Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Im letzten Jahr rief der VS Berlin, der Verband der Schriftsteller/-innen in ver.di, zu einem „literarischen Experiment“ auf: ein Schreibwettbewerb, bei dem die Verbandsmitglieder Texte mithilfe Künstlicher Intelligenz generierten. Am Ende sollte die Frage aller Fragen enträtselt werden: „Erkennen die Leserinnen und Leser, welche Texte maschinell entstanden sind?“
Meine Haltung dazu war und ist eindeutig: „Professionelle Autor/-innen“, die sich aus vermeintlicher Not („Bin ich bald arbeitslos?“) mit KI-Literatur messen, tragen zur Selbstverzwergung der eigenen Zunft bei.
Doch meine Kritik geht über ein solches, wie auch immer wissenschaftlich kommentiertes, literarisches Rätselraten hinaus. Sie ist grundsätzlich. Denn der zunehmend häufiger herbeigezwungene Vergleich von „Kunst“ und „Künstlicher Intelligenz“, Mensch versus Maschine, beruht von gleich zwei Seiten auf problematischen, unreflektiert hingenommenen Begrifflichkeiten.
Was ist überhaupt „Intelligenz“?
Es beginnt mit der „Intelligenz“. Schon während meiner Ausbildung zum Psychologen galt es angesichts Dutzender Intelligenztests weltweit als ein geflügeltes Wort, dass „Intelligenz das ist, was ein Intelligenztest misst“. Mit anderen Worten: Wir haben es mit einem gedanklichen Konstrukt zu tun, abhängig vom jeweiligen Vorverständnis seiner Entwickler, zum Beispiel der Annahme einer „allgemeinen Intelligenz“ gegenüber mehreren „spezifischen Intelligenzen“ oder der Unterscheidung zwischen „kindlicher“ und „Erwachsenenintelligenz“. Zusätzlich existiert die Behauptung, dass sich Intelligenz in der Bevölkerung angeblich ebenso verteilt wie Schuhgrößen, und dann gibt es noch Deutungen „projektiver Tests“, die laut Kritikern mehr über die Fantasie ihrer Deuter aussagen als über die getesteten Personen.
Und ich rede hier noch gar nicht von einem qualitativen Verständnis von Intelligenz à la Jean Piaget. Der berühmte Schweizer Entwicklungspsychologe wusste noch, dass „Begreifen“ von „Greifen“ kommt und Denken verinnerlichtes Handeln ist. Ich bin sicher, Piaget rotiert pausenlos im Grab angesichts des immer früheren Einsatzes von Computern in Schulen, Kindergärten und sogar Kinderzimmern. Denn Verstand und Verstehen sind das Ergebnis von Tun, von Aktivität. Sie begünstigen auch das Lesen- und Schreibenlernen.
Es ist also alles andere als ausgemacht – und das Gegenteil von Wissenschaftlichkeit –, wenn so getan wird, als dürfe man computergenerierten Texten überhaupt einen Prozess unterstellen, den man mit „Intelligenz“ gleichsetzt. Ich frage mich, ob „KI“ nicht vielmehr dem entspricht, was man in Anlehnung an Stanislaw Lem „Künstliche Nichtintelligenz“ bzw. „Künstlichen Instinkt“ nennen könnte.
Lem, der visionäre polnische Schriftsteller, bietet denn auch die Brücke zu meinem zweiten Kritikpunkt an einem literarischen Armdrücken zwischen Mensch und Maschine: der „Kunst“, in diesem Fall der Kunst des Schreibens.
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Was zählt, ist der Entstehungsprozess
Textmaschinen wie ChatGPT oder DeepSeek, die Hypes aus USA und China, produzieren bekanntlich Texte, die das Ergebnis von Rechenleistungen sind, und sie werden nicht besser bzw. legitimer, falls die KI zuvor in gigantischem Ausmaß und womöglich unter sinistren Umständen mit Plagiaten gefüttert wurde. Hinter der Textmaschinenleistung stehen keine lebendigen Erfahrungen. Niemand mit Verstand würde das bezweifeln.
Von Menschen geschriebene literarische Texte unterscheiden sich von Maschinentexten ganz grundsätzlich dadurch, dass ihnen aufgrund ihrer Verankerung im „gelebten“, sprich menschlichen Leben eine persönliche Bedeutung zukommt – schon bevor sie verfasst wurden, während des Schreibprozesses und danach, falls auch andere Menschen den Text lesen oder hören. Wenn wir als Menschen Geschichten, Gedichte, Gedanken aufschreiben, so deshalb, weil sie menschlichen Impulsen entspringen, unseren Erfahrungen, Bedürfnissen, Irrtümern ...
Hätten wir etwa zwei zufällig genau identische Texte vor uns, der eine geschaffen von einer Maschine und der andere von einem Menschen, wäre ihre Bedeutung für uns Lesende keineswegs identisch! Beim Maschinentext frage ich völlig umsonst: Was hat sich das Programm dabei gedacht? Nichts, selbstverständlich, die App hat nur herumgerechnet. Beim menschlichen Text sind meiner Spekulation über die Entstehungsbedingungen oder die Begleitumstände und die damit eventuell verbundenen Absichten keine Grenzen gesetzt. Hier kommt also nicht einmal dem, was sich vollkommen gleicht, auch die gleiche Bedeutung zu, im Fall des KI-Produkts sogar überhaupt keine menschliche Bedeutung.
Ähnlich sieht es in der bildenden Kunst aus: Es gibt sicherlich Kunstfälscher, deren Kopien so „perfekt“ erscheinen, dass sie sogar für geübte Augen das Original wie eine Fälschung aussehen lassen. Doch einmal enttarnt, ist ihre künstlerische Bedeutung für uns dahin. Ich bewundere Picasso, nicht seinen Kopisten, der buchstäblich abmalt, nicht neu schöpft, und dem Werk deshalb keine weitere Bedeutung hinzufügt.

KI-Texte sind unterhaltsam, mehr nicht
Zurück zum literarischen „Kräftemessen“ zwischen Mensch und Maschine: Wer sich darauf einlässt, begibt sich automatisch auf das Niveau der Berechenbarkeit, denn nichts anderes generiert die „generative KI“. Es entstehen Inhalte und Formen, die dem Leben an keiner Stelle abgerungen werden, egal ob die Algorithmen geschüttelt oder gerührt werden. Eine KI hat eben nur jeweils die Wahl zwischen Null und Eins, An und Aus, hell und dunkel, ohne Sinn, ohne Verstand, nur immer mehr davon.
Wir können uns den Text-Output von Maschinen ansehen, lesen, anhören, auch unseren Spaß daran haben. Aber wir sollten nicht so tun, als hätte er einen menschlichen Hintergrund. Das Ergebnis mag unterhaltend sein, aber für uns Menschen ist es auf die Dauer so belanglos wie eine Serie von Schachcomputern, die gegeneinander spielen, nachdem sie alle amtierenden menschlichen Schachcracks bereits hundertfach geschlagen haben.



