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Nachdem die Hisbollah heute vor einem Jahr – am Folgetag des Hamas-Angriffs am 7. Oktober 2023 – Nordisrael angegriffen hat, ist die israelische Armee von ihrem Reaktions- in den Aktionsmodus übergegangen und in den Südlibanon einmarschiert. Der Gazakrieg hat sich damit auf einen Staat ausgeweitet, der ohnehin in einer schweren Krise steckt und von der islamistischen Miliz der Hisbollah dominiert wird, die maßgeblich von Iran unterstützt wird.
Der Libanon als „Failed State“
In den 1970er-Jahren noch als Schweiz des Nahen Ostens gelobt, durchlebt der Libanon schon vor den Auseinandersetzungen der Hisbollah mit Israel eine der schwersten Krisen seit dem Bürgerkrieg (1975–1990). Von diesem hatte sich das Land ohnehin noch nicht erholt. Die oligarchischen Strukturen der Nachkriegszeit blockierten überfällige Reformen, was mittlerweile zur Dysfunktionalität des Staates geführt hat. Die aktuelle Regierung von Ministerpräsident Nadschib Miqati ist nur geschäftsführend im Amt, der Posten des Staatsoberhaupts vakant.
Der Staat ist nicht in der Lage, seinem Volk grundlegende Dienstleistungen zu gewährleisten, angefangen von der Brot- und Trinkwasser- über die Treibstoff- und Stromversorgung bis hin zur Müllabfuhr. Angetrieben durch Misswirtschaft und Korruption hat der Libanon rund 90 Milliarden US-Dollar an Staatsschulden angehäuft. Das libanesische Pfund hat seit 2019 mehr als 95 Prozent seines Wertes verloren. Aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise ist die Hälfte der Bevölkerung arbeitslos, 80 Prozent leben in Armut. Viele können nur mittels Überweisungen von Angehörigen aus der Diaspora überleben, große Summen kommen dabei aus Deutschland. Nicht selten landen Teile davon über Umwege auch bei der Hisbollah.

Der Libanon wird von der Hisbollah dominiert
Die Dominanz der islamistisch-schiitischen Bewegung in der Politik ist einer der Hauptgründe dafür, dass internationale Geldgeber wie die USA oder die EU nicht bereit sind, einen Zusammenbruch des Libanons durch weitere Budgethilfen zu verhindern. Schließlich hat die Hisbollah die Schwäche des Staates dazu missbraucht, ihre Macht systematisch auszubauen. Seit ihrer Gründung, die sich als Reaktion auf die israelische Libanoninvasion 1982 manifestierte, hat sie sich zum Staat im Staate entwickelt. Getragen durch ihre Militärmacht besitzt sie Souveränität über ganze Staatsgebiete: von den Vierteln Südbeiruts (z.B. Dahiyeh) über einen Großteil der Bekaa-Ebene bis hin zu beinahe dem gesamten Südlibanon, inklusive der umkämpften Grenze zu Israel.
Aufgrund ihrer Übernahme des Landes machen nicht wenige Libanesen der Hisbollah den Vorwurf, für den Niedergang verantwortlich zu sein. Unter die Vorwürfe fallen die Einnahme Beiruts am 7. Mai 2008, der Syrien-Einsatz seit 2013, die Niederschlagung der Oktoberbewegung 2019 und die Verwicklung in die Beiruter Hafenexplosion am 4. August 2021. Die Explosionskatastrophe, die auf 2500 Tonnen unsachgemäß gelagertes Ammoniumnitrat zurückzuführen war, gilt als tragischer Höhepunkt der Misere.
Hisbollah als stärkste Miliz jetzt geschwächt
Die Hisbollah stellt durch ihr vielfältiges Arsenal an Raketen und Flugkörper die mit Abstand stärkste Miliz innerhalb der von Teheran angeführten Achse des Widerstands dar. Ihre Miliz gilt gemeinhin sogar als das am schwersten bewaffnete Paramilitär der Welt. Seit der letzten großen Auseinandersetzung mit Israel 2006 hat sie mit Unterstützung aus Iran und Syrien ihr Waffenarsenal massiv ausgebaut: Geheimdienstquellen aus den USA sprechen von über 150.000 modernen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Dies entspricht einem zehnmal größeren Arsenal, als es der Hamas vor ihrem Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 zur Verfügung stand.
