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Sexualisierte Kinder-Influencer: In Brasilien brodelt die Debatte um Jugendschutz im Netz

Mit seiner Recherche über die Ausbeutung junger Mädchen auf TikTok und Co. geht der YouTuber Felca in Brasilien viral. Auch die Justiz ist hellhörig geworden.

Soziale Medien nehmen einen immer größeren Teil unserer Zeit und Aufmerksamkeit ein.
Soziale Medien nehmen einen immer größeren Teil unserer Zeit und Aufmerksamkeit ein.Valeriia Miller/unsplash

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Ich habe Schwierigkeiten, meine Offline-Zeiten zu wahren. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich Informationen konsumiere wie Kartoffelchips – nur mit dem Unterschied, dass ich sogar das Gefühl habe, sie seien unverzichtbar. Dabei weiß ich genau, was mir guttut und was nicht. Es ist wie die Bauchschmerzen nach einer Tüte Chips. Oder wie nach dem endlosen Scrollen durch Videos von Menschen, die rund um die Uhr glücklicher und schöner wirken als ich.

Diese Influencer, mittlerweile sogar KI-generiert, lassen mein eigenes Leben unbedeutend erscheinen. Doch wenn ich mit unperfekten Menschen zusammen bin, rede, tanze, spiele – dann bin ich am glücklichsten. Trotzdem tappt das menschliche Gehirn immer wieder in dieselbe Falle: ob bei Drogen, bei Alkohol oder eben bei Social Media.

Der Algorithmus liefert Nachschub

Oft scrolle ich mich durch lustige Comedy-Videos auf Instagram. Da denke ich sogar: Die Comedybranche ist durch das Internet demokratischer geworden. Plötzlich kommen Witze aus den entlegensten Ecken des Planeten, und für einen Moment spüre ich so etwas wie Empowerment, eine vielfältigere Medienlandschaft. Aber das ist eben mein Feed. Der Algorithmus hat meinen Geschmack längst verstanden und serviert mir Nachschub. Ich lache oft allein – und schicke die besten Fundstücke an Freunde weiter. So weit, so gut.

Kinder sind auf Social Media Plattformen häufig zu sehen. Mitunter eröffnen sich dabei auch die Abgründe der Geschäftsmodelle von Influencern.
Kinder sind auf Social Media Plattformen häufig zu sehen. Mitunter eröffnen sich dabei auch die Abgründe der Geschäftsmodelle von Influencern.Andrej Lisakov/unsplash

Doch Social Media zeigt längst nicht nur Witziges – es zeigt auch Abgründe. In Brasilien erschütterte gerade ein Social-Media-Skandal die Öffentlichkeit. Ein sehr bekannter Influencer namens Felca veröffentlichte ein Video namens „Adultização“, etwa „Erwachsen machen“, vielleicht treffender „Adultisierung“.

Gemeint ist damit oft die Sexualisierung von Kindern. Laut inoffiziellen Wörterbüchern bedeutet das: das Annehmen von für das Erwachsenenleben typischen Verhaltensweisen oder das Behandeltwerden wie ein Erwachsener – in der Regel angewandt auf Kinder und Jugendliche, deren natürliche Entwicklungsphasen vorzeitig vorweggenommen wurden. Ich kannte den Begriff nicht, das Phänomen aber sehr wohl. Das musste ich mir natürlich ansehen.

Ein Algorithmus für Pädophile

Das Video trifft genau mein Gefühl der Ohnmacht, wenn ich in Brasilien kleinen Mädchen begegne, die so stark geschminkt, frisiert und knapp bekleidet sind, dass ich kein Stück Kindheit mehr erkenne. Meine Tochter wurde dort oft für einen Jungen gehalten – kein Bikini-Top, keine Ohrringe, kein Make-up. Aber was soll’s – sie ist ja ein Kind! So ging es mir als Kind auch: In den 90ern trug ich weder Minirock noch Make-up.

Im Video von Felca, das am 15. August bereits über 40 Millionen Mal angesehen wurde, spricht er über das Phänomen der Monetarisierung von Content mit Kindern in den Sozialen Medien, oft durch ihre eigenen Familien. Was da in Brasilien und weltweit passiert, ist schlicht erschütternd.

