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„Westalgie ist total unterschätzt. Alle reden über Ostalgie. Aber jetzt erwischt es die Wessis.“ Dieser Satz, kürzlich von Jakob Augstein im Theater Ost in Berlin geäußert, traf Johannes Schirrmeister „wie ein Schlag“ und veranlasste ihn zu einem Artikel in der Berliner Zeitung unter der Überschrift „Das westdeutsche Modell kollabiert, und der Osten weiß, was kommt“.
Mich traf dieser Satz ebenfalls – aber nicht wie ein Schlag. Er löste vielmehr ein Bedauern aus. Denn von Jakob Augstein hätte ich in Zeiten eines tiefgreifenden Epochenbruchs eine weniger historisch verengte Perspektive erwartet. Stattdessen reiht auch er sich in den hierzulande so vertrauten Ost-West-Diskurs ein – jenen Diskurs, der immer wieder so tut, als ließen sich die gegenwärtigen Erschütterungen der Weltordnung durch innerdeutsche Befindlichkeiten erklären.
Dabei waren sowohl Ost- als auch Westdeutschland nie mehr als Teile eines größeren geopolitischen Arrangements. Der Kalte Krieg, der nach dem Sieg der Alliierten über den deutschen Nationalsozialismus weitere vier Jahrzehnte andauerte, machte Deutschland zu seinem zentralen Schauplatz. Hier verlief die Grenzlinie zwischen zwei Welt- und Wertesystemen, symbolisiert durch den Eisernen Vorhang, materiell verkörpert durch die Berliner Mauer. Berlin, geteilt in vier Besatzungszonen, wurde zur Hauptstadt des globalen Systemkonflikts.

Wie aus Chaos neue Orientierungen entstehen können
Erst diese Einordnung macht verständlich, dass heute nicht bloß ein westdeutsches Modell kollabiert. Vielmehr endet eine ganze Epoche – nämlich die transatlantische. Was folgt, ist ungewiss. Ob sich in einer möglicherweise multipolaren Welt eine regelbasierte Ordnung behaupten kann oder ob autoritäre Regierungsformen auch in Europa an Einfluss gewinnen, ist keineswegs entschieden. Sicher ist nur: Die Selbstgewissheiten der vergangenen Jahrzehnte tragen nicht mehr.
Entscheidend wird sein, welchen Platz Europa und die Europäische Union zwischen den neuen Hegemonialmächten USA, China und Russland erringen können. Die EU steht damit vor einer existenziellen Aufgabe: Sie muss sich neu erfinden oder politisch marginalisieren lassen. Verkrustete Strukturen, einander blockierende Regelwerke und eine institutionelle Selbstlähmung werden in der neuen Epoche nicht überleben. Der Kipppunkt, an dem Deutschland in und mit Europa ins Straucheln gerät, ist längst erreicht. Mit solchen Kipppunkten kennen sich Ostdeutsche aus.
Wenn Johannes Schirrmeister beschreibt, was Menschen widerfährt, wenn ein gesellschaftliches System zusammenbricht, dann trifft er einen wunden Punkt. Unsicherheit, Angst, der Verlust von Gewissheiten – aber auch die Erfahrung, dass aus Chaos neue Orientierungen entstehen können, gehören zur ostdeutschen Erfahrungsgeschichte. „Die Normen brechen weg, Gewissheiten erodieren“ – das ist für viele Ostdeutsche keine abstrakte Diagnose, sondern gelebte Realität.
Sie wissen, dass sich von einem Tag auf den anderen alles ändern kann. Dass Biografien brechen, Lebensleistungen entwertet werden, soziale Abstiege folgen. Sie kennen das Gefühl individueller Erniedrigung, wenn das eigene Leben plötzlich nur noch unter Vorbehalt Anerkennung findet. Aber sie wissen auch, wie man improvisiert, neu beginnt, sich in instabilen Verhältnissen orientiert. Diese Erfahrungen könnten für Ganz-Deutschland zu einer Ressource werden – vorausgesetzt, die Westdeutschen sind bereit, Scham und Arroganz abzulegen und diese Erfahrungen anzunehmen.
Denn die gegenwärtige Krise ist keine nationale. Sie ist Teil eines globalen Umbruchs. Trump ist kein historischer Unfall. Er steht für einen strukturellen Wandel des Kapitalismus, in dem sich ökonomische Macht, politische Repräsentation und gesellschaftliche Integration neu konfigurieren. In dieser neuen Phase greifen große Digitalkonzerne ohne demokratisches Mandat direkt in politische Prozesse ein. Trump ist austauschbar – die digitalen Infrastrukturen bleiben.

Die eigentliche Gefahr liegt daher nicht in den autoritären Figuren, sondern in der funktionalen Entleerung der Demokratie. Demokratie wird nicht mehr gebraucht, aber noch geduldet. Sie verkommt zu einer Kulisse. Zugleich liegt genau darin ihre Chance: Weil sie nicht frontal angegriffen wird, kann sie reformiert und verteidigt werden – sofern der politische Wille vorhanden ist.
Für Ganz-Deutschland bedeutet dies einen programmatischen Neustart, insbesondere im Umgang mit der AfD. Eine Verbotsstrategie ersetzt kein politisches Programm. Wenn große Teile der Bevölkerung diese Partei wählen, lässt sich dieses Faktum nicht durch moralische Abwertung aus der Welt schaffen, ohne die Demokratie selbst zu beschädigen. Ausgrenzung zwingt die übrigen Parteien zudem zu Bündnissen, deren innere Blockaden politisches Handeln lähmen.
Wie in den USA speist sich auch hier der Erfolg populistischer Kräfte aus der wachsenden Spaltung zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung. Die Ignoranz politischer Eliten gegenüber den sozial Abgehängten hat diese Entwicklung befördert. Statt Reformen erleben wir Machtspiele, Blockaden und einen zunehmenden Vertrauensverlust in staatliche Institutionen.
Hinzukommen Entwicklungen, die die demokratische Substanz weiter aushöhlen: die Einengung von Meinungsfreiheit, die Dämonisierung politischer Gegner, ein wachsendes Klima der Denunziation. Ostdeutsche wissen, wohin solche Dynamiken führen. Sie kennen Überwachung und Einschüchterung – und sie wissen, wie man ihnen widersteht. Doch sie wünschen sich diese Zustände nicht zurück.


