Rentendebatte

50 Euro im Monat für die Rente – Friedrich Merz und der Realitätsverlust

Der Kanzler empfiehlt, früh mit dem Sparen auf die Rente zu beginnen, 50 Euro würden da schon reichen. Das ist so realitätsfern wie verantwortungslos. Ein Kommentar.

Scheint mit sich und seinen Ideen zufrieden: Friedrich Merz am Freitag in Baden-Württemberg.
Scheint mit sich und seinen Ideen zufrieden: Friedrich Merz am Freitag in Baden-Württemberg.dpa/Silas Stein

Bundeskanzler Friedrich Merz hat beim Wahlkampfabschluss der CDU Baden-Württemberg am Freitag in Ravensburg jungen Menschen einen vermeintlich einfachen Weg in eine sorgenfreie Zukunft gewiesen: 50 Euro im Monat sparen, früh anfangen, nie aufhören – und am Ende wartet eine „sechsstellige Altersversorgung".

Gerade mal so eben sechsstellig

„Und dann sag bitte niemand: Das könnten wir ja nicht“, fügte der Kanzler oberlehrerhaft hinzu. „Natürlich können wir das.“ Klingt bestechend einfach. Und ist doch bestürzend realitätsfern.

Rechnen wir nach: 50 Euro monatlich, 40 Jahre lang, ohne Unterbrechung – das ergibt eingezahlt gerade einmal 24.000 Euro. Selbst mit einer optimistischen Rendite von jährlich sieben Prozent, wie sie langfristig am Aktienmarkt möglich ist, aber keineswegs garantiert wird, landen wir bei rund 130.000 Euro. Sechsstellig, ja, aber auch nur gerade so.

Doch was bedeutet diese Summe im Ruhestand? Bei 20 Jahren Rente sind das knapp 540 Euro im Monat. Vor Steuern. Vor Inflation. Wer davon seinen Lebensabend bestreiten soll, dem wird dann sicherlich eines klar: Merz‘ simple Rechnung löst kein Rentenproblem. Sie kaschiert eines.

Generation nicht verstanden

Zudem: „Nie unterbrechen“, mahnt Merz, gerade so, als gäbe es keine Arbeitslosigkeit, keine Elternzeit, keine prekäre Beschäftigung, keine Phase im Leben, in der am Monatsende vielleicht mal nichts übrig bleibt. Für eine Kassiererin mit 2.000 Euro brutto, für einen Berufseinsteiger mit befristetem Vertrag und Großstadtmiete sind 50 Euro im Monat kein „kleiner Betrag“. Sie sind eine Zumutung, die der Kanzler mit einem lässig-bräsigen „Natürlich können wir das“ wegwischt.

Private Altersvorsorge ist sinnvoll. Wer früh anspart, handelt klug – das ist keine neue Erkenntnis. Dass die Koalition im Koalitionsvertrag auch auf kapitalgedeckte Vorsorge setzt, ist grundsätzlich richtig. Viele Nachbarländer machen es bereits so. Doch der Verweis auf Eigenverantwortung darf nicht zur Ausrede des Staates werden. Wenn der Kanzler die Debatte über die Haltelinie des Rentenniveaus als nachrangig abtut, dann verschiebt er die Last von der Solidargemeinschaft auf den Einzelnen.

Die gesetzliche Rente ist für Millionen Menschen nach wie vor die einzige Absicherung im Alter. Sie zu stärken, ist kein sentimentaler Move, wie man ihn von einer SPD erwarten könnte, sondern harte Realität und die Pflicht des Sozialstaats.

Wer einer Generation, die mit drastischer Mietsteigerung, Pandemien, Inflation und unsicheren Arbeitsmärkten aufwächst, erklärt, sie müsse eben ein bisschen was zur Seite legen, der hat die Lebensrealität dieser Generation einfach nicht verstanden oder er blendet sie aus.


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