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Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz im Januar 2026 hat nicht nur Zehntausende Haushalte in die Kälte gestürzt, sondern auch eine Debatte um die Echtheit des Bekennerschreibens ausgelöst. Eine Gruppe, die sich „Vulkangruppe“ nennt, veröffentlichte auf der linksradikalen Plattform Indymedia ein Manifest, in dem sie die Tat als „gemeinwohlorientierte Aktion“ gegen die fossile Energiewirtschaft rechtfertigte. Doch bei genauerer Betrachtung des Textes häufen sich sprachliche Auffälligkeiten, die Zweifel an der behaupteten Urheberschaft wecken.
Der „Vans“-Fehler: Eine kyrillische Spur?
Bereits kurz nach Veröffentlichung des Schreibens stießen Beobachter auf einen merkwürdigen Fehler: Der US-Vizepräsident J.D. Vance wird im Text als „Vans“ bezeichnet. Was zunächst wie ein simpler Tippfehler erscheint, könnte auf einen tieferliegenden Entstehungsprozess hindeuten. Im Russischen wird „Vance“ phonetisch oft als „Ванс“ (Vans) transkribiert. Lässt man diese kyrillische Schreibweise maschinell zurück ins Deutsche übersetzen, spuckt der Algorithmus „Vans“ aus – die Schuhmarke ist dem System bekannter als der Politiker. Doch dieser offensichtliche Fehler ist nicht der einzige linguistische Stolperstein im Text.

„Sekundieren“: Ein Wort am falschen Ort
Im Bekennerschreiben heißt es: „Diese manipulierten Wohlstandschauvinist:innen und Parteianhänger:innen sekundieren Trump, Modi, Miley, Netanjahu, Merz, Weidel, Putin, Höcke, Orban, Vans, Xi und wie sie alle heißen, bei der ‚Verteidigung‘ der Freiheit.“
Das Wort „sekundieren“ lässt einen stutzen. Linksradikale und autonome Gruppen nutzen durchaus Fachbegriffe – aber typischerweise dort, wo sie analytisch notwendig erscheinen. Begriffe wie „Verwertungslogik“, „strukturelle Gewalt“ oder „Klassenbewusstsein“ haben in linken Diskursen eine präzise Bedeutung, sie bringen Konzepte auf den Begriff. Das Wort „sekundieren“ hingegen? Man könnte genauso gut „unterstützen“ sagen. Es klingt unnötig gestochen, ohne erkennbaren analytischen Mehrwert.
Um dieser Intuition nachzugehen, habe ich das Bekennerschreiben mithilfe der KI Gemini-3-Pro analysiert. Das Ergebnis ist aufschlussreich.
Warum „sekundieren“ nicht zur Linken passt
Die Analyse zeigt: Das Wort „sekundieren“ scheitert gleich in mehreren Dimensionen linker Sprachpraxis.
Das Problem der emotionalen Schärfe: Militante Texte sind von Wut durchdrungen. Wenn autonome Gruppen Bürger als Komplizen des Faschismus anprangern wollen, nutzen sie Vokabeln, die Ekel und Verachtung transportieren: „Handlanger“, „Speichellecker“, „Steigbügelhalter“. Das Wort „sekundieren“ hingegen klingt nach Parlamentsdebatte, nicht nach Molotowcocktail. Es ist zu höflich, zu distanziert für ein Schreiben, das einen Brandanschlag rechtfertigt.
Das Problem der Machtanalyse: Für linke Theoretiker sind Begriffe wie „legitimieren“ oder „reproduzieren“ zentral, weil sie systemische Zusammenhänge beschreiben. Wenn jemand schreibt, die Mittelschicht legitimiere den Rechtsruck, schwingt darin mit: Ihr hättet die Macht, es anders zu machen. Das ist demokratisches Denken – Macht fließt von unten nach oben.
„Sekundieren“ hingegen impliziert ein hierarchisches, fast feudales Verhältnis. Es gibt die Großen Männer (Trump, Putin), die handeln, und es gibt das Fußvolk, das am Rand steht und assistiert. Diese Vorstellung widerspricht der linken Analyse fundamental: Für Linke sind selbst Diktatoren oft nur Symptome tieferliegender Strukturen, nicht alleinige Akteure, denen man bloß „sekundiert“.
Das Problem der stillschweigenden Prämisse: In „legitimieren“ steckt die Annahme demokratischer Handlungsfähigkeit. In „sekundieren“ hingegen eine „natürliche Zweitrangigkeit“ der Unterstützer, ohne dass Unterwürfigkeit oder Machtasymmetrie analytisch herausgearbeitet würde. Linke würden Tendenzen zur Unterwürfigkeit typischerweise polemisch angreifen, nicht so indirekt und akademisch beschönigt in die Sprache einarbeiten.

Der LLM-Faktor: Wenn KI Intellektualität simuliert
Eine klassische Übersetzungsmaschine wie Google Translate würde bei einem russischen Original vermutlich das häufigere Wort „unterstützen“ wählen. Doch wir leben im Zeitalter der großen Sprachmodelle. Wenn ein Akteur heute einen Text fälschen möchte, nutzt er möglicherweise eine KI mit dem Prompt: „Schreibe ein intellektuelles, gehobenes Bekennerschreiben auf Deutsch.“
Das Verhalten solcher Systeme ist bekannt: Sie greifen, wenn sie „gehoben“ schreiben sollen, zu Wörtern aus dem Thesaurus, die zwar teuer klingen, aber den pragmatischen Kontext verfehlen. Eine KI kann „Intellektualität“ simulieren, aber keine „Ideologie“. Sie weiß nicht, wie ein echter Autonomer redet.
Das zweite Schreiben: Die Distanzierung
Kurz nach dem ersten Manifest tauchte ein weiteres Schreiben auf, angeblich von der „ursprünglichen Vulkangruppe“. Die Verfasser geben an, ihre Aktivitäten bereits seit der Annexion der Krim 2014 eingestellt zu haben – weil solche Anschläge „den Falschen zuspielen“ würden.
Diese Distanzierung ist strategisch plausibel. Eine echte linke Gruppe, die systemkritisch, aber antiimperialistisch orientiert ist, würde erkennen: Die Destabilisierung westlicher Infrastruktur im Jahr 2026 dient primär den Interessen Putins, nicht dem Klimaschutz. Das zweite Schreiben sagt im Grunde: Wir waren das nicht, und echte Linke würden das jetzt auch nicht tun.
Fazit: Die Häufung der Anomalien
Ein einziger Fehler – „Vans“ statt „Vance“ – ließe sich noch als Autokorrektur-Unfall erklären. Ein einziges ungewöhnliches Wort – „sekundieren“ – ließe sich vielleicht auf einen exzentrischen Akademiker zurückführen.
Aber die Kombination? Ein Autor, der so gebildet ist, dass er „sekundieren“ und „Wohlstandschauvinismus“ verwendet, aber so nachlässig, dass er den Namen des US-Vizepräsidenten falsch schreibt? Das passt psychologisch nicht zusammen.
Die plausiblere Erklärung: Der Text wurde von einem Akteur erstellt, der weder in der deutschen Sprache noch in der linken Szene kulturell verwurzelt ist. Das Tool machte aus dem kyrillischen Namen „Vans“. Das Tool – oder ein Thesaurus-nutzender Autor – machte aus „unterstützen“ das hochtrabende „sekundieren“, um schlau zu klingen.


