Die Luftgitarre ist ein praktisches Instrument. Sie passt in jedes Gepäck, man kriegt sie ohne Probleme durch den Zoll und sie verstimmt sich nicht, wenn die Temperatur schwankt.
Das erleichtert den Künstlerinnen und Künstlern, die jedes Jahr an den Air Guitar World Championships in Oulu im Norden Finnlands teilnehmen, die Anreise und die Performance.
Aus der ganzen Welt kommen sie hierher, um auf der Bühne ekstatisch mit der Musik zu verschmelzen, das Event wirkt wie eine fröhliche Mischung aus Christopher Street Day und Metal-Konzert: kreischende Gitarren, jubelndes Publikum, wilde Mähnen, glitzernde Kostüme, alle dürfen sein, wie sie wollen, Mann, Frau, dick, dünn, der Verstärker zerreißt alle Genderklischees. Wann war ein Kulturevent schon mal so dröhnend und gleichzeitig so rührend?

Direkt am Bottnischen Meerbusen
Seit 1996 gibt es diese Veranstaltung, sie feiert also 2026 ihr 30. Jubiläum, und einen besseren Zeitpunkt kann man sich überhaupt nicht vorstellen, hat die Europäische Union doch Oulu in diesem Jahr zur Kulturhauptstadt gekürt.
Reisenden, die durch diese Auszeichnung neugierig werden, hat Oulu viel zu bieten: Naturerlebnisse allerorten, die Stadt liegt direkt am Bottnischen Meerbusen, im Osten der Stadt lockt der Oulanka Nationalpark mit guten 280 Quadratkilometern ursprünglicher Natur aus dunklen Wäldern und reißenden Flüssen, perfekt zum Wandern und für Fahrten mit dem Kanu oder dem Kajak im Sommer oder zum Schneeschuhwandern im Winter.

Radwege werden im Winter geräumt
Wer näher an der Zivilisation bleiben und trotzdem in die Natur möchte, macht vielleicht nur einen Tagesausflug zu den Stromschnellen bei Koteli – der Fluss Kliminkjoki ist ideal zum Schwimmen, die gut ausgebauten Wanderpfade sind perfekt für einen Spaziergang durch den Wald. Da es hier wenig künstliche Beleuchtung gibt, sind die Stromschnellen ein guter Ort, um im Winter die Polarlichter leuchten zu sehen.
Das städtische Lebensgefühl Oulus ist geprägt von unbeschwerter Renitenz, ab dem 18. Jahrhundert stieg die Stadt zu einem der weltweit wichtigsten Zentren für die Gewinnung von Teer auf, im Laufe der Jahrhunderte ist die Stadt mehrmals abgebrannt und wurde wieder aufgebaut. Durch den Firmensitz von Nokia war Oulu in den frühen Zweitausendern das Zuhause einer der wohl coolsten Marken der Welt, bis heute ist es eine Heimat des technischen Fortschritts, erst 2025 investierte Nokia rund 200 Millionen Euro in einen neuen Campus für Forschung und Entwicklung.
Zum studentischen Lebensgefühl der Stadt tragen nicht nur zwei Universitäten bei, sondern auch die Liebe der Einwohner zum Fahrradfahren: Das Netz an Radwegen ist gut ausgebaut und sie werden sogar im Winter geräumt, selbst in bitterster Kälte werden rund 12 Prozent aller Fahrten innerhalb der Stadt mit dem Fahrrad erledigt. Die geografische Lage trägt auch zur lebendigen Kulturszene der Stadt bei, es sind nur gute 200 Kilometer bis zum Polarkreis, die Winter sind lang und kalt und dunkel – beste Rahmenbedingungen, um sich drinnen mit Freunden zu treffen und Musik oder andere Arten von Kunst zu machen.

Kultur braucht Platz, und ein spektakulärer neuer Raum dafür entsteht jetzt in einer echten Architekturikone: Wie eine Kathedrale erhebt sich das Aalto Siilo in den Himmel, ein langer, schmaler Quader mit einem 28 Meter hohen, steil aufsteigenden Dach, auf dem scharfe Rippen liegen, 1931 mit brachialer Eleganz aus Beton gegossen. Entworfen haben es Aino Aalto und ihr berühmter Ehemann Alvar; vielen ist er bekannt durch die Aalto-Vase, eine gläserne Blumenvase, so elegant geschwungen wie die Ufer der finnischen Seen.
Rau und unvollendet
Von solcher Naturverliebtheit ist im Aalto Siilo nichts zu spüren, hier hat die britische Firma Dixon & Son weiland Papier verarbeitet, danach stand das Gebäude lange leer. Jetzt erlebt das Bauwerk eine Wiedergeburt als Raum für Konzerte und Ausstellungen, und Valentino Tignanelli hat schon die Shows vor Augen.
