Es geht um die Wurst

Abschied vom Herzstück des Ostens: Europas einst größte Wurstfabrik schließt ihre Tore

Die Wurstfabrik in Eberswalde war einst die größte Europas – und muss nun endgültig schließen. Wie erleben die Mitarbeiter das Aus nach der Übernahme durch Tönnies?

„Iss doch Wurst“ – nach Jahrzehnten macht das Unternehmen Eberswalder Wurst dicht.
„Iss doch Wurst“ – nach Jahrzehnten macht das Unternehmen Eberswalder Wurst dicht.Soeren Stache/dpa

Für die Einheimischen ist der Werksverkauf von Eberswalder Wurst in der nördlich gelegenen Gemeinde Britz eine feste Adresse. Man fährt über einen riesigen Parkplatz, um den sich mehrere einfache Gebäude gruppieren – typische Baracken, wie man sie früher überall im Osten sah. Im Inneren findet man den Bäcker Wiese aus Eberswalde, einen Getränkemarkt und einen Sonderposten-Markt, einer der günstigen Läden, die in Eberswalde nach wie vor sehr beliebt sind.

In das Wurstwerk selbst gelangt man nicht, dafür sorgen Tag und Nacht Sicherheitsleute im Wärterhäuschen mit Schranke. Das Schlacht- und Verarbeitungskombinat aus DDR-Zeiten, das sich auf rund 65 Hektar erstreckt, war beim Bau 1977 der größte Fleischverarbeitungsbetrieb Europas. Rund 3000 Mitarbeiter sorgten dafür, dass die HO-Gaststätten stets genügend Würstchen und Fleischprodukte hatten. Die riesigen Plattenbausiedlungen in Eberswalde, die bis heute stehen, wurden extra für die Beschäftigten gebaut.

Ein Teil des Fleisches stammte damals aus der nur wenige Kilometer entfernten Schweinemastanlage Lichterfelde, deren Überreste noch heute sichtbar sind. Die Dimensionen waren beeindruckend: Bis zu 200.000 Schweine wurden hier gehalten. In der angeräucherten Variante gingen die berühmten Eberswalder Würstchen zu DDR-Zeiten für harte Devisen nach West-Berlin. Dann fiel die Mauer – und wie überall sonst im Osten wurden Mitarbeiter entlassen.

Eberswalde verliert einen seiner größten Arbeitgeber

Nun ist es ein für alle Mal vorbei; sogar die Website des Unternehmens Tönnies war zeitweise offline. Ende Februar wird die Produktion in Eberswalde endgültig eingestellt und im April werden die rund 500 Angestellten der Wurstfabrik entlassen. Damit verliert Eberswalde einen seiner größten Arbeitgeber. Eine Nachfrage der Berliner Zeitung beim Vorstand der EWN Wurstspezialitäten GmbH & Co. KG blieb indes unbeantwortet.

Ein Hoffnungsschimmer für die Mitarbeiter ist das Angebot der Firma Zuegg aus Werneuchen, die Fruchtzubereitungen herstellt. Mehr als ein Dutzend Fachkräfte, insbesondere Lebensmittelchemiker, wolle man aus Eberswalde übernehmen, schrieb eine Lokalzeitung aus Eberswalde.

2023 stattete Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke dem Stand der Eberswalder Wurst auf der Grünen Woche in Berlin einen Besuch ab.
2023 stattete Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke dem Stand der Eberswalder Wurst auf der Grünen Woche in Berlin einen Besuch ab.Volker Hohlfeld/imago

Zuletzt wurden in Eberswalde je nach Saison etwa 200 Tonnen Wurstwaren pro Woche hergestellt – überwiegend Brühwurst in Schutzatmosphäre oder Vakuumverpackung. Der Jahresumsatz soll bei rund 85 Millionen Euro gelegen haben. Auf der Grünen Woche in Berlin war die Eberswalder Wurst noch mit einem Stand vertreten, an dem es Wurst in Bärchenform zu kaufen gab – „Abschiedsbären“ nannten manche Besucher sie.

