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Am 6. Februar 2006 begannen die Bagger zu rollen. Im Ostteil Berlins hatte man den Abriss des Palastes der Republik frühzeitig als Kränkung empfunden, initiiert durch eine Besatzungsmacht. Doch auch westdeutsche Berlinbesucher äußerten ihr Bedauern, dass nun der Ort verschwinden werde, an dem der Beitritt zur Bundesrepublik beschlossen wurde. Der herostratische Akt war von Zweifeln umstellt. Eine Passantin aus dem Berliner Westen drückte dies 2006 so aus: „Erst reißen die Ossis ihren Palast ab, und denn wollnse mit unserm Geld nochn Schloss bauen.“
Bis heute kann man die nun reale Fiktion des Preußenschlosses nicht ansehen, ohne dahinter die geschleifte Realität des Vorgängerbaus zu erblicken. Für sofortigen Palastabriss, verschämt „Rückbau“ genannt, hatte seit den Neunzigerjahren ein buntes Völkchen von Architekturnostalgikern, Nachwendeprominenten und natürlich Wilhelm von Boddien votiert, ein norddeutscher Landmaschinenhändler. Er gründete den „Förderverein Berliner Schloss“.
Das Irreal-Fantastische des ersehnten Neubaus in Funktion wie Gestalt spiegelt seine Chronologie. In den Neunzigerjahren stand bereits fest, dass der Palast fallen müsse, später erst folgte die Entscheidung für den Schlossneubau, ganz zuletzt machte man sich Gedanken um die Füllung der Bauhülse. „Leidenschaftlich wird über Fassaden und Formen debattiert“, schrieb 1995 der Spiegel, „fast nie über Sinn und Zweck von Gebäuden, noch seltener über Geld.“ 2009 initiierte der Bund eine Gemeinnützige Stiftung „Berliner Schloss – Humboldt Forum“. Sie erhielt den Auftrag, ein Nutzungskonzept zu entwickeln. „Mut zur Tradition“ hatte sich Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer gewünscht, und „dass dieses Land nicht jedem ästhetischen und historischen Ressentiment nachgibt“.


Die leere Mitte
Die Architekturzeugen der Ost-Moderne standen nicht unter Ressentimentschutz. Sie erinnerten an die Ära des Kalten Krieges. Ihn hatten Vollmers politische Freunde – gerade rechtzeitig! – auf der 1989 final ermittelten richtigen Seite der Geschichte überstanden. Daher auch bei Rot-Grün frühzeitig ein entspanntes Verhältnis zu Palastabriss und Schlossnachbau. Wirkten darin Ressentiments gegen die palastinterne Volkskammer, wo ja der altwestlicherseits bald beklagte DDR-Beitritt beschlossen worden war? Dergleichen wird Spekulation bleiben müssen. Als Abrissmotiv wichtiger könnte ein Raumgefühl gewesen sein, das Licht, Luft und weite Prospekte, typisch sowohl für US-amerikanische als auch sowjetrussische Baumoderne, mit unheimlicher „Brache“, „Einöde“, „Brache“ assoziiert.
Nach vollbrachtem Abriss sollte der Leere-Topos virulent bleiben, denn die Leere war ja jetzt konkret geworden. Man klagte also über die „leere Mitte der Hauptstadt“ (Süddeutsche Zeitung), über „Deutschlands leere Mitte“ und den „leeren Fleck“ (Deutschlandfunk), gar über „geschichtsphilosophische Leere“ (Zeit). Die per „Rückbau“ erzeugte und allmählich durch den Neubau – äußerlich – besetzte Leere hatte eine neue, diesmal innere Leere offenbart: Welcher kulturelle und materielle Sinn sollte die geplante Schlosshülse befüllen? Ein „Museum für innere Leere mitten in Berlin“ sah die Welt erstehen; „die Mitte ist schön und leer“, höhnte die Tageszeitung. Doch sei „der Horror vacui, die Angst vor der Leere“, bei den Mitte-Erneuerern „stärker als jeder Einwand“ – so selbst der damals noch frontstadtnostalgische Tagesspiegel.
„Leere“ als Schmähwort: Ein Horror vacui der westlichen Seele vor ihrem räumlichen Abbild? Brachenrhetorik wie Baupropaganda hatten eine Permanenz von Abriss-Leere-Neubau als historische Normalität suggeriert. Selbst der Fernsehturm – sein Abriss als dreist phallozentrisches Symbol hatten nach 1990 grün-alternative Kreise West-Berlins wahrhaftig diskutiert – oder die „menschenverkleinernde Ästhetik des Architekturstalinismus“ (Maxim Biller) in der Karl-Marx-Allee erweckten westliches Unbehagen. Die fremde Geschichte mutete so unheimlich an, wie ein nicht verwerteter Freiraum. Planspiele um eine unbebaute, etwa begrünte Mitte im Stil des Central Park, gar eines Barockgartens (der Vorschlag Karl Lagerfelds), hatten trotz klammer Haushaltslage des Bundes keine Chance.
Vergnügt im Unrechtsstaat
Eine vage Stimmung gegen das (noch) Bestehende zugunsten des Wünschbaren, gegen Real- zugunsten von Fiktionalgeschichte überwog in den Neunzigerjahren. Umso denkwürdiger bleibt eine ihrer argumentativen Kundgaben. Die meisten Schlossfreunde argumentierten eher beiläufig, was den Palastabriss betraf. Er erschien als Nebeneffekt des Zukunftsbaus. Friedbert Pflüger, seinerzeit CDU-Fraktionschef in Berlin, wurde da deutlicher. Er sah im Palast ein „Symbol der Diktatur“, deren postumer Anblick unzumutbar sei. Nun war damals rings um den Schlossplatz an solchen Symbolen kein Mangel. Doch hatte Pflüger etwas richtig gesehen: Der Palast war ein Monument dafür, dass man sich auch in einer Diktatur, wenngleich in engem Rahmen, durchaus amüsieren kann; Amüsement somit als Freiraum oder Nebeneffekt von Repression.
