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In einem Ort mitten in Brandenburg, direkt an der Grenze zu Berlin, scheint die DDR-Geschichte wie konserviert, wie tiefgefroren für die Ewigkeit. Und das liegt nicht an den derzeit eisigen Temperaturen. Es liegt an den Straßennamen.
Wer durch Brusendorf – einem Ortsteil von Mittenwalde im Landkreis Dahme-Spreewald – geht, beginnt sich schnell zu wundern. Das liegt an den Straßennamen, die nicht nur an die DDR, sondern an ihre Spitzenpolitiker erinnern. Von den kaum mehr als einem Dutzend Straßennamen, die es in dem 400-Seelen-Dorf gerade mal gibt, stammen etwa ein Drittel aus der Zeit des sozialistischen Staates, der 1949 gegründet wurde und 1989 mit der friedlichen Revolution sein Ende nahm.
40 Jahre gab es die DDR. Fast genauso viele Jahre sind inzwischen seit der Wende und dem Mauerfall ins Land gegangen.
Die Straße der Einheit gab es hier schon vor 1989
Doch diese Namen stehen auf den Straßenschildern: Wilhelm-Pieck-Straße, Otto-Grotewohl-Straße, Otto-Nuschke-Straße und die Straße der Einheit. Die ist nicht etwa auf die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten gemünzt, sondern auf die Vereinigung von SPD und KPD am 21./22. April 1946 zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone, aus der drei Jahre später die DDR hervorgegangen ist. Dass dies so ist, lässt sich leicht daran erkennen, dass es die Straße der Einheit schon vor 1989 in Brusendorf gab.
Natürlich blicken die Dorfbewohner und ihre Gäste heute mit anderen Augen auf diesen Straßennamen. Kaum noch jemand verbindet die Straße der Einheit mit den Ereignissen von 1946 – zumal sie mitten durch den Ort führt: vorbei an der Kirche, an den beiden Teichen, die das kleine Dorf prägen, und schließlich zum früheren Gutshof.
In der Regel wissen nur noch die Alten davon. Sie wissen auch noch, wer Wilhelm Pieck war. Wer in der Straße wohnt – ich gehöre selbst dazu – muss bei Adressangaben den Namen meist buchstabieren. In meiner Kindheit gab es hingegen noch ein Spiel zwischen Eltern und Kindern. Die Mutter sagte „Wilhelm“ und das Kind juchzte laut „Pieck“ und stach der Mama mit Schwung und großem Spaß in den Bauch. Wilhelm Pieck war in der DDR jedem ein Begriff, war er doch der einzige Präsident der DDR von 1949 bis 1960, also bis zu seinem Tod. Er war es auch, der die Vereinigung von SPD und KPD zur SED forcierte und schließlich gemeinsam Parteivorsitzender mit Otto Grotewohl war.
Otto-Grotewohl-Straße – auch diese findet sich in Brusendorf. Sie liegt nur fünf Minuten von der Wilhelm-Pieck-Straße entfernt. Otto Grotewohl war von 1949 bis 1964 Ministerpräsident der DDR und Mitglied des Politbüros der SED (1946–1964).

Jüdischen Bürgern zur Flucht verholfen
Dritter im Bunde ist Otto Nuschke. Die Straße schließt das Dreieck, in dem die historischen DDR-Straßennamen angeordnet sind. Die Otto-Nuschke-Straße befindet sich am Ortsausgang in Richtung BER-Flughafen. Otto Nuschke war ab 1949 stellvertretender Ministerpräsident der DDR und stand in der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der späteren DDR der CDU, einer der Blockparteien, vor. Gemeinsam mit anderen arbeitete er die Verfassung der DDR aus und gehörte der Volkskammer an.
Vor der DDR-Zeit engagierten sich alle drei im Kampf gegen den Nationalsozialismus. So verhalf Nuschke jüdischen Mitbürgern zur Flucht. Grotewohl arbeitete in der Widerstandsgruppe um Erich Gniffke mit, war mehrmals verhaftet und wegen Hochverrats 1938 angeklagt worden. Das Verfahren wurde später eingestellt. Pieck war Mitbegründer der KPD und wurde durch die Verhaftung Ernst Thälmanns zu deren Parteivorsitzendem in Moskau gewählt, nachdem er dorthin geflüchtet war. Pieck gehörte zu den Initiatoren des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD), das von der Sowjetunion aus die Befreiung Deutschlands vom Faschismus als Ziel hatte.
Die historischen Straßennamen aus der DDR-Zeit in Brusendorf umzubenennen, war nie wirklich ein Thema im Ort. Auch jetzt scheint es das nicht, obwohl die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke sich nun erneut für die Umbenennung von Straßen nach ehemaligen DDR-Funktionären ausgesprochen hat. „35 Jahre nach der Wiedervereinigung sollte keine Straße mehr nach Lenin, Otto Grotewohl oder Wilhelm Pieck benannt sein“, sagte die Bundesbeauftragte einer großen deutschen Boulevard-Zeitung. Da hat sie gleich zwei Namen von DDR-Funktionären aufgezählt, nach denen bis heute Straßen in Brusendorf benannt sind.

Hier entscheidet man selbst über die eigenen Geschicke
Dass die DDR-Geschichte in Brusendorf so nachhaltig mittels der Straßennamen konserviert ist, kann an verschiedenen Gründen liegen: Die Namen erinnern nicht nur an DDR-Geschichte, sondern auch an den Widerstand gegen Faschismus und Krieg. Im Osten entscheidet man selbst über die eigenen Geschicke. Die Einwohner halten die DDR-Vergangenheit für gar nicht so schlecht. Die Geschichte der DDR und ihrer Persönlichkeiten ist erinnerungswürdig.


