Open Source

Playstation, Atari und Co.: So wird Spielzeug zum sicherheitspolitischen Risiko

Unterhaltungstechnik ist auf den ersten Blick harmlos, aber sie lässt sich zweckentfremden – für Forschung, für Industrie, mitunter auch für das Militär.

Die PS3: Ihr starker Cell-Prozessor taugt sogar für KI-Experimente.
Die PS3: Ihr starker Cell-Prozessor taugt sogar für KI-Experimente.Jakob Studnar/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Rund um Sonys Playstation kursieren zwei besonders hartnäckige Geschichten. Zur PS2 hieß es um das Jahr 2000, der Irak wolle Konsolen importieren, um die Grafikchips für Lenkwaffen zu nutzen – Medienberichte schürten damals die Legende, die bis heute nachhallt. Möglicherweise handelte es sich um ein Marketinggerücht von Sony selbst. Belegt ist vor allem, dass es einen Feldversuch des US-„National Center for Supercomputing Clusters“ gab, PS2-Konsolen zu bündeln, was entsprechende Spekulationen und Aufregung förderte; harte Beweise für eine tatsächliche militärische Weiternutzung der PS2-Komponenten gab es nicht. Gleichwohl wurde der Export in den Irak damals untersagt.

Ganz real hingegen ist der Hochleistungs-Nebennutzen der Playstation3: Ihr Cell-Prozessor war so stark, dass Forschungseinrichtungen sie im Verbund einspannten. Die US Air Force baute 2010 den „Condor Cluster“ aus 1760 PS3-Konsolen für Bildverarbeitung und KI-Experimente. Eine überraschende Erkenntnis aus dieser ungewöhnlichen Bündelung war, dass damit die Definitionen – und die ohnehin strikten Exportbeschränkungen für „Supercomputer“ – hätten umgangen werden können.

Die Universität Stanford nutzte Millionen vernetzter PS3-Clients im Projekt „Folding@home“ für Proteinfaltungs-Simulationen. Diese Konsolen standen jedoch nicht an einem einzelnen Ort, sondern bei den Spielern zu Hause, die einen Teil der Processingpower für den Remote-Zugriff der Wissenschaftler freigestellt hatten. Spielkonsolen als Rechenzentrum – legal, effizient, aber politisch aufrüttelnd, weil sie zeigen, wie eng Freizeit- und Forschungstechnologie beieinanderliegen. Und nicht zuletzt, wie machtvoll privat betriebene Geräte im vernetzten Verbund sein können und wie leicht jeder auch unfreiwillig zum Zuträger zu fremden Netzwerken werden kann.

Die schwarze Liste des Kalten Krieges

Im Kalten Krieg versuchten westliche Staaten, militärisch oder industriell sensible Güter aus dem Raum des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) fernzuhalten – dem sozialistischen Staatenbund unter Führung der Sowjetunion. Koordiniert wurde das über die Cocom-Listen (Coordinating Committee for Multilateral Export Controls). Sie regelten, was nicht in den westlich „Ostblock“ genannten RGW exportiert werden durfte – von Werkzeugmaschinen bis Mikroelektronik.

Bekannt und gerichtsfest wurde die sogenannte Toshiba-Kongsberg-Affäre um die Lieferung hochpräziser Werkzeugmaschinen und CNC-Steuerung mittels Tarnfirmen und falschen Endverbleibszertifikaten an die Sowjetunion; scheinbar harmlose Deckgesellschaften, die echte Endnutzer verschleierten. Diese Technologie erlaubte der Sowjetunion, die Propeller ihrer U-Boote zu optimieren, was zu einem direkten Zugewinn für die Akustiktarnung führte. Für westliche Marineaufklärer war die plötzliche Geräuscharmut sowjetischer Boote Mitte der Achtzigerjahre zunächst unerklärlich. Ein Sturm der Entrüstung folgte der Aufdeckung: Sanktionen, Rücktritte, Gerichtsverfahren. Das Prinzip: Zivile Technik kann „dual use“ sein – und landet dann womöglich doch in Rüstungsprojekten.

