Fragebogen

Der Sternekoch Max Strohe über Berlin: „Diese Stadt war nicht immer so“

Mit dem Wunsch nach einem Neuanfang im Gepäck kam Max Strohe nach Berlin – und eröffnete hier das Tulus Lotrek. Heute stellt ihn nicht nur die Wohnungssuche vor Probleme.

Sein Herz gehört nach Kreuzberg: Max Strohe.
Sein Herz gehört nach Kreuzberg: Max Strohe.Robert Schlesinger

Max Strohe ist Koch, Gastronom, Autor und Kolumnist. Sein Restaurant Tulus Lotrek in Kreuzberg ist seit 2017 mit einem Stern ausgezeichnet. Einem breiten Publikum ist der 44-Jährige zudem durch TV-Formate wie „Kitchen Impossible“ und als Juror der „Küchenschlacht“ bekannt.

Gerade ist Max Strohes erstes Kochbuch erschienen: In „Dirty Bistro“ zeigt der Querkopf der Spitzengastronomie, wie Nussbutter-Lauch mit Haselnuss-Mayonnaise und frittierten Kapern oder Bouillabaisse auch zu Hause gelingen. Strohes Zuhause ist seit vielen Jahren Berlin – wo genau er sich hier beheimatet fühlt, hat er uns im Fragebogen verraten.

1. Herr Strohe, Sie sind 1982 in Bonn zur Welt gekommen. Was hat Sie nach Berlin geführt?

2007 bin ich nach Berlin gefahren, um mir mit meinem Vater die Stadt anzugucken. Und dabei habe ich so großes Fernweh verspürt und den Wunsch nach dieser Anonymität und einem Neuanfang, dass ich einfach geblieben bin. Ich bin seit fast 20 Jahren in Berlin wahlbeheimatet, wie man so sagt.

2. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie schon gelebt – und wo sind Sie schließlich gelandet und geblieben? 

Ich habe zuerst in der Arndtstraße im Bergmannkiez gewohnt. Das war damals noch erschwinglich. Wir lebten in einem dieser romantischen Hinterhöfe, wo die Leute noch selbst ihre Fahrräder repariert haben. Alles wirkte authentischer und war noch nicht so extrem touristisch überlaufen. Irgendwann mussten wir aus der Wohnung raus – wir hatten dort nur zur Untermiete gewohnt –, weil das Haus saniert wurde.

Gemeinsam mit meiner damaligen Freundin bin ich dann nach Prenzlauer Berg in die Isländische Straße gezogen, in eine Wohnung mit Ofenheizung in relativ rohem Zustand. Dort haben wir gelebt, bis meine Tochter geboren wurde. Prenzlauer Berg war ganz anders als Kreuzberg. Ich weiß noch, dass wir damals nichts anderes gefunden hatten und uns anfangs sagten: „Wir ziehen da jetzt ein, fahren aber einfach ständig nach Kreuzberg zurück.“ Aber das haben wir nie gemacht.

3. Warum nicht?

Ich glaube, das ist kein seltenes Phänomen in Berlin: Man arrangiert sich in seinem Kiez. Man findet seinen Bäcker, seinen Supermarkt, knüpft Kontakte und bleibt dann dort. In andere Bezirke fährt man höchstens wie in den Urlaub. Eine Ausnahme ist Charlottenburg: Da kommt man immer wieder hin, weil es sich nicht wie das typische Berlin anfühlt. Es ist wie eine Zeitreise in die „gute alte BRD“. Da gibt es das KaDeWe und Cafés mit Kuchen aus Dosenobst und Gelatine.

Später bin ich nach Schöneberg gezogen, in die Bautzener Straße, direkt an die Grenze zu Kreuzberg. Wir hatten täglich die Wahl: Gehen wir in Schöneberg einkaufen und essen oder doch in Kreuzberg? Natürlich haben wir uns meist für Kreuzberg entschieden. Nach einer kurzen Exkursion zurück in die Heimat und einem erneuten Zwischenstopp in Prenzlauer Berg zog ich schließlich wieder fest nach Kreuzberg – direkt über den Laden, mit Ilona. Mittlerweile wohne ich wieder in Prenzlauer Berg, weil es dort einfach ruhiger ist und meine Tochter dort zur Schule geht. Aber mein Herz gehört nach Kreuzberg – oder zumindest irgendwo in die Welt zwischen Kreuzberg und Prenzlauer Berg.

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Max Strohe
Zur Person
Max Strohe begann seine Lehre in der Wendelinusstube in Sinzig-Koisdorf, schloss sie aber im Hotelrestaurant Hohenzollern in Bad Neuenahr-Ahrweiler ab. Seit 2007 ist er in Berlin tätig, bis zur Gründung seines eigenen Restaurants in den Lokalen The Grand, Frau Mittenmang und Parkstern. Sein Kochbuch „Dirty Bistro“ ist im DK Verlag erschienen (240 S., 35 Euro).

4. Eines der größten Probleme in der Stadt ist, dass Leute keine passende Wohnung mehr finden. Wie war das bei Ihnen?

Vom Thema Wohnungssuche kann ich gerade ein Lied singen. Ich suche seit Ende letzten Jahres etwas für meine Tochter und mich. Das Angebot ist absurd: Entweder gibt es nur bis 70 oder ab 150 Quadratmeter – ich brauche genau das dazwischen, aber da findet sich kaum etwas, außer Tauschwohnungen. Ebenso absurd sind die Preise und das Gebaren der Vermieter. Über die gängigen Dinge wie Schufa und Gehalt hinaus wollen sie alles wissen: ob die Partnerin schwanger ist oder ob man Haustiere hat – inklusive Nachweisen und Versicherungen. Das ist vollkommen unmenschlich und schade für Berlin. Diese Stadt war nicht immer so.

