Friedrich-Carl von Ribbeck sitzt an einem massiven alten Holztisch, dem einzigen Möbelstück, das noch original aus alten Zeiten stammt. „Können Sie vielleicht einen Gegenstand in die Hand nehmen, mit dem Sie etwas verbinden?“, fragt ihn der Fotograf. „Nein, da gibt es nichts“, entgegnet Ribbeck etwas brüsk.
Fast jeder kennt wohl das Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ von Theodor Fontane. Der Herr war keine literarische Figur, er lebte wirklich. Und der letzte aus dem Geschlecht der Ribbecks, Friedrich-Carl von Ribbeck, ist sein Ur-Urenkel. Nach dem Mauerfall ist er in „sein“ Dorf zurückgekehrt. Ribbeck ist jetzt 86 Jahre alt und wohnt allein in einem geräumigen Haus, das nur 120 Meter vom Schloss entfernt ist. Von seinem Wohnzimmerfenster blickt er darauf.
„Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland...“ – der berühmte Birnbaum aus dem Gedicht existiert übrigens nicht mehr. Er ist 1911 einem Sturm zum Opfer gefallen. In den 1970er-Jahren pflanzte man neben der Kirche einen neuen Baum, der jedoch kaum trug. Deshalb setzte man im Jahr 2000 erneut einen Birnbaum.
Als der Adel von den Nazis enteignet wurde
„Während der DDR-Zeit lebte ich in Düsseldorf und war angestellt bei Thyssen, wo ich im Marketing tätig war“, erzählt Ribbeck, der heute nur noch mühsam mit einem Rollator laufen kann. Hin und wieder fuhr er damals nach Ribbeck in die DDR und wurde dort „wie ein Fremder“ angesehen – wobei sich privat jedoch bei manchen eine freundliche Art erkennen ließ. Damals wurde Schloss Ribbeck noch als Altersheim genutzt, später als Heim für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Nach dem Mauerfall dann fühlten sich die Ribbecks – Ribbecks Frau Ute lebt inzwischen in einem Heim für Demenzkranke – von ihrer alten Heimat quasi gerufen.

Schon während der Zeit des Nationalsozialismus geriet die Familie Ribbeck in Konflikt mit dem Regime. Hans Georg Karl Anton von Ribbeck, der monarchistisch gesinnte Gutsherr auf Schloss Ribbeck, verweigerte sich der ideologischen Gleichschaltung und trat weder der SA noch der NSDAP bei. 1934 wurde er erstmals festgenommen, 1944 wegen Denunziation erneut. Im April desselben Jahres wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, wo er am 15. Februar 1945 starb. Seine Familie war bereits zuvor enteignet worden.
Nach dem Kriegsende wurde der Besitz im Zuge der Bodenreform 1945/46 endgültig eingezogen, was später zu langjährigen juristischen Auseinandersetzungen über den Charakter der Enteignung führte. Die Familie verließ in der Folge Brandenburg und siedelte nach Westdeutschland über.
Doch die Rückkehr nach dem Mauerfall gestaltete sich für die Familie Ribbeck schwierig. 1994 kam es zu Einsprüchen gegen den Restitutionsbescheid, der sich auf §1 des Vermögensgesetzes stützte. Das Verfahren zog sich über mehrere Instanzen bis 1999. Unter Verzicht auf die zuvor gerichtlich festgestellte Berechtigung zur Rückgabe wurde die Familie schließlich mit einer Million DM entschädigt, basierend auf dem Einheitswert von 1935. „Der Staat ist ein Hehler“, gab Ribbeck damals zu Protokoll; diese Aussage wurde ihm vom Berliner Kammergericht ausdrücklich zugestanden.
1999 kehrte Friedrich-Carl von Ribbeck dann also nach Ribbeck zurück. „Ich kaufte den völlig verfallenen alten Kutschpferdestall zurück, der gegenüber dem Schloss war, und auch die ehemalige Brennerei“, erzählt Ribbeck. Die Brennerei war allerdings geplündert worden und völlig leer; auch die Brennrechte hatte die Familie nicht mehr. Die Liköre, einen Birnenessig und den Branntwein, den Ribbeck in seinem Onlineshop verkauft, bezieht er von regionalen Händlern. In der Brennerei ist heute ein Café, das eine junge Frau aus dem benachbarten Nauen betreibt.
