Wer sich mit dem Thema moderne Vaterschaft und der sogenannten neuen Männlichkeit beschäftigt, der kommt an Sebastian Tigges nicht vorbei. Nach der Geburt seines ersten Kindes gab er seinen Job als Rechtsanwalt auf, wurde mit seinem Format „The Walking Dad“ zum bekannten Content Creator.
Jetzt hat der erfolgreiche Podcaster ein Buch geschrieben. In „Becoming Dad“ sucht er Antworten auf die zentrale Frage: Was für ein Vater will ich sein? Er teilt persönliche Erfahrungen und bietet Anregungen für den Alltag. Da wollten wir natürlich wissen: Wie ist der Alltag als moderner Vater in Berlin? Und wieso konnte Tigges das Klischee eines perfekten Prenzlauer-Berg-Vaters nie in die Realität umsetzen?
1. Herr Tigges, Sie sind 1984 in Münster zur Welt gekommen. Wann hat es Sie nach Berlin verschlagen?
Ich lebe seit 2014 in Berlin. Ich bin damals aus Hamburg hierhergezogen. Nach Hamburg war ich für mein Referendariat gegangen und weil dort viele meiner Freunde lebten. Diese waren jedoch schrittweise alle nach Berlin gezogen, und so habe ich es dann auch gemacht – Berlin war damals für viele Menschen in meinem Umfeld ein großer Sehnsuchtsort.
2. Das erste Mal in der Hauptstadt – was war Ihr erster Eindruck?
Ich weiß noch, dass ich am 1. Mai in meine kleine, möblierte Wohnung zog, nur schnell mein Hab und Gut – einen Koffer und eine Tasche – ablegte und sofort wieder rausging. Die Sonne schien, ich lief an Kirschbäumen vorbei auf die Zionskirche zu, in Richtung einer Party, zu der ich eingeladen war. Im Anschluss ging es nach Kreuzberg. Und während ich so durch die Straßen streifte, überkam mich ein Gefühl von Freiheit, das mir keine Stadt zuvor gegeben hatte.
3. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie schon gewohnt?
Meine Berliner Wohnbiografie liest sich wie eine Reiseroute durch die Klassiker der Gentrifizierung. Anfangs habe ich in Mitte nahe dem Teutoburger Platz gelebt, in einer Straße, in der angeblich Angela Merkel ihre erste Berliner Wohnung hatte. Was für ein Einstand. Nach ein paar Umzügen in der gleichen Gegend und einem kurzen Intermezzo auf der Torstraße zog ich 2018 mit meiner damaligen Partnerin zurück in genau das Haus, in dem ich zu Beginn gewohnt hatte. Der Kreis schloss sich also. Als wir Eltern wurden, folgte natürlich der Umzug nach Prenzlauer Berg – wohin auch sonst.
Mittlerweile wohne ich wieder in Mitte, in meinem alten Kiez. Ich wäre 2017 fast nach Kreuzberg gezogen, habe mich dann aber nicht getraut, weil alle meine Freunde in Mitte/P-Berg wohnten und ich es so genoss, sie alle in der Nähe zu wissen. Aktuell liebäugle ich mit Charlottenburg oder Schöneberg, einfach um mal etwas Abwechslung zu haben.

4. Als Podcaster, Content Creator und Autor thematisieren Sie moderne Vaterschaft und gleichberechtigte Elternschaft. Als Vater zweier kleiner Kinder: Wie familienfreundlich ist Berlin?
Ehrlich gesagt besser als sein Ruf. Klar, es ist eine Großstadt, und wer mit zwei kleinen Kindern unterwegs ist, merkt das an jeder kaputten Bordsteinkante. Aber Berlin hat auch etwas, das ich nicht unterschätzen würde: kostenfreie Kitas. Das ist doch der Hammer! In München sieht das ganz anders aus. Was nervt: dass die wenigen richtig guten Familienangebote immer so überlaufen sind, dass man sich fragt, ob ganz Prenzlauer Berg denselben Tipp auf Instagram gesehen hat.