„Man kann so ein Gebäude nicht allein deshalb retten, weil es von Aalto stammt, die Gemeinschaft muss es annehmen“, sagt der argentinisch-italienische Architekt, als er kurz vor dem Ende der Umbauten in seinem neongelben Overall die Baustelle besichtigt. „Dies ist ein perfekter Raum für Lichtkunst. Er ist so rau und wird immer ein bisschen unvollendet bleiben – genau das lässt für Menschen einen Raum, den sie mit ihren Erlebnissen füllen können.“

Das Aalto Siilo ist einer von vielen Orten, an denen Oulu neuen Raum für Kunst geschaffen hat, insgesamt ergeben sie eine Fläche von 16.000 Quadratmetern, und die werden gebraucht. Rund 640 Kulturprojekte und 3500 Events verteilen sich über das Jahr, mit Highlights wie den digitalen Performances im riesigen unterirdischen Parkhaus Kivisydän, in dem 900 Autos Platz finden, und dem Lumo Lights Festival, bei dem Lichtinstallationen die Stadt im Winter zum Leuchten bringen.
„Oulu ist die einzige Großstadt im gesamten Norden Europas“, sagt Piia Rantala-Korhonen, CEO des Projekts Oulu 2026. „Die Städte weiter nördlich in Schweden und Norwegen sind viel kleiner. Wir haben 216.000 Einwohner und binden 39 Gemeinden aus der Umgebung mit ein, von der russischen bis zur schwedischen Grenze.“
Dass Vielfalt in Oulu tatsächlich gelebt wird, zeigt sich auch in der Einbindung des ursprünglichen Volkes der Samen in die kulturellen Events des Jahres. „Ihre Kultur ist für unsere Region enorm wichtig“, erläutert Rantala-Korhonen. „Unser Kunstmuseum wird zeitgenössische samische Arbeiten zeigen und wir werden eine neue Oper präsentieren, die von samischen Künstlern geschaffen wurde.“
Und vielleicht hat sich irgendwann mal ein Gremium gedacht: Das ist ja alles gut und schön, aber wir brauchen noch etwas mehr Glamour, darum holen wir uns mal Andrew Melchior in die Stadt. Immerhin hat der Künstler schon mit David Bowie, Björk, Massive Attack und den Rolling Stones gearbeitet; jetzt findet er im Dom von Oulu aus dem Jahr 1832 perfekte Bedingungen für sein neues musikalisches Abenteuer.
„Ich bin hier reingekommen und dachte, oh mein Gott, der Klang ist großartig“, sagt Melchior, als er im schwarzen Rollkragenpullover vorn am Altarbereich steht. Über dem Mittelschiff wölbt sich eine riesige Kuppel. „Die Ausbreitung des Schalls zeigt dir, wie riesig diese Wände sind.“
Durch Fenster im Ring unter der Kuppel fallen Sonnenstrahlen schräg in den Raum, und Melchior hat noch ganz andere Wellen aus dem All eingefangen: sogenannte Fast Radio Bursts, das sind Ausbrüche von Radiowellen, die aus dem Weltall auf die Erde treffen. „Niemand weiß genau, was sie verursacht“, sagt Melchior. „Es können Magnetare sein, also Sterne mit starken Magnetfeldern, oder Gravitationswellen. Diese Daten sind über Milliarden von Jahren durch Raum und Zeit gereist, und wir wandeln sie in Sounddateien um. Ich will die Menschen einladen, zuzuhören und über die Natur unseres Seins nachzudenken, darüber, wo wir sind und was wir tun.“
Wild, Pilze und Beeren aus den Wäldern
Er verbindet sein Handy mit einem Lautsprecher und spielt einige der Töne ab, manche klingen kurz und perkussiv, andere lang und fast klagend, und die will der Künstler für seine Shows in Musik einbetten. Aber nicht nur das: Die Musik soll später dorthin reisen, wo das Material herkommt. „Wir planen, sie zurück in den Weltraum zu schicken“, erklärt er, und es wird eine lange Reise. „Das Signal wird 18 Millionen Jahre brauchen, um irgendwo anzukommen.“
Wird jemand die Botschaft hören und zu Besuch kommen? Solche Fragen mag sich auch Pasi Ruuskanen stellen, wenn er demnächst den Tisch deckt: Auch Esskultur ist Kultur, und so wird sich beim Summer Night’s Dinner eine 1000 Meter lange Tafel durch Oulu ziehen, das Tischtuch wird von finnischen Designern in Zusammenarbeit mit der China Academy of Arts entworfen und in Hangzhou gefertigt, der chinesischen Partnerstadt von Oulu.
