Verdient Xavier Naidoo eine zweite Chance? Seit der Veröffentlichung der Epstein-Files steht die Frage, die Anfang des Jahres noch von vielen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit einem klaren Nein beantwortet worden wäre, wieder im Raum. Der R&B- und Soul-Sänger wurde wegen seiner umstrittenen Äußerungen stark kritisiert und 2024 wegen Volksverhetzung sowie der Verbreitung antisemitischer und Holocaust-leugnender Inhalte angeklagt.
Doch mit Bekanntwerden der Verbindungen mächtiger Personen aus Politik und Wirtschaft zu dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein schien sich diese Verurteilung zwischenzeitlich zumindest gesellschaftlich aufzuweichen. Und das, obwohl sich vor allem die extremeren Behauptungen des 54-jährigen Künstlers durch die bislang veröffentlichten Akten keineswegs bestätigten.
Besonders Kollegen aus der deutschen Musikbranche forderten eine Entschuldigung bei Naidoo. So auch Marcus Staiger. Das Urgestein des deutschen Hip-Hops ist seit den 1990er-Jahren als Musikjournalist aktiv und gilt als prägender Beobachter, Kritiker und Vermittler zwischen Szene und Öffentlichkeit. In dem Podcast „kommonjetzt“ sagte der frühere Labelbetreiber: „Müssen wir uns bei Xavier Naidoo entschuldigen? Auf eine gewisse Art und Weise: Ja, müssen wir.“
So weit, so streitbar. Doch dann tauchte Naidoo bei einer Demonstration gegen Kindesmissbrauch vor dem Bundeskanzleramt auf – und tätigte nach Jahren des Schweigens und einem Entschuldigungsvideo für seine früheren Standpunkte erneut fragwürdige Aussagen. Seitdem ist die Rehabilitierungsdebatte rund um ihn nahezu verstummt. Wir haben Marcus Staiger gefragt, wie er die Situation angesichts dieser Entwicklungen heute bewertet.
Herr Staiger, bevor Xavier Naidoo am 17. Februar im Anschluss an eine Demonstration vor dem Kanzleramt erneut von satanistischen Ritualen und menschenfressenden Eliten sprach, haben Sie sich vorsichtig für eine Entschuldigung bei ihm ausgesprochen. Wie sehen Sie das jetzt?
Ich habe dazu bereits in einem Instagram-Video Stellung bezogen. Ja, ich denke nach wie vor, dass wir alle uns in Teilen bei Xavier Naidoo entschuldigen müssen. Dabei bleibe ich. Zugleich sollte man vor allem die Opfer sexualisierter Gewalt um Entschuldigung bitten, denen jahrelang nicht zugehört wurde und deren Geschichten erst seit der Veröffentlichung der Epstein-Files Glauben geschenkt wird. Und dennoch: Ich glaube trotzdem, dass es für viele Menschen, die sich in den vergangenen Jahren mit diesem Themenfeld beschäftigt haben, unheimlich schwer ist – gerade weil sie immer wieder von deutschen Medien abgewatscht worden sind.
Diese Debatte um eine mögliche Entschuldigung bei Naidoo bleibt bislang sehr im Ungefähren. Wer sollte sich denn Ihrer Meinung nach konkret bei ihm entschuldigen?
Ich kann mich an ein Interview einer sehr bekannten deutschen Wochenzeitung mit Xavier Naidoo erinnern. Darin wurde er gefragt, warum er sich nicht aus gesellschaftspolitischen Themen raushält, sich seiner Kunst zuwendet und abends einfach mal eine Flasche Wein öffnet. Genau diesen Umgang mit abweichenden Meinungen in einer politischen Debatte halte ich für problematisch und nicht zielführend. Künstler müssen sich sehr wohl über ihre Kunst hinaus zu gesellschaftspolitischen Fragen äußern können.
Zudem werden in der deutschen Presselandschaft seit Jahren Klüngeleien zwischen mächtigen Personen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als haltlose Verschwörungstheorien abgetan. Mit den Epstein-Files kommen nun Dinge ans Licht, die das mediale, aber auch das politische Establishment in Bedrängnis bringen werden. Und da müssen sich jetzt alle Betroffenen fragen: Hätten wir da nicht auch andere Meinungen zulassen sollen? Insgesamt vermisse ich in der Presselandschaft eine detailliertere inhaltliche Auseinandersetzung. Stattdessen wurde bis zuletzt eine arrogante Von-oben-herab-Mentalität an den Tag gelegt.
Wie ordnen Sie in diesem Kontext die jüngsten Äußerungen Naidoos ein? Auf der Demonstration sprach er von „Kinderfressern“ und „Dämonen“ und behauptete, es gebe Personen, die „selber Kannibalen sind“ und wollten, „dass wir alle Kannibalen werden, damit wir alle in die Hölle runterfahren“.
Inhaltlich und analytisch halte ich das für Banane. Das geben die bislang veröffentlichten Akten über Epstein gar nicht her. Das alles hat mehr mit Macht, Geld, Kontrolle und Männerfantasien zu tun – und genau diese analytische Ebene finde ich bei Xavier Naidoo überhaupt nicht. Im Grunde genommen sind das derartige Übertreibungen, dass sie eher der Verschleierung als der Aufklärung der tatsächlichen Missbrauchsfälle dienen.

Bereits in den 1990er-Jahren schrieb er für verschiedene Publikationen und seit 2011 ist er als freier Journalist unter anderem für die Berliner Zeitung, das frühere Hip-Hop-Magazin Juice, die Junge Welt, Vice und Zeit Online tätig. Neben seiner journalistischen Arbeit war Staiger auch als Labelbetreiber aktiv: Mit „Royal Bunker“ förderte er früh Künstler wie Kool Savas und trug wesentlich zur Etablierung von Battle-Rap in Deutschland bei.
Hat Sie diese 180-Grad-Wende vom vermeintlich geläuterten Künstler zurück zum „Hardcore-Verschwörungserzähler“ überrascht?
Ja, mich hat das überrascht. Kurz davor hat er ja noch unter Tränen ein Geständnis abgelegt und gesagt, er wolle zurück in die Mitte der Gesellschaft. Mich hat in diesem Zuge auch die Nachricht einer Person erreicht, die mich zum Nachdenken angeregt hat. Sie schrieb mir, das eigentlich Ärgerliche an Naidoos Auftritt im Regierungsviertel sei, dass er den Opfern und Betroffenen jeglichen Raum genommen habe. Jetzt sprechen wieder alle nur über diesen einen Verrückten und nicht über das eigentliche Problem.


