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Lanz und Precht über das DDR-Ende: „Ostdeutschen wurde die Lebensleistung entwertet“

In ihrem Podcast sprechen Markus Lanz und Richard David Precht über den Heimatbegriff. Dabei kommen sie auch auf die Erfahrungen der Ostdeutschen zu sprechen.

Reden über den Osten: Richard David Precht (l.) und Markus Lanz
Reden über den Osten: Richard David Precht (l.) und Markus LanzChristian Charisius/dpa

In ihrer aktuellen Podcastfolge reden Markus Lanz, gebürtiger Südtiroler, und Richard David Precht, der aus Solingen kommt, über Heimat. „Ein Sehnsuchtsbegriff, mit dem wir uns lange schwergetan haben“, so die Beschreibung. Was genau Heimat sei und wo die eigenen Wurzeln liegen, darum soll es gehen.

Im Laufe des Gesprächs kommen der ZDF-Moderator und der Philosoph auf verloren gegangene Heimatgefühle zu sprechen. Inzwischen werde der Heimatbegriff als Gegenbewegung zur Globalisierung wieder stark, interessanterweise sei er aber von den Rechten besetzt worden, so Precht, „im Osten noch sehr viel deutlicher als im Westen. Heimat ist wieder eine politische Kategorie geworden, ein Wort, mit dem man Wählerstimmen bekommt“.

Richard David Precht: „Es gab in der DDR einen gar nicht geringen Gemeinsinn“

Er fände es spannend zu fragen, warum das nur die Rechten machten. „Heimat ist ein wichtiger Begriff für sehr, sehr viele Menschen und er ist nicht für die Rechten reserviert“, so Precht. Die Linken hätten den Begriff liegen lassen und damit diese Situation verschuldet.

Lanz spricht die Erfahrungen der Ostdeutschen nach 1989/90 an, die Erfahrung, dass plötzlich etwas untergehe, man heimatlos werde. Die eigene Biografie sei plötzlich nichts mehr wert gewesen, so Precht. „Die allerwenigsten Menschen in der DDR haben diesen Staat geliebt. Aber sie hatten gleichwohl ein positives Verhältnis zu ihrem eigenen Leben. Und jetzt wird ihnen ihre gesamte Lebensleistung entwertet und alles, was vorher war, wird wertlos. Und zu dem, was vorher war, gehörten ja nicht nur die Stasi, die SED und die staatliche Drangsalierung.“

Zu diesem Leben hätten auch Orte gehört, an denen man sich verliebte, oder die Nachbarschaftstreffen. „Es gab in der DDR einen gar nicht geringen Gemeinsinn, der häufig aus der Solidarität gegen den Staat entsprungen ist.“ Das sei nach der Wende verloren gegangen. Vorher hätten alle in einem Boot gesessen, plötzlich habe es eine eklatante Kluft zwischen Arm und Reich gegeben: „Die einen starteten total durch und für eine große Zahl gab es gar keine Perspektive mehr.“

Die bislang vorhandene Sozialstruktur und das Gemeinschaftsgefühl seien durch nichts Adäquates ersetzt worden. Deswegen, so Precht, dürfe man sich nicht wundern, „dass gerade im Osten ‚Heimat‘ ein sehr verletzlicher Begriff geworden ist“.

In den sozialen Medien entspinnt sich zur Folge eine lebhafte Diskussion mit zahlreichen Stimmen aus dem Osten: „Wie wahr … höre ich exakt so, seit einem Jahr in Thüringen lebend“, heißt es da.

Stimmen aus Eisenhüttenstadt: „Empfinde nur Wehmut“

Eine Userin schreibt: „Ich war 17, als die Mauer fiel. Ich habe nicht nur meine Wurzeln verloren, sondern auch mein Leben. Es war, wie Sie richtig sagten, nicht nur Stasi und SED, sondern unser Leben. Und das können Sie mir glauben, es war bis auf die bekannten Dinge ein gutes Leben. Behütet und ruhig. Man fühlte sich nach der Wende sehr verloren, fast heimatlos in eine Welt geworfen, die man nicht kannte.“

Eine andere kommentiert: „Wenn ich an meine Heimat denke, empfinde ich nur Wehmut. Heimat ist nicht nur meine bröckelnde Geburtsstadt Eisenhüttenstadt, sondern auch die DDR. Ich bin stolz, als Kind dort aufgewachsen zu sein, da ideelle Werte vor den materiellen standen. Es war so eine schöne und unbeschwerte Zeit. Der kollektive Zusammenhalt hat über manche defizitäre Zustände hinweggeholfen.“

Andere sind froh, die ersten Lebensjahre im Osten gelebt zu haben. „Das ist mein Fundament fürs Leben“, schreibt ein Zuhörer und bedankt sich bei Lanz und Precht für die Folge: „Das waren endlich mal richtige Erklärungen ohne diesen herablassenden Tonfall.“