Doch dieses Material ist oft schlichtweg nicht mehr zur Weiterverarbeitung geeignet. Er urteilt vernichtend: „Um die Studierfähigkeit vieler, die ich dort treffe, ist es schlecht bestellt.“ Es scheint, als sei in der Bildungsrepublik etwas massiv ins Rutschen geraten, und womöglich ist es längst zu spät, um noch gegenzusteuern.
Die schwindende solide Mitte an der Universität
In seiner Analyse sieht Sommer etwa 20 Prozent geniale Studierende an den Fakultäten, jene Elite, der alles leichtfällt. Dem stehen weitere 20 Prozent gegenüber, die intellektuell schlicht nicht für eine höhere Bildungseinrichtung qualifiziert sind und meist als Abbrecher wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Diese Gruppen gab es immer schon. Das eigentliche Problem ist die schwindende Qualität der restlichen 60 Prozent, der breiten Mitte. Vor 30 Jahren war diese Mitte noch solide. Man konnte sie formen, sie besaß ein Fundament aus historischen Grunddaten, geografischen Kenntnissen und oft sogar das Latinum.

Heute hingegen blickt der Dozent in Gesichter, die beim Klang von Wörtern wie „allenthalben“ oder „ehedem“ so dreinschauen, als hätte man sie auf Klingonisch angesprochen. Die Sprache der Studierenden verkümmert, weil das Fundament fehlt, das Lesen. Der traurige Höhepunkt dieser Misere findet sich in den digitalen Kommentarspalten der Vorlesungen. Dort beschweren sich anonyme Studierende allen Ernstes darüber, dass man für ein Seminar tatsächlich ein ganzes Buch lesen müsse. Ein Buch im Studium, ungeheuerlich.
Selbst die moderne Rettungsweste namens Künstliche Intelligenz versagt hier kläglich. ChatGPT kann nur reparieren, was als defekt erkannt wird. Doch laut Sommer besteht bei vielen Studierenden gar kein Bewusstsein mehr dafür, „dass man sprachlich defizitär unterwegs ist“. Wer nicht weiß, dass er nichts weiß, dem hilft auch kein Algorithmus.
Leistungsaversion: Alles und jeden durchwinken
Warum ist die Lage so desolat? Sommer findet klare Worte für das systemische Versagen. Wir haben eine „Kultur der Leistungsaversion“ geschaffen. In dieser neuen deutschen Bescheidenheit gelten Underperformer als Vorbilder und Gewissenhafte als verdächtige Streber. Wir haben es verlernt, Nichtleistung auch als solche zu benennen und mit der Note „ungenügend“ zu sanktionieren. Wenn man alles und jeden durchwinkt, um die Statistiken zu schönen, darf man sich über das qualitative Ergebnis am Ende der Kette nicht wundern.
Die bittere Ironie liegt darin, dass dieses Versagen von oben vorgelebt wird. In einer Gesellschaft, in der das Plagiat oft genug den Doktorgrad sichert, ist das „Ungenügend“ der Studierenden nur das folgerichtige Echo auf die Nichtleistung der Entscheidungsträger. Sommer bietet keine Lösung an – vielleicht, weil es für diese Art der kollektiven Verblödung keine einfache Kur gibt.