Einen Sanktionsbruch der anderen Art organisierten westliche Geheimdienste selbst. Anfang der Achtzigerjahre lieferte der KGB-Überläufer Wladimir Wetrow („Farewell“) dem Westen detaillierte Einkaufslisten der sowjetischen Technologiebeschaffung. Auf dieser Basis ließ Washington gezielt „vergiftete“ Technik in sowjetische Kanäle einsickern – darunter manipulierte Industrie-Software für Steuerungs- und Leitsysteme.

1982 führte diese durch den KGB aus westlichen Quellen „erbeutete“, tatsächlich aber gezielt zur Verfügung gestellte Software mithilfe einer präparierten Drucktest-Routine in einem sibirischen Gaspipeline-Abschnitt zur „größten nichtnuklearen Explosion, die je aus dem All gesehen wurde“, wie der Berater der Reagan-Regierung Thomas C. Reed formulierte. Dieser erste öffentlich dokumentierte Einsatz eines Software-Trojaners hat Geheimdienstgeschichte geschrieben.

Atari-Spielkonsole im Nationalen Spielzeugmuseum der USA in Rochester, New York
Atari-Spielkonsole im Nationalen Spielzeugmuseum der USA in Rochester, New YorkSteven White/Zoonar/Imago

Nervenflattern in den Achtzigerjahren

Wie aufgeladen die Atmosphäre zur Hochzeit des Kalten Krieges in der ersten Hälfte der 80er war, zeigte 1984/85 auch ein Videospiel: „Raid Over Moscow“ – eine grelle Action-Fantasie aus westlicher Sicht. In der Bundesrepublik wurde das Videospiel derart ernst genommen, dass es umgehend auf dem Index für jugendgefährdende Schriften landete.

Inhaltlich geht es zunächst um die Abwehr sowjetischer Nuklearangriffe, bevor dann mit einem direkten Schlag auf Moskau ultimativ geantwortet wird. Das Spiel erschien für alle gängigen 8-Bit-Computer und war aufgrund der aktuellen Thematik und der ansprechenden Grafik ein großer Erfolg. So groß, dass der Verband der sozialistischen Studenten Österreichs den Titel aufgriff, um unter der Überschrift „Raid over Moscow – Machen wir die Russen endlich fertig“ ein ätzendes Thesenpapier zu veröffentlichen, mit dem „der oftmals rein emotionale Zugang zum Thema Frieden auf eine rationale Basis gestellt werden“ sollte und man eine inhaltliche Positionsbestimmung innerhalb der Friedensbewegung anstrebte.

Games zur Anregung einer Debatte! In Finnland protestierte die sowjetische Botschaft offiziell gegen den Verkauf des Spiels; ein Konflikt erreichte Politik und Medien. Der Fall ist gut dokumentiert und gilt als frühes Beispiel dafür, wie selbst Unterhaltungsspiele außenpolitische Wellen schlagen konnten.

Parallel wuchs in Großbritannien die Sorge, dass mittels billiger Heimcomputer leistungsfähige Technologie in „falsche Hände“ gelangen könnte. Besonders im Blick: Sir Clive Sinclairs Hobbyrechner ZX81 und ZX Spectrum – Massenware, günstig, leistungsfähig genug für Ausbildung, Hobby und (theoretisch) auch technische Zwecke. Eine wiederkehrende Befürchtung jener Zeit: Osteuropäische Agenten könnten über harmlose Einkaufswege an nützliche Elektronik wie den verbauten Zilog-Z80-Prozessor gelangen. Und sie taten es.

Sir Sinclairs Computer entsprachen in vielem der Arbeitsweise östlicher Ingenieure: Low-Cost-Hardware, kompaktes Platinen-Design ohne Spezialchips (wie bei Commodore- oder Atari-Computern) und die Verwendung von standardisierten Massenkomponenten kamen der Neigung zum Improvisieren im nicht-kapitalistischen Teil der Welt entgegen.

