Auf nimmer Wiedersehen!

Von Anlasser bis Wackeldackel: Wie der Fortschritt leise das Automobil entkernt

Der technische Fortschritt hat das Auto komfortabler gemacht – aber leider auch seelenloser. Ein paar Gedanken zum stillen Verschwinden vertrauter Dinge und Gefühle.

Es hat sich ausgewackeldackelt: Wo ist er nur hin, unser vierbeiniger Begleiter?
Es hat sich ausgewackeldackelt: Wo ist er nur hin, unser vierbeiniger Begleiter?Alexandra Roth

Der technische Fortschritt ist nicht immer fair – oder willkommen. Kaum hat sich der Mensch an bestimmte Hilfsmittel gewöhnt, kommt ein kreativer Geist um die Ecke und macht die lieb gewonnene Routine zu einem hoffnungslosen Fall von gestern. In der Welt der Automobile gehören dazu viele Gerätschaften, die ursprünglich als unverzichtbar galten, im Laufe der vergangenen 140 Jahre aber verschwunden sind.

Beim ersten Abschied dürften die frühen Automobilisten jedoch vor allem erleichtert gewesen sein. Bereits kurz nach der Erfindung des Automobils fiel die Anlasserkurbel dem Anlasser zum Opfer, worüber wohl niemand eine Träne vergossen haben wird. Die Kurbel, mit der die im Motor schlafenden Pferdestärken geweckt wurden, war ein äußerst gefährliches Teil. Immer wieder zerschlug die Kurbel unaufmerksamen Zeitgenossen das Handgelenk, endeten Ausfahrten noch vor Beginn im Krankenhaus.

Doch dann kam Robert Bosch um die Ecke, und nach einigem Tüfteln brachte der schwäbische Erfinder 1914 den elektrischen Anlasser in die Automobile. Die Handgelenke waren nun wieder auf der sicheren Seite, und höchstens das Talent der Chauffeure brachte Gefahrenmomente in die Ausfahrt. Die Kurbel gab allerdings nicht auf und blieb bei einigen Modellen bis in die Neuzeit an Bord. Citroëns 2CV zum Beispiel konnte bis zuletzt bei Bedarf – und das geschah wahrlich nicht selten – mittels Kurbel gestartet werden.

Liebe Trittbrettfahrer, einmal absteigen bitte!

Aber auch bei einem anderen Abschied spielte der französische Autohersteller eine entscheidende Rolle. Trittbretter gehörten bis in die 30er-Jahre zu den unverzichtbaren Designelementen und bereicherten die Umgangssprache um den Begriff des sogenannten Trittbrettfahrers. Diese preiswerte Transportmöglichkeit beendete im Jahr 1934 der Traction Avant: Die Limousine hatte keine Trittbretter mehr.

Dem Beispiel folgten bald die meisten Hersteller – und im Rückblick weiß eigentlich niemand mehr so richtig, wofür die Dinger gut waren. Nur in Hollywood hatte man sich in die Idee von rasenden Polizeiautos mit schießenden Polizisten auf Trittbrettern verliebt. Am Ende blieb allein der Volkswagen Käfer den Trittbrettern treu. Doch der war alles, aber kein Kandidat für rasende Verfolgungsjagden.

Der Trittbrettfahrer als ausgestorbene Spezies – wie Burt Reynolds (l.) und John Hillerman in „At Long Last Love“
Der Trittbrettfahrer als ausgestorbene Spezies – wie Burt Reynolds (l.) und John Hillerman in „At Long Last Love“20th Century Fox Film Corp/Imago

Für die gehobene Art der Automobilität waren sie lange unverzichtbares Requisit: Die Weißwandreifen adelten die profanen Walzen und gaben dem Design eine elegante Note. Wie bei den Trittbrettern ist auch hier die Frage nach dem tieferen Sinn durchaus berechtigt. Doch fragt die Mode danach, was sinnvoll ist? Die weißen Flanken waren in ihrer Zeit ein unumstrittenes modisches Designelement und trugen zum Prestige der von ihnen geschmückten Modelle bei.

Irgendwann wurden die Reifenflanken jedoch immer kompakter, und der weiße Rand verschwand nach und nach. Weißwandreifen waren untrennbar mit überbordendem Chromschmuck verbunden. Verchromte Zierleisten, Rückspiegel und Stoßstangen waren unverzichtbar, und in den USA rollten die Straßenkreuzer als glänzende Lamettamobile über die Straßen.

Und heute? „Früher war mehr Lametta“, würde Loriot klagen, wenn er die „nackten“ Modelle sehen könnte. Denn irgendwann suchte die Nachhaltigkeit auch die Automobilentwicklung heim, und der wenig umweltfreundliche Chrom verschwand von den Karosserien.

Auf ein trauriges Kapitel folgt das nächste

Ein weiteres für die Freunde des traditionellen Designs trauriges Kapitel ist der stille Abschied von analogen Rundinstrumenten. Es ist noch nicht lange her, da breitete sich vor dem Menschen hinter dem Lenkrad eine mitunter beeindruckende Uhrensammlung aus. Ein Tachometer und Drehzahlmesser sowie Instrumente für Öldruck, Temperatur des Kühlmittels und natürlich eine klassische runde Uhr übermittelten die wichtigsten Informationen. Und im Jahre 2026? Wenn die Kreativen überhaupt noch an runde Instrumente denken, sind sie digital erzeugt und haben eine seelenlose Ausstrahlung.

Gut, die digitalisierten Anzeigen sind genauer, doch irgendwie fehlen die zitternden Zeiger der alten Instrumentierung. Es geht aber noch schlimmer: Wenn die Fahrinformationen über einen Bildschirm weitergegeben und erst im dritten Untermenü gefunden werden.

