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Manchmal verrät ein Begriff mehr über die Gesellschaft, die ihn verwendet, als über das, was er bezeichnen soll. Am 15. März 2026 will Berlin erstmals einen Aktionstag gegen Islamfeindlichkeit begehen. Das Datum erinnert an Christchurch, an jenen Tag 2019, als ein rechtsextremer Attentäter 51 Menschen in zwei Moscheen ermordete. Der Senat folgt einem UN-Beschluss. Man will ein Zeichen setzen. Zeichen sind schnell gesetzt. Die Frage ist, ob sie klären oder vernebeln.
Ich schreibe nicht aus einer abstrakten Perspektive. 1978 kam ich als Kind aus einem kurdischen Dorf nach Deutschland. Dieses Land ist meine Heimat geworden. Ich habe hier studiert, gearbeitet, politisch gedacht. Ich kenne religiöse Bindungen, kulturelle Prägungen und staatliche Ordnung nicht nur aus der Theorie, sondern aus dem Leben. Gerade deshalb irritiert mich, wie leichtfertig heute mit Sprache umgegangen wird – und wie selten noch unterschieden wird.
Denn schon der Titel dieses Tages führt in die Irre. Islamfeindlichkeit – das klingt, als ginge es um die Ablehnung einer Religion. Aber Religionen sind keine Menschen. Sie sind Ideensysteme. Und Ideensysteme darf man kritisieren, scharf, unbequem, auch polemisch. Das ist kein Betriebsunfall der Aufklärung. Das ist ihr Kern. Wer diesen Unterschied verwischt, öffnet dem Missbrauch die Tür: Kritik wird nicht widerlegt, sondern delegitimiert. Er immunisiert Glaubenssysteme gegen öffentliche Auseinandersetzung.
Eine pluralistische Gesellschaft ist ein Spannungsfeld
Was wir meinen sollten, ist etwas anderes: Muslimfeindlichkeit. Die Feindseligkeit gegenüber Menschen, weil sie Muslime sind oder als solche wahrgenommen werden. Das ist präzise. Und nur Präzision schützt vor Instrumentalisierung.
Es gibt Diskriminierung. Es gibt Anfeindungen. Es gibt Übergriffe auf Menschen, die als Muslime wahrgenommen werden. Das ist ernst zu nehmen, rechtlich wie gesellschaftlich. Doch daraus einen allgegenwärtigen Hass zu konstruieren, greift zu kurz. Es erklärt wenig – und moralisiert viel.
Eine pluralistische Gesellschaft ist kein konfliktfreier Raum. Sie ist ein Spannungsfeld. Unterschiedliche religiöse, kulturelle und politische Vorstellungen reiben sich aneinander. Nicht jede Ablehnung ist Feindseligkeit. Nicht jede Kritik ist Ausgrenzung. Wer diese Unterschiede einebnet, verhindert Erkenntnis – und am Ende auch Zusammenhalt.

Vor allem die Frauen leiden
Auffällig ist, worüber kaum gesprochen wird. Über die realen Herausforderungen, die mit einem politisierten Islam einhergehen. Über religiöse Milieus, in denen Demokratie als verhandelbar gilt. Über patriarchale Normen, über Abschottung, über Loyalitäten, die nicht dem Grundgesetz gelten, sondern religiösen Autoritäten. Diese Phänomene sind keine Randnotizen. Sie existieren, auch in Berlin. Sie zu benennen ist kein Ausdruck von Feindseligkeit, sondern von Verantwortung.
Denn unter diesen Strukturen leiden vor allem Frauen – insbesondere Mädchen. Sie sind es, die unter patriarchalen Normen ersticken, die keine Wahl haben, die schweigen müssen. Eine Gesellschaft, die solche Fragen nicht mehr stellt, überlässt das Feld entweder den Radikalen – oder der Verdrängung. Wer aus falsch verstandener Rücksicht schweigt, lässt sie im Stich.
Ich verteidige die Religionsfreiheit ohne Vorbehalt. Sie ist ein Kernbestandteil unseres Verfassungsstaates. Doch sie ist kein Freibrief. Sie setzt voraus, dass religiöse Praxis sich in den Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung einfügt. Es gibt Moscheen in dieser Stadt. Manche sind Orte der Begegnung, der Bildung, der spirituellen Praxis. Aber sie sind keine rechtsfreien Räume. Transparenz, Verfassungstreue und Unabhängigkeit von ausländischer Einflussnahme sind keine Zumutungen, sondern Mindestanforderungen. Ein Staat, der hier wegschaut, handelt nicht tolerant, sondern fahrlässig.
Ist das Problem wirklich die Migration?
Ein säkularer Staat ist neutral – aber nicht gleichgültig. Neutralität bedeutet nicht, jede Grenzziehung zu vermeiden, sondern sie begründet vorzunehmen. Ein Aktionstag ersetzt diese Klarheit nicht. Er kann Aufmerksamkeit schaffen, aber keine Orientierung. Orientierung entsteht durch Regeln, durch Bildung, durch konsequente Anwendung des Rechts – und durch eine Sprache, die unterscheidet, statt zu verwischen.
Manchmal frage ich mich, ob das Problem wirklich die Migration ist. Oder ob sie nicht nur der Spiegel ist, in den niemand mehr schauen will. Eine Gesellschaft, die nicht weiß, wofür sie steht, wird auch nicht wissen, was sie von denen erwarten darf, die zu ihr kommen.
Ich wünsche mir keine Gesellschaft der Verdächtigungen – aber auch keine der Tabus. Niemand sollte Angst haben müssen, Muslim zu sein. Doch ebenso wenig sollte jemand Angst haben müssen, den Islam zu kritisieren. Beides auszuhalten ist kein Widerspruch, sondern die Voraussetzung für alles, was wir Freiheit nennen.