Auf der einen Seite stehen Influencer-Kinder, die ihre „harte eigene Arbeit“ preisen und gleichzeitig die Schule schlechtreden – wozu braucht man schon Aristoteles, wenn man Content verkaufen kann? Auf der anderen Seite sind die Mädchen, die spärlich bekleidet sexualisiert tanzen. Und wie Aasgeier kreisen die Pädophilen um diese Inhalte. Algorithmen erkennen das Verhalten sofort: Je mehr jemand solche Videos ansieht, desto mehr servieren Instagram und TikTok. Pädophile wiederum verwenden ihre eigenen Codes in den Kommentaren, um Gleichgesinnte zu ködern und auf Telegram & Co. weiterzuleiten, wo sie die Inhalte oft gegen Geld tauschen.

Mir war das Ausmaß dieser Ausbeutung nicht klar – in meinem Feed tauchen solche Videos nicht auf. Felca berichtet über einen brasilianischen Influencer namens Hytalo Santos, der seit 2020 eine Art Wohngemeinschaft mit Minderjährigen inszenierte und daraus ein Reality-Format mit stark sexualisierten Inhalten entwickelte. Die Eltern der Jugendlichen wurden von Santos bezahlt, sodass er zeitweise die Obhut über viele von ihnen hatte. Er ließ sogar eine Operation live übertragen, bei der sich eine Minderjährige Brustimplantate einsetzen ließ.

Felca selbst lebt unter Personenschutz, nachdem er wegen der Veröffentlichung seines kritischen Videos Morddrohungen erhalten hat. Auch die Psychologin Ana Beatriz Chamat, die Felca in diesem Video interviewte, wird seit dessen Bekanntwerden bedroht. Ist es nicht schockierend, wohin diese unkontrollierte Nutzung von Social Media führt?

Luiz Inácio Lula da Silva, Präsident von Brasilien
Luiz Inácio Lula da Silva, Präsident von BrasilienKay Nietfeld/dpa

Brasilien plant ein „Felca-Gesetz“

Das Positive: Das Video von Felca hat etwas in Bewegung gesetzt. Der Influencer Hytalo wurde verhaftet, und im brasilianischen Kongress steht das Thema nun ganz oben auf der Agenda. Am 27. August wurde bereits ein Gesetzespaket verabschiedet, das Kinder und Jugendliche im digitalen Raum besser schützen soll. Das inzwischen auch als „Felca-Gesetz“ bekannte Paket muss nur noch von Präsident Lula unterzeichnet werden, was als sicher gilt.

Das Gesetz verpflichtet die Big Techs und Social Media-Konzerne, missbräuchliche Inhalte sofort zu entfernen und bei Hinweise auf sexuellen Missbrauch oder Ausbeutung umgehend die Behörden zu informieren. Bei Verstößen drohen neben Geldstrafen der Ausschluss vom Markt. Social-Media-Konten für Jugendliche unter 16 Jahren müssen zudem künftig mit einem Erwachsenenprofil verknüpft sein. Ein unabhängiges Organ soll geschaffen werden, um die Einhaltung der Vorschriften zu überwachen.

Ob es tatsächlich verabschiedet wird, bleibt abzuwarten, doch immerhin ist die Debatte da. Noch mehr Ärger mit den USA? Warum nicht. Lula, seine Regierung und Alexandre de Moraes, Minister des Obersten Bundesgerichts, gelten in Trump-nahen Kreisen ohnehin als unerwünscht. Doch meine Hoffnung bleibt: Wir können Dinge verändern – und wir müssen es auch.

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Und in Deutschland? Auch hier dürfen Kinder in Videos erscheinen und damit Geld verdienen, allerdings unter strengen Auflagen. Monetarisierung läuft ausschließlich über die Eltern, Werbung für Kinderinhalte ist eingeschränkt, und das Jugendarbeitsschutzgesetz regelt genau, wie lange Minderjährige überhaupt vor der Kamera „arbeiten“ dürfen. Dennoch wird auch hier über strengere Regeln für Familien-Influencer diskutiert.

Am Ende aber steht fest: Deutsche Nutzer können dieselben Videos konsumieren wie brasilianische – Algorithmen kennen keine Grenzen. Genau deshalb ist das Problem global und lässt sich nicht allein mit nationalen Gesetzen lösen. Und genau deshalb müssen wir Meta, TikTok und Co. stärker in die Verantwortung ziehen.

Manchmal vermisse ich einfach mein altes Schwarz-Weiß-Fernsehen.

Anaís Furtado ist im Jahr 2000 im Alter von 19 Jahren aus Brasilien nach Deutschland gekommen. Sie arbeitet heute als Kulturwissenschaftlerin, freischaffende Künstlerin und in der Stadtteilarbeit in Berlin.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit
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