Es war einmal vor langer Zeit: analoge Rundinstrumente im Cockpit des Automobils
Es war einmal vor langer Zeit: analoge Rundinstrumente im Cockpit des AutomobilsJochen Eckel/Imago

Über die seelenlosen Bildschirme oder das ebenfalls unbestechliche Mobiltelefon zeigen inzwischen Navigationssysteme dem Menschen hinter dem Lenkrad den Weg. Das mag bequem sein, allerdings endet die Route oftmals im geografischen Nirwana. Aber das ist ein anderes Thema.

Früher war da der allwissende Autoatlas die unverzichtbare Navigationshilfe, die hin und wieder Ehekrisen während der Fahrt in den Urlaub verursachte, wenn der Partner die Familie zielstrebig auf die falsche Route gelotst hatte. Jedes Jahr erschien eine neue, aktualisierte Ausgabe auf dem Markt und sicherte den Verlagen eine sichere Einnahmequelle. Heute wirken der klassische analoge Straßenatlas und die Straßenkarten so aktuell wie das Telefonbuch oder das Faxgerät.

Lange bevor sich Gesundheitspolitiker Gedanken über ein Rauchverbot in Autos machten, begann bei den meisten Modellen der Untergang des Aschenbechers. Warum, das weiß niemand so genau. Vom einen auf den anderen Tag war der Ascher verschwunden. Stattdessen kamen die aus den USA übernommenen „Cupholder“ für den erfrischenden Schluck zwischendurch in die Automobile. Für den nikotinsüchtigen Chauffeur gibt es daher nur noch die Alternative: Seitenfenster nach unten und die Straße als Aschenbecher nutzen. Im Winter keine besonders gesunde Prozedur – aber was tut man nicht alles, wenn die Sucht zuschlägt und ausreichend Kippen an Bord sind.

Immerhin bleibt dem Raucher inzwischen erspart, die Glasscheibe über eine in der Vergangenheit verchromte Kurbel nach unten zu bewegen. Inzwischen haben elektrische Fensterheber die vertraute Kurbel nahezu überall abgelöst. Was einst vor allem den gehobeneren automobilen Klassen vorbehalten war, ist inzwischen längst demokratisiert und in allen Segmenten Standard geworden. Wo kein Aschenbecher mehr ist, hat logischerweise auch ein Zigarettenanzünder keinen Sinn mehr, und deshalb wurde der Platz ersatzlos gestrichen.

Wer im Auto rauchen möchte, muss gezwungenermaßen zum eigenen Feuerzeug greifen.
Wer im Auto rauchen möchte, muss gezwungenermaßen zum eigenen Feuerzeug greifen.Imago

Auch in Sachen Unterhaltung hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Früher waren das Autoradio und der Kassettenrekorder oder CD-Player dafür zuständig. Eltern können ein leidvolles Lied davon singen, wenn Benjamin Blümchen den Nachwuchs auf der Fahrt in den Urlaub zum x-ten Mal lautstark unterhielt. Heute werden die Kleinen mittels Tablet einfach ruhiggestellt. Kein „Wann sind wir endlich da?“ mehr.

Das Autoradio versteckt sich nun im Bildschirm, was die Suche nach einem passenden Sender nicht immer einfach macht. Was waren das für Zeiten, als mittels Sendersuchlauf neue Stationen gefunden werden mussten? Zeitgenossen, die sich in der Vergangenheit gerne an den Autoradios in Automobilen bedienten, um ihren Lebensunterhalt aufzubessern, gucken seitdem in die Röhre.

Blumenvase, Wackeldackel, Klopapierrolle: Lebt wohl!

Im Notfall etwas gravierender als das Verschwinden eines analogen Unterhaltungsprogramms ist der Entfall des Reserverads. Nicht, dass es eine besonders angenehme Aufgabe ist, den platten Reifen gegen einen neuen Gummi auszutauschen – aber nach getaner Arbeit war der Wagen wenigstens wieder flott. Und heute? Da kommt allenfalls ein Notrad oder ein Reparaturset zum Einsatz, und die Weiterfahrt ist erst nach Aufenthalt in einer Werkstatt möglich, wo – sofern vorhanden – ein passender Austausch montiert werden kann.

Das fehlende fünfte Rad am Wagen mag sich bei den Produktionskosten positiv auswirken, doch praktisch ist der vermeintliche Fortschritt nicht unbedingt. Vor allem nicht, wenn die Panne ausgerechnet an einem Wochenende die Weiterfahrt beendet.

Klopapierrolle bis Wackeldackel: Hutablagen-Accessoires sind nur noch im Keller zu finden.
Klopapierrolle bis Wackeldackel: Hutablagen-Accessoires sind nur noch im Keller zu finden.Knut Niehus/Imago

Sie waren nie wirklich sinnvoll, und deshalb ist der Verlust der Blumenvase am Armaturenbrett, der Klopapierrolle im gehäkelten Überzug zusammen mit dem Wackeldackel auf der Hutablage durchaus verschmerzbar. Wobei vor allem die liebevoll verpackte Rolle eigentlich nur wenig Sinn ergab. Denn für den Fall der Fälle gab und gibt es ausreichend Lokalitäten am Rande der Straße.

Noch nicht verschwunden, aber definitiv auf der Roten Liste bedrohter Dinge im Automobil ist übrigens der Motorensound, der vor allem von Petrolheads als unverzichtbar geschätzt wird. Der satte Motorensound leistungsstarker Verbrenner wird mit der Zunahme der Elektromobilität aus der akustischen Kulisse verschwinden. Es sei denn, man integriert Apps, mit der die Akustik klassischer Verbrenner in die E-Mobile transplantiert wird. Es bleibt aber die Frage: Will man das?