Die Frage, ob repressive Staatswesen das Leben intensiver, den Geist kreativer machen, hatte das bundesdeutsche Feuilleton der frühen Neunzigerjahre aufgeregt diskutiert. Der Palast musste in diesem Kontext gleich mehrfach verstören. Zum einen war er mit seinem Repräsentations-, Bildungs- und Amüsierzweck das typische Bauwerk einer Erziehungsdiktatur, war also einer Hauptlinie preußisch-deutscher Geschichte mindestens ebenso nahe wie die geplante Barockhülse: dem aufgeklärten Absolutismus. Zum anderen widersprach die Palasthistorie jenem Revolutionsbegriff, wonach politische Umstürze eine unerträgliche Verelendung oder Unterdrückung voraussetzen. Das DDR-Volk hatte den Palast nicht gestürmt, sondern als Gabe seines Herrschers gern angenommen.
Honecker hatte sich bei der Kalkulation der Palastkosten verrechnet. Doch so erratisch der Saarländer als Persönlichkeit, so aufrichtig war sein Glaube an ein gutes, weil kommunistisches Ende der Geschichte. Seinem Vorgänger Ulbricht hatte die Sprengung der Schlossruine keine Gewissensbisse verursacht; zudem war derlei auch in den Westzonen vorgekommen. Schon 1951 gab es Entwürfe für einen Volkspalast nach sowjetischem Vorbild. Da Ulbricht wie Honecker „Volk“ als Staatsvolk definierten und dessen Basis in ihrer eigenen Klasse erblickten, waren ihre Konzepte ideologisch kohärent: Beide setzten auf eine kulturwillige und kulturbedürftige Arbeiterklasse.


Macht, Kultur und Kulturen
Auch die 1949 gegründete Bundesrepublik griff häufig auf „Kultur“ zurück, doch war es ein Verlegenheitswort, ein Gegenbegriff zu „Macht“. Westdeutschland stand unter dem Gebot, dem nunmehr befreundeten Kriegssieger seine weltpolitische Harmlosigkeit, dem Konkurrenten im Kalten Krieg aber seine sozialökonomische Überlegenheit zu beweisen. „Kultur“ konnte hierbei nur eine taktische Beigabe zu Politik und Ökonomie bedeuten. Eine spannungsfreie Polarität von Geist und Macht oder eben von Kultur und Politik schien auch nach 1990 plausibel, und „das Kultur-Schloss“, „ein weltweit einmaliges Projekt“ – so ohne falsche Bescheidenheit der Gründungsintendant Horst Bredekamp – sollte ihr einheitsdeutsches Symbol werden.
Der Nachbau des feudalzeitlichen Gebäudes und die Diskussionen um dessen bürgergesellschaftlichen Auftrag liefen von Anbeginn nebeneinander her. Name und Idee „Humboldt-Forum“ für den Palastnachfolger waren eine Verlegenheitslösung. Die behauptete Verbindung zwischen dem Bau, seinem Zweck und dem Namen Humboldt bleibt künstlich. Sie besteht vor allem darin, dass Objekte aus einer Kunstkammer des alten Schlosses einst in die Sammlungen jener Universität gelangt waren, die später den Namen Humboldts tragen sollte.
Wenn anfangs von einem Ausstellungsbau für die bürgerliche Öffentlichkeit in einer zurückgewonnenen Stadtmitte, von republikanischem Versprechen und nationalem Gedächtnisort die Rede war, dann deutete das auf „Verfassungspatriotismus“ als Substitut und „Kulturnation“ als Residuum von Nationalkultur. Den Kulturbegriff benutzten die frühen, um Abwehr von Nationalismus-, aber auch Provinzialismus- und Ethnozentrismusverdacht bemühten Schlossbefürworter exzessiv. Er war inhaltlich unbestimmt, begegnete inflationär als Plural: „Dialog der Kulturen“, mit seiner Suggestion von „Urbanität“, „Weltoffenheit“ und „urbaner Mitte“. Es war nicht zu überhören: Das neue Deutschland, das hier sprach, rekrutierte sich aus einer weltoffenheitsfrohen, gealterten Neuen Linken. Ihr neues Deutschland sollte seine nationale Mitte freihalten zugunsten einer Weltmoralpolitik der Vermittlung, der Stimmenvielfalt.
Und am einfachsten schien dies „kulturell“ durchführbar. Das Humboldt-Forum als museal-pädagogisch betreuter „Ort der Weltkulturen“ konnte und sollte „Kulturen“ deshalb nicht im westeuropäisch gängigen Sinn als „Zivilisationen“ begreifen. Tatsächlich war der Kulturbegriff der Schlossbefüller der Idee des Museums verhaftet geblieben. Kulturzeugnisse gewann man somit unverändert museal, als Ansammlung exotischer Kunst-Dinge. Die Fetischisierung eines nicht-westlichen „Fremden“ bestand einst in dessen Isolation als vorzeigbarer Kunst-Dinge fernab vom Herkunftskontext. Unterm Stern des Postkolonialismus dagegen schuf der Kult ums Fremde den Imperativ, es in seinem Herkunftskontext zu belassen.