Der Birnenessig blickt in der Familie Ribbeck auf eine lange Tradition zurück. Die Ahnen der Familie verdünnten ihn und süßten ihn mit Honig zu einem erfrischenden Getränk. Und es war gleichzeitig Medizin: Mit seiner Vielzahl an Vitaminen, Mineralstoffen und Aminosäuren wurde Essig zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten eingesetzt.
Gewaltige Unterhaltskosten für das Schloss
Das Schloss ist weiterhin im Besitz des Landkreises Havelland: „Doch die haben mit den gewaltigen Unterhaltskosten zu kämpfen, pro Jahr sind es über eine halbe Million Euro“, erklärt Ribbeck. Es werde für ein Restaurant, ein Standesamt und ein Museum genutzt, der übrige Teil bestehe aus Büroräumen. Der Tourismus in Ribbeck laufe schlecht – selbst im Sommer. Und man merkt Ribbeck an, dass er sich das Anfang der 90er-Jahre anders vorgestellt hatte.
So richtig glücklich ist Ribbeck in seinem Dorf nicht geworden. Man lebe mit den Dorfbewohnern eher nebeneinander her, entfährt es ihm. In Berlin oder Bayern sei es kulturell deutlich lebendiger. „Hier ist ja nichts, sogar zum nächsten Supermarkt muss man neun Kilometer fahren“, sagt Ribbeck. Er hat zudem rund zehn Hektar Land zurückgekauft, das er an einen Bauern aus Bayern verpachtet. Auch Dietrich von Ribbeck, ein Vetter von Friedrich-Carl von Ribbeck aus einer anderen Linie, ist nach Ribbeck zurückgekehrt. Gemeinsam mit seiner Frau Cosima hat er einen Vierseithof gekauft und aufwendig saniert.

Doch es sind nicht nur die Ribbecks. Auch Bernhard von Barsewisch, der nach dem Mauerfall auf seinen Stammsitz in Wolfshagen in der Prignitz zurückkehrte, hatte sich vermutlich mehr erhofft. Er ließ das weitläufige Schloss mit erheblichem Aufwand – mehrere Millionen Euro flossen in den Umbau – zu einem Museum herrichten. Doch die Besucherzahlen im Niemandsland zwischen Hamburg und Berlin bleiben deutlich hinter den Erwartungen zurück.
Etwas besser sieht es bei Gräfin Daisy von Arnim aus, die mit ihrem Ehemann in das Anwesen in Lichtenhain in der Uckermark zurückkehrte. Während ihr Mann sich der Landwirtschaft widmet, hat sie sich ganz dem Apfel verschrieben. Auf die Idee brachten sie die umliegenden Streuobstwiesen, deren Früchte lange ungenutzt blieben. Heute betreibt die gläubige Christin ein Apfelcafé und stellt Apfel-Zimt-Marmelade, Apfel-Chutney, Apfelessig sowie zahlreiche weitere Spezialitäten her.
Die konstruktive Rolle des zurückgekehrten Adels
Intensiv mit der Rückkehr des Adels hat sich Ines Langelüddecke beschäftigt. In ihrem Buch „Alter Adel – neues Land? Die Erben der Gutsbesitzer und ihre umstrittene Rückkehr ins postsozialistische Brandenburg“ beschreibt sie auch, wie beide Seiten mit dem Thema in Berührung kommen: die Dorfbewohner, die oft noch in der DDR sozialisiert wurden und meist älter sind, und die zurückgekehrten Adeligen. Langelüddecke wählte dafür drei Dörfer aus und führte dort 21 Interviews. Dabei zeigte sich, dass die Rückkehr meist nicht konfliktfrei verlief.
In der DDR-Zeit hatten die Dorfbewohner ein ganz anderes Verhältnis zur Landschaft, zum Eigentum und zur Nutzung des Landes entwickelt. Das traditionelle Gutsleben war ihnen fremd geworden. Langelüddecke betont hingegen die konstruktive Rolle, die der zurückgekehrte Adel in den Dörfern spielt – etwa wenn in die Denkmalpflege investiert wird, Arbeitsplätze entstehen oder die kulturelle Identität der Region gestärkt wird. Zwar markierte die Enteignung und Vertreibung der Adligen 1945 einen radikalen Bruch in der Familiengeschichte, doch Kritiker wenden ein, dass die Bodenreform nicht allein als politische Willkür zu verstehen ist, sondern auch Teil eines umfassenden sozialrevolutionären Projekts war. Der ostelbische Großgrundbesitz war zu dieser Zeit stark von vormodernen Machtstrukturen geprägt.