Nach Bekanntgabe der Schließung mussten die Angestellten der EWN Wurstspezialitäten GmbH & Co. KG eine Unterlassungserklärung unterschreiben, in der es ihnen unter Androhung hoher Vertragsstrafen untersagt wird, Betriebsinterna nach außen weiterzugeben. Die Berliner Zeitung sprach dennoch mit Angestellten, wird jedoch ihre Identität geheim halten.

Versäumnisse der lokalen Unternehmensführung

„Der Einstieg des Tönnies-Konzerns wurde von vielen Beschäftigten am Standort Eberswalde zunächst als Rettung wahrgenommen“, erklärt ein Arbeitnehmer. Nach Meinung mehrerer Angestellter hätte der Betrieb ohne diese Übernahme bereits vor zweieinhalb Jahren nicht weiter fortgeführt werden können.

Doch die Hoffnung auf eine Rettung zerschlug sich relativ schnell: „Die wirtschaftliche Stabilisierung durch den Konzern hat nur Zeit verschafft – die grundlegenden strukturellen Probleme wurden in dieser Zeit nicht gelöst“, so eine Angestellte. Sie erzählt, dass viele Beschäftigte die strukturellen Probleme vor allem in den Fehlentscheidungen und Versäumnissen der lokalen Unternehmensführung sahen. Diese hätten bereits in den Jahren vor der Übernahme stattgefunden.

Konkret nennt sie Defizite im Management, unterlassene Investitionen in moderne Produktionsmaschinen, in die Kälteinfrastruktur und Energieinfrastruktur sowie eine unzureichende Sicherung von Fachkräften. Aus Sicht vieler Mitarbeiter hat sich dadurch eine schrittweise wirtschaftliche Schwächung des Standortes entwickelt, verbunden mit einem Investitionsstau in Millionenhöhe. „Angesichts der geringen Margen in der Branche war dieser Investitionsstau aus eigener Kraft kaum noch zu bewältigen gewesen“, so die Beschäftigte.

Andere Beschäftigte berichten zudem, dass es in dieser Phase Gespräche über mögliche Unterstützungs- und Finanzierungsangebote gegeben habe, insbesondere im Zusammenhang mit der dringend erforderlichen Modernisierung der Kälteanlage. Doch seien nach deren Wahrnehmung entsprechende Optionen von der Geschäftsführung damals nicht weiterverfolgt worden. Öffentliche Darstellungen der Geschäftsführung stehen dazu allerdings im Widerspruch.

Schließung nicht politisch oder strategisch motiviert?

Was die wenigsten wissen: Die lokale Geschäftsführung blieb nach der Übernahme von Tönnies weitgehend unverändert im Amt – und gleichzeitig wurden notwendige strukturelle und organisatorische Veränderungen nicht konsequent angegangen. „Weder in der strategischen Ausrichtung noch in der Unternehmenskultur fand ein spürbarer Kurswechsel statt“, so die Beschäftigte.

Sie widerspricht der vielfach in den Medien dargestellten Behauptung, dass der Einstieg des Tönnies-Konzerns primär dem Zweck gedient habe, einen Wettbewerber im Osten vom Markt zu nehmen. Viele Beschäftigte würden dies ganz anders wahrnehmen: „Wir denken, dass der Konzern den Betrieb rund zweieinhalb Jahre lang wirtschaftlich stabilisiert hat, laufende Verluste getragen hat und dem Standort überhaupt erst eine Perspektive eröffnet hat“, so jene Beschäftigten.

