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Wüstling vom Wedding: Wie einem Uhrmacher die Sucht nach Nacktfotos zum Verhängnis wurde

In seinem Laden warb der „Casanova aus der Drontheimer Straße“ junge Frauen für Aktbilder an – bis drei Jugendliche seinem Treiben ein grausames Ende setzten.

Der Uhrmacher Fritz Ulbrich vor seinem Laden in Wedding
Der Uhrmacher Fritz Ulbrich vor seinem Laden in WeddingInstitut für Sexualforschung/Sammlung Müller

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Berlin-Wedding, Drontheimer Straße 5. Dort kennen ihn alle, den seltsamen Uhrmacher Fritz Ulbrich, der 1874 als August Friedrich Ulbrich in Hamburg geboren wurde. In der Arbeitergegend fällt sein Geschäft nicht weiter auf. Eine kleine Auslage im Schaufenster, ein überschaubarer Ladenraum, dahinter ein schäbiges Zimmer, in dem der Mann auch nächtigt. Ulbrichs Reich misst nur 40 Quadratmeter, das muss reichen.

Längst haben die Nachbarn mitbekommen, dass bei Ulbrich oft junge Frauen ein- und ausgehen, er gilt daher als der „Casanova aus der Drontheimer Straße“. Der leidenschaftliche Hobbyfotograf fotografiert nämlich sehr gerne die Damenwelt, so erzählt man sich. Dass die Mädchen und Frauen dabei oft nichts anhaben, ahnen die Nachbarn nicht. Seine Modelle akquiriert er vor Ort, er spricht Mädchen und junge Frauen an, die die Auslage seines Geschäfts betrachten. Er verwickelt sie in ein Gespräch, schmeichelt ihnen. Und dann bietet er ihnen an, sie unverbindlich zu fotografieren. Doch dann ist das Foto angeblich nichts geworden, ein neues Foto sei aber doch gar kein Problem!

„Zufällig“ ist beim nächsten Termin immer eine Freundin Ulbrichs im Laden, die sich gerade in Szene setzen lässt – und das in blütenreiner Reizwäsche, die bis zum schmutzigsten Asphalt zu strahlen scheint und auch das Mädchen blendet. Das potenzielle Aktmodell ist hingerissen, der Köder hat gewirkt, dann bekommt der Fotograf seine erwünschte Nacktaufnahme. Mädchen und Frauen kommen und gehen, sie sind austauschbar – nur ihr Körper zählt für Ulbrich. Das krankhafte Sammeln von Nacktbildern ist für ihn zur Sucht geworden.

Der Kontakt mit Luise Neumann wurde Ulbrich zum Verhängnis.
Der Kontakt mit Luise Neumann wurde Ulbrich zum Verhängnis.Institut für Sexualforschung/Sammlung Müller

„Wer das Geld hat, hat die Mädels“

Eines dieser Mädchen ist Luise Neumann. Das Leben der 16-Jährigen ist monoton, die Volksschule hat sie nach der dritten Klasse abgebrochen und schlägt sich seitdem als Arbeiterin durch. Für ihre ratlosen Eltern, den Maler Hermann Neumann und dessen Ehefrau Anna, geb. Britsche, gilt die am 27. August 1914 in Bautzen geborene Luise Martha als „schwer erziehbar“. Der verschrobene Uhrmacher Ulbrich hat zunächst eine gewisse Abwechslung in ihren monotonen Alltag gebracht, zumal er ihr öfters kleinere Geldbeträge für ihre „Dienste“ zusteckte. Das und die schiere Flut an vermeintlichen Freundinnen Ulbrichs hat sie schließlich einen falschen Schluss ziehen lassen, der ihr zum Verhängnis wird: „Wer das Geld hat, hat die Mädels.“

Der nichtsahnende Ulbrich, der in seinem krankhaften Hypererotismus gefangen ist, weiß nicht, dass auch er seiner Nemesis begegnet ist. Dass Luise auch noch einen anderen hat, den 22-jährigen arbeitslosen Kutscher Richard Stolpe, stört ihn nicht. Zusammen mit dem ebenfalls arbeitslosen 21-jährigen Erich Benziger bilden Luise und Richard ein Trio Infernale, das den Uhrmacher insgeheim verachtet. Dieser Kerl muss sterben, beschließen sie irgendwann und planen minutiös das Ableben des Mannes, der aufgrund seiner seltsamen Neigungen auch von seinen Ex-Frauen gehasst wurde.