In einer Debatte im britischen Unterhaus am 17. Februar 1984 beschwerte sich der Abgeordnete Paddy Ashdown (1941–2018, Liberale) darüber, dass die US-Verteidigungsbehörde darauf gedrängt habe, Sinclair-ZX81-Computer solange nicht im Duty-Free-Bereich in Heathrow verkaufen zu lassen, bis eine Exportlizenz vorlag. Der Fall wurde im Kontext der damaligen Exportkontrollen (Cocom/Dual-Use) parlamentarisch. Ashdown echauffierte sich über die Lückenhaftigkeit des Cocom-Verfahrens und darüber, dass es sich beim ZX81 um ein „Spielzeug handelt, das wir Kindern zu Weihnachten schenken“.

Der britische TV-Moderator Tony Bastable (1944–2007) sah sich daraufhin auf japanischen Straßenmärkten um und fand Zilog-Z80-Prozessoren, die dort für unter zwei Pfund zu erwerben waren. Höhnisch fragte er in die Kamera, ob es sinnvoll sei, britische Heimcomputer vom Verkauf an Flughäfen fernzuhalten, während die angeblich so problematischen Komponenten überall in Asien zu erwerben seien. Auch Mitglieder der afghanischen Mudschaheddin hätten sich dort bereits eingedeckt, wie man ihm berichtet habe.

Der kleine Prozessor, der um die Welt ging

Technisch drehte sich vieles um diesen schlichten 8-Bit-Chip: den Zilog Z80, Herz zahlloser Heimcomputer – vom Spectrum bis zum Schneider CPC. Im Ostblock entstanden kompatible Nachbauten, etwa der U880 aus DDR-Fertigung. Solche Clones liefen in Bildung, Industrie – und nach zeitgenössischen Quellen auch in militärischen Anwendungen; belegt ist vor allem die breite zivile Nutzung und die komplette Kompatibilität zum westlichen Original.

Für die Exportkontrolle war das ein Albtraum: Was einmal im Umlauf ist, lässt sich schwer einhegen. Dass Embargos technisch nie ganz dicht sind, zeigte der Bastler-Erfolg in Osteuropa: Nachbauten des ZX Spectrum – „Leningrad“, „Pentagon“ und viele weitere – verbreiteten sich rasant. Hobbyisten spendierten mehr Speicher, neue Boards, eigene DOS-Varianten; Programmierer schrieben Spiele und Tools nach. Ergebnis: eine vitale, halbgraue sozialistische Tech-Ökonomie – und ein lebendiger Beweis, dass Konsumtechnik sich nicht langfristig einsperren lässt – und letztlich den Drang nach Erfindungsgeist und Freiheit unterstützt.

Der 8-Bit-Chip Zilog Z80, Herz zahlloser Heimcomputer
Der 8-Bit-Chip Zilog Z80, Herz zahlloser HeimcomputerxDreamstimexZim235x v/Imago

Dual-Use ist der Normalfall

Vom Wohnzimmer zum Rechencluster, vom Lerncomputer zur Exportliste: Unterhaltungstechnik ist selten „nur“ Spielzeug. Ihre Komponenten sind vielseitig, global verfügbar und oft einfacher zu beschaffen als ausgewiesene Industriegüter. Das macht sie attraktiv – für gute Zwecke (Citizen Science, Bildung) und für problematische (Sanktionsumgehung, militärische Nutzung). Exportpolitik reagiert darauf mit Listen, Lizenzen und Kontrollen.

Aber die Geschichte zeigt: Je näher Technik am Massenmarkt ist, desto eher findet sie Wege – in die Forschung, in die Industrie, manchmal auch in sicherheitsrelevante Grauzonen.

Stefan Piasecki ist Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an einer Verwaltungshochschule. Er promovierte in Politik- sowie Medienwissenschaften und wurde in Religionspädagogik habilitiert. Im Rahmen seines Romans „Vergiftete Sonne“ beschäftigte er sich mit Waffenschmuggel, Technologieproliferation und der Fälschung von Endverbleibszertifikaten zur Zeit des ersten Golfkriegs.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nichtkommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.