„Die Tafel soll am Marktplatz starten“, sagt Ruuskanen, Projektmanager beim Arctic Food Lab, einem Zusammenschluss von lokalen Herstellern und Restaurants. „Es sollen 3000 Menschen gleichzeitig an ihr Platz finden.“
Auf den Tisch kommen dabei typische Spezialitäten der Region: „Wir haben die Gewässer, die uns Lachs und viele andere Fische liefern“, erklärt er. „Und wir verwenden Wild, Pilze und Beeren aus den Wäldern der Umgebung.“ Aber die wichtigste Zutat dabei ist wohl das freundliche Zusammensein, und es ist genau dieses Gefühl von Gemeinschaft, das Oulu als europäische Kulturhauptstadt feiert. Europa braucht es nötiger denn je.
Unsere Tipps
Anreise
Ein Flug von Frankfurt, München oder Düsseldorf nach Helsinki dauert etwa zweieinhalb Stunden, von dort ist man mit dem Anschlussflug in etwa anderthalb Stunden in Oulu. Lufthansa fliegt Oulu zweimal wöchentlich ab Frankfurt direkt an.
Übernachtung
Sokos Hotel Arina Das moderne Designhotel liegt im Zentrum der Stadt, viele Sehenswürdigkeiten, Cafés und Restaurants sind in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen. Üppiges Frühstücksbuffet mit großer Auswahl. DZ inkl. Frühstück ab ca. 214 Euro, sokoshotels.fi
Oulu mit dem Fahrrad
Nallikari Safaris Mit einem gemieteten Fahrrad von Nallikari Safaris kommen Reisende zügig durch die Stadt und bekommen viel zu sehen. nallikari.fi
Essen und Trinken
Arctic Food Lab Das Summer Night’s Dinner findet am 15. August 2026 statt, vom 24. bis 27. September lernen Gäste auf dem Arctic Tasting Festival in zehn kleinen Gängen die finnische Küche kennen. arcticfoodlab.fi
Oula Kitchen & Bar Im Erdgeschoss des Lapland Hotels serviert das Restaurant, das zum Arctic Food Lab gehört, finnische Klassiker wie Saibling mit Pastinakenpüree und Rentier-Tartar mit Rotkohl und fermentierter Knoblauchmayonnaise.
kitchenoula.fi, laplandhotels.com
Sokeri-Jussin Kievari Komplett aus dunklen Holzbalken gezimmert ist dieses rustikale Restaurant am Zugang zu Korkiasaari, der Insel, auf der auch das Mallassauna liegt. Die Küche ist deftig, bei sonnigem Wetter bietet die Außenterrasse einen schönen Blick aufs Wasser. sokerijussi.fi
Kultur
Aalto Siilo Das Aalto Silo ist Teil des New European Bauhaus: Diese Initiative der Europäischen Kommission wählt Projekte aus, die Technik, Nachhaltigkeit und Gesellschaft verbinden und in ästhetisch ansprechender Weise bereit machen für die Zukunft. aaltosiilo.com, new-european-bauhaus.europa.eu
Air Guitar World Championship Gewinner im Jahr 2025 war Aapo Rautio aus Finnland, der Deutsche Patrick Culek kam auf einen respektablen vierten Platz. 26. bis 29. August 2026, airguitarworldchampionships.com
Dom von Oulu „We are called to love everybody and seek their best“, so beschreibt die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde des Doms von Oulu ihren Auftrag. Allein deswegen möchte man schon hingehen, andere Gründe sind die regelmäßigen kostenlosen Konzerte und die harmonische Wucht des Gebäudes. oulunseurakunnat.fi, andymelchior.com
Kunstmuseum Das Museum zeigt zeitgenössische finnische Kunst und sucht auf wechselnden Veranstaltungen den direkten Austausch mit seinem Publikum. ouluntaidemuseo.fi
Lumo Light Festival Jedes Jahr kommen mehrere zehntausend Menschen, um sich die Lichtkunst in Gebäuden, an Fassaden und auf dem Schnee anzuschauen. 19. bis 22. November, lumo.ouka.fi
Oulu 2026 Auf dieser Website finden sich alle Veranstaltungen im Überblick – ein Newsletter hält über alle Entwicklungen auf dem Laufenden: oulu2026.eu
Theater Wer die Oper „Ovllá“ rund um die Lebenswirklichkeit der Samen verpasst hat, findet im Programm des Theaters viele moderne und klassische Stücke mit englischen Untertiteln und Touren hinter die Bühne auf Englisch. oulunteatteri.fi
Natur
Oulanka Nationalpark Als Tor zum Nationalpark gilt die Stadt Ruka, ein beliebter Wanderpfad ist der 82 Kilometer lange Karhunkierros, das bedeutet auf Deutsch etwa „Bärenring“. Mehrere Hütten und Unterstände für Übernachtungen finden sich direkt an der Route. nationalparks.fi, ruka.fi
Stromschnellen bei Koteli Busse fahren aus der Innenstadt von Oulu bis in die Nähe der Brücke über den Fluss, im Restaurant Koitelin Tunnelmatupa gibt’s herzhafte Gerichte zur Stärkung. koitelintunnelmatupa.fi