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Ulbrich war dreimal verheiratet und hatte aus diesen Beziehungen vier Kinder. Längst hatte sich seine dritte Ehefrau von ihm scheiden lassen. Um 1923 hatte Ulbrich schließlich seinen Neigungen nachgegeben und eine „Agentur für Personal zur Stellung lebender Plastiken“ ins Leben gerufen. Darin vermittelte er Modelle als „Lebender Marmor“, oft wurden sie auf erotischen Postkarten abgedruckt, die in einschlägigen Nachtlokalen der Reichshauptstadt vertrieben wurden – meist ohne Einverständnis der Frauen.

Für die Urheber dieser Erzeugnisse war das riskant, weil der Kampf gegen „unzüchtige Bilder“ in der Reichshauptstadt schon länger tobte. Am 1. November 1911 war die „Zentralstelle zur Bekämpfung unzüchtiger Bilder und Schriften“ beim Berliner Polizeipräsidium errichtet worden, Ende April 1921 wurde sie auf „Deutsche Zentralpolizeistelle zur Bekämpfung unzüchtiger Schriften, Bilder und Inserate“ erweitert. Dennoch blühte der Handel mit diesen Erzeugnissen wie ein Kornfeld im Sommer.

Ermordet im eigenen Bett

Am Abend des 28. Oktober 1930 gegen 22 Uhr soll Ulbrich sterben. Luise wird mal wieder bei ihm übernachten und, sobald der Mann eingeschlafen ist, ihren Komplizen die Hintertür öffnen. Geschlagene zwei Stunden wartet Luise, liegt neben dem Mann, den sie „Fritzchen“ nennt, für den sie aber keinen Funken Mitleid empfindet. Als Erich und Richard endlich eintreffen und sich flüsternd vor Luise rechtfertigen, erwacht Ulbrich und tastet schlaftrunken nach dem Schalter seiner Nachttischlampe. Doch seine Hände betasten den Kopf eines Mannes. Ein panischer Schrei ertönt und dann ein weiterer, als zwei Hände Ulbrichs Hals umschlingen und zudrücken, während ein zweiter Mann auch noch seine Füße festhält. Ulbrich versucht noch verzweifelt, sich seiner Peiniger zu entledigen, doch es ist umsonst. Eine tödliche Stille kehrt ein, Ulbrichs Lebenszeit ist abgelaufen. Die Täter flüchten und verjubeln die Beute von 28,60 Mark unter anderem in einem Kino. Im leeren Laden Ulbrichs ticken die Uhren weiter.

Am nächsten Morgen wird die Polizei zu dem Leichenfund in der Drontheimer Straße gerufen. Über den toten Körper Ulbrichs wachen mehrere nackte Frauen und Mädchen auf Fotografien, die er akkurat an der Wand drapiert hat. Die von Kriminalkommissar Thomas und Kriminalassistent Smettons geleitete Mordkommission hat leichtes Spiel. Als sie einige dieser Abgebildeten ermitteln und befragen, darunter auch Luise Neumann, verstrickt sich das wenig gewiefte Mädchen schnell in Widersprüche. Es dauert auch nicht lange, und sie gesteht die brutale Mordtat, die sie mit Richard Stolpe und Erich Benziger begangen haben will, wobei Stolpe und Benziger den Mann erwürgten und „Lieschen“ nur zugeschaut habe – das aber mit einem Beil in der Hand für den „Notfall“. Ulbrichs Tod sei aber schnell eingetreten, er habe „nicht lange gezappelt“. Bei der Hausdurchsuchung macht die Polizei eine völlig unerwartete Entdeckung, als die Beamten auf einmal ratlos vor einer riesigen Sammlung von Aktfotos stehen, die in mehreren Kartons in einem Regal lagern.

Gerichtszeichnung der Angeklagten Benziger (l.) und Stolpe
Gerichtszeichnung der Angeklagten Benziger (l.) und StolpeInstitut für Sexualforschung/Sammlung Müller

Sensationsprozess in Moabit

Die Schlagzeilen überschlagen sich, der Skandal samt Empörung seitens Presse und Publikum ist perfekt. Hüter über Sitte und Moral haben Schaum vor dem Mund. Alle bilden sich schnell ein Urteil über dieses jugendliche Mördertrio, das, so sind sie sich nach der eher einseitigen Presseberichterstattung sicher, von Luise Neumann angeführt wurde – anstatt sich Gedanken über die Ursachen für die gesteigerte Mordlust von Jugendlichen zu machen oder etwas an den traurigen Lebensumständen vieler Heranwachsender zu ändern.