5. Im Buch schreiben Sie, Sie hätten vor der Geburt Ihres Sohnes die Vorstellung gehabt, mit ihm ganz dem Klischee eines Prenzlauer-Berg-Vaters zu folgen: Von Café zu Café schlendern, er schläft im Kinderwagen, Sie lesen genüsslich Zeitung. Wie kam es dann wirklich?
Die Zeitung habe ich nie gelesen – nicht eine einzige Ausgabe. Stattdessen war ich täglich stundenlang mit meinem Sohn in der Babytrage unterwegs, weil er ausschließlich in Bewegung schlief. Stillstand war sein persönlicher Albtraum. Aber ich will mich nicht beschweren: Ich habe dadurch mehr Schritte gemacht, als jeder Fitnesstracker empfehlen würde, und Ecken von Berlin kennengelernt, die ich sonst nie entdeckt hätte.
6. Auf Social Media, wo Sie sich auch viel bewegen, wird sehr viel über Berlin geschimpft: Die Stadt habe sich in den vergangenen Jahren zum Negativen verändert, sei dreckiger und aggressiver geworden, verwahrlose zusehends. Wie nehmen Sie diese Debatten wahr?
Ich bin immer wieder erstaunt über den grassierenden Berlin-Verdruss. Natürlich nervt Berlin oft. Die Behörden sind überlastet, überall ständig Baustellen und Stau – und im Winter ist es nahezu unerträglich grau. Aber das sind keine neuen Entwicklungen, und am Ende frage ich mich dann häufig, ob es woanders, in einer anderen großen Stadt, besser ist – und zumindest in Deutschland sehe ich das nicht.
7. Was nervt Sie persönlich am meisten an der Stadt – und was heitert Sie wieder auf?
Die Fahrradwege. Beziehungsweise das Fehlen davon. Ich fahre viel Rad in dieser Stadt, und manchmal hat man das Gefühl, der letzte Radweg wurde noch unter Wowereit geplant, und seitdem wartet man auf den nächsten. Kopenhagen, Amsterdam – die sind da Welten voraus, und Berlin diskutiert noch, wo man anfangen könnte. Mich heitert jedes Jahr der Frühlingsbeginn auf. Wenn die Sonne wieder rauskommt, die Bäume blühen und diese großartige Stadt förmlich explodiert mit Leben und Geselligkeit. So verliebe ich mich jedes Jahr aufs Neue in Berlin.
8. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?
Ich weiß, das klingt wie aus einem Reiseführer, aber: Jedes Mal, wenn ich über die Museumsinsel laufe, macht mich das sehr glücklich. Manchmal braucht man keine hippe Geheimtipp-Bar in Neukölln – manchmal reicht es, über eine der beeindruckendsten Kulturlandschaften Europas zu spazieren und sich daran zu erinnern, warum man eigentlich in dieser wunderbaren, chaotischen Stadt lebt.
9. Ihre persönliche No-go-Area?
Der Potsdamer Platz. Für mich ein architektonisches Trauerspiel, das irgendwann in den Neunzigern beschlossen hat, seelenlos zu sein, und seitdem konsequent dabei geblieben ist.
10. Ein Abend mit Freunden – in welchem Restaurant wird reserviert?
Im Bostich in Wilmersdorf.
11. Einkaufen in der Stadt: In welchem Laden kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?
Bei Maximilian Mogg in Charlottenburg. Bessere Anzüge sind in Berlin schlicht nicht zu haben. Wer dort einmal eingekleidet wurde, versteht, warum manche Menschen eine emotionale Bindung zu ihrem Schneider entwickeln.
12. Der beste Stadtteil Berlins?
Ich mag Prenzlauer Berg, Mitte, Charlottenburg, Kreuzberg – alles aus guten Gründen, je nach Stimmung. Aber wenn mich jemand zwingt, einen zu nennen: Moabit. Weil dort keiner hinwill, und genau deshalb ist es da so gut. Keine Touristengruppen, keine Concept Stores, einfach ein Stadtteil, der sein Ding macht, ohne sich dafür auf Instagram feiern zu lassen.