Zuletzt wurden in Eberswalde teilweise etwa 200 Tonnen Wurstwaren pro Woche hergestellt.
Zuletzt wurden in Eberswalde teilweise etwa 200 Tonnen Wurstwaren pro Woche hergestellt.Thilo Rückeis/imago

Doch es half alles nichts. Trotz der durch den Konzern geschaffenen finanziellen Spielräume sei der Betrieb weiterhin defizitär geführt worden. „Vor diesem Hintergrund wird die Entscheidung zu schließen von vielen Mitarbeitern nicht als politisch oder strategisch motiviert verstanden, sondern als rein wirtschaftliche Konsequenz“, so ein Angestellter. Der Niedergang sei über Jahre hinausgezögert worden, die Übernahme durch Tönnies habe den Prozess lediglich verlangsamt.

Die Vokabel „Nachhaltigkeit“, mit der Tönnies auf seiner Website wirbt, können viele Angestellte indes nicht nachvollziehen. „Wenn ich sehe, wie viel Fleisch und Wurst hier weggeschmissen wird – wenn es zum Beispiel verspätet ausgeliefert wird –, dann kann ich da nur den Kopf schütteln“, sagt eine Beschäftigte.

Minimale Abfindungen für langjährige Arbeit

Besonders schlecht zu sprechen sind Angestellte auf die Handhabung der Abfindung. Diese ergibt sich nämlich nur aus der Zeit, in der die Mitarbeiter nach der Übernahme bei Tönnies gearbeitet haben. Alle Angestellten, die  schon vorher bei der Eberswalder Wurst beschäftigt waren, stehen nun bedröppelt da – mit minimalen Abfindungen.

Da helfen auch die Worte der Ministerin für Ernährungswirtschaft, Hanka Mittelstädt, wenig: „Für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die teilweise generationenübergreifend die Versorgung mit Fleisch- und Wurstwaren der Marke Eberswalder mit harter Arbeit gesichert haben, endet eine Lebensaufgabe.“

Die Politikerin geht auch darauf ein, dass sich für viele Menschen nun Mechanismen zu wiederholen scheinen, die sie aus der Zeit nach dem Mauerfall kennen: „Dass die Enttäuschung über diese Entwicklung auch den Blick auf den Zusammenhalt zwischen Ost und West erneut verfestigen wird, ist menschlich mehr als nachvollziehbar.“

Jene Arbeitnehmer werden es wohl mit bitterer Miene zur Kenntnis nehmen, wenn Clemens Tönnies, der 45 Prozent Anteile an der Tönnies Holding hält und ein Vermögen von mehr als einer Milliarde Euro sein Eigen nennt, mit dem Hubschrauber mal in Eberswalde vorbeischaut.

Die Bedingungen in der Fleisch- und Wurstindustrie hatten schon lange einen schlechten Ruf. Nur jedes 50. Tier wird bei Tönnies unter besseren Bedingungen gehalten, als es die Mindestanforderungen gebieten, und während der Corona-Pandemie kamen höchst unappetitliche Tatsachen über die hygienischen Zustände in den Sammelunterkünften, in denen die Tönnies-Vertragsarbeiter leben, ans Tageslicht. Ganz zu schweigen von den perfiden Arbeitsverträgen der Subunternehmer, die die Schlachtgehilfen anheuern.

2025 lag der Jahresumsatz der Eberswalder Wurst wohl bei rund 85 Millionen Euro.
2025 lag der Jahresumsatz der Eberswalder Wurst wohl bei rund 85 Millionen Euro.Thilo Rückeis/imago

Einen Pressewirbel verursachte auch die Aussage von Tönnies beim Tag des Handwerks 2019 in Paderborn. Zur Vermeidung der Klimasteuer in den Industriegesellschaften und zur Begrenzung des Klimawandels solle man 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren: „Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren“, so der Unternehmer.

Die im Handel gut eingeführte Eberswalder Wurst soll es in Zukunft auch weiter zu kaufen geben, der Name bleibt erhalten. Nur wo die Eberswalder Wurst produziert wird, ist derzeit offen. Im Gespräch sind Werke in Suhl, Chemnitz und Zerbst.