Außerdem stehen der Miliz Langstreckenraketen zur Verfügung, mit denen sie das gesamte Territorium Israels erreichen kann. Von diesen hat sie bis dato noch kaum Gebrauch gemacht. Dazu kommen hochpräzise Lenkflugkörper und eine Drohnenarmada mit iranischen Kamikaze-Drohnen wie Samir- und Ababil-T. Auch ist sie im Besitz chinesischer C-701-, 704- und 802-Raketen sowie iranischer Ghadr-Raketen. Solche Antischiffsraketen kamen bei ihrem Angriff auf das israelische Marineschiff „INS Hanit“ 2006 zum Einsatz, bei dem vier Matrosen starben.

Trotz ihres großen Arsenals scheint die Hisbollah durch die Großangriffe Israels in den vergangenen Wochen bis ins Mark getroffen. Sie ist nicht nur mit Blick auf ihre Führung, Kommunikationsmittel und Waffensysteme, sondern auch in ihrem Selbstvertrauen geschwächt. Israel hat durch seine lang geplanten Bombardements die Hisbollah-Führungsriege nahezu ausgelöscht, darunter ihren Oberbefehlshaber Fuad Shukr, ihren Südfront-Kommandeur Ali Karaki, ihren Führer der Eliteeinheit Radwan Ibrahim Aqil und ihren prominenten Generalsekretär Hassan Nasrallah.
Diese systematische Eliminierung offenbart nicht nur große Sicherheitslücken innerhalb der Riege der Hisbollah, die von Spionen und Informanten des Mossads unterwandert scheint, sondern ihre größte Krise seit Jahrzehnten. Dennoch wird die Hisbollah in der Lage sein, diese schweren Rückschläge aufgrund ihrer straffen Organisation, ihres Korpsgeistes und ihrer Krisenerfahrung zu überdauern und sich neu zu organisieren. Sie ist zwar deutlich geschwächt, aber systemisch noch lange nicht am Ende, zumal sie in ihrem über 40-jährigen Bestehen schon einige Rückschläge verkraften konnte, wie zum Beispiel Israels Eliminierung von Nasrallahs Vorgänger Abbas al-Musawi 1992.
Invasion im Südlibanon birgt Gefahren
Nachdem der israelische Armeechef Herzi Halevi die letzte Hamas-Brigade im Gazastreifen Mitte September 2024 für besiegt erklärt hatte, hat die Armee ihren Fokus vom Süden ganz auf den Norden gerichtet. Sie scheint fest entschlossen, den Angriffen der Hisbollah ein Ende zu setzen. Mit ihrer jüngsten Bodenoffensive „Pfeile des Nordens“ im Südlibanon will sie die Rückkehr von 60.000 Israelis ermöglichen, die seit einem Jahr aus Nordisrael vertrieben sind. Das Ziel Israels scheint, die Hisbollah rund 30 Kilometer bis zum Fluss Litani zurückzudrängen. Die israelische Regierung beruft sich dabei auf die Durchsetzung der UN-Resolution 1701, die diese Zone nach dem letzten Krieg 2006 als entmilitarisierte Grenzregion um die sogenannte Blaue Linie festgesetzt hatte. Sie ist eine Demarkationslinie und fungiert als eine von den Vereinten Nationen nach dem israelischen Rückzug aus dem Südlibanon im Jahr 2000 festgelegte Grenze, die seither von der UN-Interimstruppe im Libanon überwacht wird.