Der Gerichtsprozess, der am 28. Januar 1931 vor dem Schwurgericht III in Moabit eröffnet wird, gerät zum „Sensationsprozess“. Es ist nicht der erste in diesem Jahrzehnt, bei dem jugendliche Mörder vor dem Richter stehen. Schlagzeilen hat in Berlin vor allem der Prozess um den „Bruder- und Freundesmörder“ Manasse Friedländer gemacht, aber auch der „Krantz-Prozess“, der die amourösen Verstrickungen dreier Jugendlicher mit tödlichen Folgen beleuchtete.

In diesem Fall gilt der Zorn der Menschen vor allem Luise Neumann, die sich vermeintlich nahm, was sie wollte, und die dann auch noch hochschwanger in den Gerichtssaal geführt wurde. Es dauerte nicht lange, und die drei Täter belasteten sich gegenseitig. Für viele stand danach fest: Die Jugend dieser Zeit war verdorben.

Posieren mit Teddybär und Perücke

Dass Ulbrich mit seinen sonderbaren Neigungen eine gewisse Mitschuld an dem ganzen Drama trug, wurde zumeist ausgeblendet – trotz des Gutachtens von Dr. Felix Abraham, des Leiters der Sexualforensischen Abteilung an Magnus Hirschfelds Institut für Sexualforschung. Festgehalten wurde das ganze Desaster zu einem späteren Zeitpunkt in dem reichlich bebilderten Buch „Ulbrichs Lebender Marmor“, das Abraham zusammen mit Hirschfeld verfasste.

Und das ist heute zuweilen eine unfreiwillig komische Lektüre, vor allem, weil Ulbrich wohl dem großen Irrtum unterlegen war, ein begnadeter Künstler zu sein. So inszenierte er sich zum Beispiel – warum auch immer – als nackter Späher, der mit einer Lanze bewaffnet war. Überdies hatte er ein Faible für eine weiße Rokokoperücke, die seine Modelle manchmal tragen mussten, gelegentlich trug er sie aber auch selber. Zu seinem seltsamen Fundus gehörten auch Gegenstände wie Teddybären oder Puppen. Die Botschaft dieser Utensilien erschließt sich einem heute nicht. Für Dr. Abraham war klar, dass Ulbrich ein „Erotophotomane“ war, der seine Sexuallust aus der Anfertigung erotisch betonter Bilder bezog. Sein abnorm starker Sexualtrieb hatte zu diesem merkwürdigen Doppelleben geführt, und das in einem Arbeiterviertel, wo die Kunst nicht viel zählte, weil sie einen nicht ernähren konnte.

Am 4. Februar 1931 wurde das Urteil gefällt. Luise Neumann erhielt eine Gefängnisstrafe von acht Jahren und zwei Monaten. Sie gebar im Gefängnis ein Mädchen, das nach einem Jahr in ein Kinderheim gegeben werden sollte. Erich Benziger musste für sechs Jahre und drei Monate ins Zuchthaus. Richard Stolpe wurde zum Tode verurteilt, das Urteil später vom Preußischen Justizministerium in eine lebenslange Gefängnisstrafe umgewandelt.

Am 2. Dezember 1941 ermordeten die Nationalsozialisten die „asoziale“ Luise Neumann in Auschwitz. Richard Stolpe kam nie wieder in Freiheit, er starb am 14. April 1941 im Gefängnis an der Gelbsucht. Erich Benziger heiratete 1939 als Maschinist in Pankow. Er galt seit Kriegsende als verschollen und wurde später für tot erklärt.

Selten hatte die Berliner Bevölkerung in diesem Jahrzehnt eine solche Tragödie erlebt, die den wilden Wedding zum Schauplatz eines feigen Mordes gemacht hatte.

Bettina Müller lebt als freie Autorin in Köln und schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften vor allem über historische True-Crime-Fälle, Kunst, Kultur und Literatur der Weimarer Republik, Reise und Genealogie. Am 8. April 2026 erscheint ihr neues Buch „Die Masseuse mit der Hundepeitsche: 12 historische Mordfälle aus Berlin und Umgebung“ im Ammian-Verlag.

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