5. Vor zehn Jahren haben Sie gemeinsam mit Ilona Scholl das Tulus Lotrek eröffnet. Ein eigenes Restaurant mitten in Berlin: Würden Sie’s wieder tun?

Manchmal frage ich mich, woher ich damals die Energie und den Mut genommen habe. Ich war jünger und hatte nichts zu verlieren. Ob ich es noch mal machen würde, weiß ich nicht. Wenn, dann natürlich nur mit Ilona. Wir spielen zwar mit dem Gedanken, ein Bistro zu eröffnen, aber auch da ist es schwierig: Man muss eine Immobilie finden, und die Preise sind unverschämt. Das ist herausfordernd, und wir wollen das Tulus nicht vernachlässigen. Deswegen haben wir uns bisher dagegen entschieden. Aber wenn jemand um die Ecke kommt, der sein Hotelrestaurant mit einem guten Bistro bestücken möchte, wäre ich der Erste, der Ja sagt.

6. Sie sind damals schnell zum Aufsteiger gekürt worden, 2017 gab’s den Stern. Wie schwer ist es, in Kreuzberg ein Gourmetrestaurant zu führen?

Wir haben uns um den Standort erst mal gar keine Gedanken gemacht. Uns war schnell klar, dass wir kein reines Nachbarschaftslokal sein würden. Natürlich haben wir gerne Nachbarn da, aber uns war bewusst, dass die Leute aus ganz Berlin zu uns kommen würden. Wir hatten das Glück, dass wir durch den Stern – verliehen 2017 für das Jahr 2018 – diesen Anklang fanden; danach nahmen die Gäste noch ganz andere Reisen auf sich. Damals waren wir so mit uns selbst beschäftigt und haben quasi in den vier Wänden des Restaurants gelebt, sodass der Standort fast zweitrangig war. Dennoch bin ich Kreuzberg und Berlin sehr dankbar für diese Chance. Ich glaube, das wäre zum damaligen Zeitpunkt in keiner anderen deutschen Stadt möglich gewesen.

7. Andere Kollegen wie Björn Swanson sehen schwarz für die Berliner Gastronomie, sprechen von Politikversagen. Verstehen Sie den Frust vieler Gastronomen?

Die Situation ist angespannt, herausfordernd und erfordert eine gehörige Portion Resilienz. Jeder geht anders mit der Krise um und findet eigene Lösungen, aber unterm Strich ist es hart. Ich finde, die Berliner Gastronomie- und Tourismusbranche muss aktiv werden – genau wie die Stadt selbst, auch unabhängig von der Gastro. Berlin muss wieder lukrativ und interessant werden, um eine magische Anziehungskraft auf Touristen aus dem In- und Ausland auszuüben. Kurz gesagt: Berlin muss einfach wieder sexy werden.

8. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?

Meine Wohnküche, gefüllt mit Menschen, die ich liebe, und ansonsten der Fischkutter im KaDeWe oder das Restaurant Pamfilya in Wedding. Außerdem das Café Frieda natürlich und die neue Bar Levain.

9. Ihre persönliche No-go-Area? 

Die gibt es für mich eigentlich nicht. Ich versuche grad, die Stadt wieder neu zu entdecken, unserer Beziehung eine neue Chance zu geben. So etwas wie ein Revival der großen Liebe stattfinden zu lassen. Ich glaube, dafür muss man gerade an die Orte, die man sonst meidet, aber was ich immer meide, sind die U8 und die U7 nach Einbruch der Dunkelheit.

10. In welchem Restaurant – außer Ihrem eigenen – reservieren Sie für einen gelungenen Abend mit Freunden?

Neben den schon genannten gern im Big Window oder bei Tim Raue, im Rutz oder im Coda Restaurant. Und natürlich bei Duc Ngo auf der Kantstraße – sei es im Kuchi, im Funky Fisch oder im 893 Ryotei.

11. Einkaufen in der Stadt: In welchem Laden kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?

Ich gehe hier selten shoppen. Gäbe es in Berlin so etwas wie den Dover Street Market, dann würde ich das sagen, aber den gibt es leider nicht.

12. Der beste Stadtteil Berlins? 

Für mich gibt es zwei Favoriten: Kreuzberg und Charlottenburg. In Charlottenburg möchte ich leben, wenn ich mal alt bin.

13. Was nervt Sie am meisten an der Stadt?

Die wackelnde Infrastruktur und die Resignation der Menschen. In Berlin herrscht eine Stimmung, die von schlechter Laune, Empörung und mangelndem Dienstleistungswillen begleitet wird. Das führt zu einem gewissen Identitätsmangel: Berlin weiß gerade nicht, was oder wie es sein will. Es probiert in alle Richtungen alles aus, aber für mein Empfinden fehlt eine klare DNA. Das nervt mich am meisten.

14. Wie sieht Ihr perfektes Wochenende in Berlin aus – vom ersten Kaffee am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?

Mein perfektes Wochenende beginnt mit Ausschlafen bis 7.30 oder 8 Uhr. Zuerst gibt es einen Espresso aus der eigenen Maschine oder einen Matcha Latte mit Kokoswasser und Zimt. Danach folgen Sport oder ein langer Spaziergang und bei gutem Licht Fotografieren. Später bin ich im Laden und gehe abends vielleicht ins Theater – das neue Stück mit Lars Eidinger soll grandios sein. Am Samstagmittag gerne Lunch im Café Frieda; Mittagessen auf diesem Niveau ist großartig, leider fehlt in dieser Stadt noch das passende Publikum dafür. Das ist irgendwie eine Verweigerung von Genuss.