Auf der Gegenseite hat nach der Tötung des langjährigen Generalsekretärs Hassan Nasrallah dessen Stellvertreter Naim Kassim die Kampfbereitschaft der Hisbollah betont: „Wir sind auf alle Möglichkeiten vorbereitet.“ Tatsächlich fliegen trotz des israelischen Bombardements weiterhin jeden Tag Raketen auf Israel, obwohl wirklich schwere Schläge bislang ausblieben. Ein Hauptgrund dafür ist, dass die israelische Flugabwehr mit ihren Systemen Iron Dome, David’s Sling und Arrow die meisten der abgefeuerten Kurzstreckenraketen des Typs Katjuscha abfangen konnte. Die Katjuschas, die eine Reichweite von rund 40 Kilometern haben, machen den Großteil des Raketenarsenals der Hisbollah aus.
Die jüngste Bodenoffensive im Südlibanon stellt allerdings ein nicht zu unterschätzendes Szenario für Israel dar. Im Gegensatz zu den Angriffen aus der Luft, welche die Hisbollah ohne Flugabwehr nicht verteidigen kann, ist der Kampf am Boden ein riskanteres Unterfangen. Die Hisbollah kennt das Kampfterrain auswendig und unterhält ein umfassendes Tunnelsystem im Südlibanon, das viel ausgeklügelter ist, als es das der Hamas im Gazastreifen war. Viele der Hisbollah-Kämpfer haben während ihres Syrieneinsatzes umfassende Kampferfahrungen gemacht. Dabei konnte besonders die Elitetruppe Radwan mit ihren rund 2500 Soldaten weitreichende Nahkampferfahrungen sammeln und sich in Guerilla-Taktiken üben.
Insgesamt besitzt die Hisbollah schätzungsweise rund 50.000 Soldaten (rund 30.000 Kämpfer und 20.000 Reservisten) in ihren Reihen. Im Verhältnis dazu zählte die Hamas nur circa 20.000 Kämpfer im gesamten Gazastreifen. Obwohl die Hisbollah beim letzten Krieg gegen Israel 2006 noch nicht so schlagfähig war und der Südlibanon als auch Südbeirut schwer verwüstet wurden, konnten ihre Kämpfer der israelischen Armee schon damals schmerzhafte Verluste zufügen (rund 170 Tote, davon 130 Soldaten). Außerdem scheiterte Israel mit seinem Kriegsziel, die Hisbollah von seiner Nordgrenze fernzuhalten, was den derzeitigen Beschuss erst möglich gemacht hat.

Ungewisse Zukunft nicht nur im Libanon, sondern in ganz Nahost
Die jüngste Ausweitung des Gazakriegs auf den Libanon verdeutlicht die Explosivität der aktuellen Konfliktlage, die sich als einer der kritischsten Momente in Nahost seit Jahrzehnten herausstellt. Es bedarf einer breiten internationalen Anstrengung zur Deeskalation, sonst scheint eine Ausweitung der Kämpfe unvermeidlich. Dies zeigt der jüngste, massive Angriff Irans auf Israel, der auch als Vergeltung auf die israelische Eliminierung des Hisbollah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah erfolgte.
Ein Weg zur Deeskalation könnten die Bemühungen des US-Diplomaten Amos Hochstein sein, der beide Konfliktparteien zu einem dauerhaften Waffenstillstand bewegen will. Allerdings scheint der Druck vonseiten der USA auf die Regierung von Benjamin Netanjahu zu gering, um diplomatische Erfolge zu erzielen. Die Biden-Administration hat es bis heute nicht vermocht, Israel zu einem Geiseldeal mit der Hamas zu bewegen. Daher müssen die Friedensanstrengungen deutlich intensiviert und auch international noch viel breiter unterstützt werden.
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Je länger die Kämpfe zwischen der Hisbollah und Israel andauern, desto wahrscheinlicher ist es, dass die anderen proiranischen Milizen der Achse des Widerstands in Syrien, Irak und Jemen noch stärker in den Konflikt eingreifen. Wird zuletzt berücksichtigt, dass dahinter ein großer Krieg zwischen Iran und Israel mit den USA im Hintergrund schwelt, könnten die jetzigen Auseinandersetzungen in eine unberechenbare Gewaltspirale im gesamten Nahostraum münden, der dann bald auch direkte Auswirkungen auf Deutschland und Europa haben wird.



