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Wer den Zauberberg nur in Davos vermutet, liegt falsch. Die gleichnamige Buchhandlung befindet sich in Berlin-Friedenau, in einem Stadtteil, der mit der literarischen und künstlerischen Moderne in Deutschland eng verbunden ist. In Friedenau lebten Karl Schmidt-Rottluff und Renée Sintenis, hier hatte der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck sein Atelier, Erich Kästner eine diskrete Geliebte und Max Frisch eine feudale Altbauwohnung. Die geschichtlichen Bezüge sind auch auf dem Zauberberg unübersehbar. Seit der späten Weimarer Republik befindet sich in den Räumlichkeiten in der Bundesallee 133 eine Buchhandlung. Entsprechend präsent sind Romanautoren und Feuilletonisten der 1920er-Jahre. Klassische Moderne und Berliner Großstadtliteratur sind hier zeitlos gültig geblieben.
Seit über zehn Jahren führt die Literaturwissenschaftlerin Natalia Liublina mit ihrem Geschäftspartner Gerrit Schooff die Buchhandlung. Ihr gemeinsames Credo lautet: „Eine literarische Tradition kann man nicht beliebig auswählen, sondern nur versuchen, sie angemessen fortzuführen.“ Konservatismus und Avantgarde zugleich, warum eigentlich nicht? Beide glauben fest daran, dass Literatur erlebbar gemacht werden kann und muss. Regelmäßig finden hochkarätige Lesungen, Diskussionen und Buchpremieren auf dem Zauberberg statt. „Unsere Buchhandlung ist ein Raum der kulturellen Begegnung und der lebendigen, auch kontroversen Debattenkultur.“ Wie erfreulich, auch in der Nische gibt es große Ambitionen.
Die ganze Welt der Literatur
Erst kürzlich las die Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa aus ihren Moskauer Memoiren und Jörg Baberowski stellte sein momentan viel diskutiertes Buch „Am Volk vorbei“ vor. Häufig sind die Historiker Götz Aly und Karl Schlögel, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, zu Gast, um ihre jüngsten Bücher vorzustellen.
Liublina ist stolz darauf, dass es besonders viele Buchpremieren auf dem Zauberberg gibt. „Druckfrische Bücher sind wie frische Croissants, ein sinnlicher Hochgenuss!“ Newcomer und etablierte Autoren, Lyrikerinnen und Essayisten, Literaturwissenschaftler und Philosophinnen – sie alle sind auf dem Zauberberg willkommen. Vielleicht kann man sich die Buchhandlung am ehesten als eine Art geistiges Sanatorium vorstellen, wo Kunden – sind es nicht auch Patienten der Spätzivilisation? – literarische Anregungen, ästhetische Impulse und geistige Nahrung aller Art finden. Die Buchhandlung verfolgt, ob gewollt oder ungewollt, ein diskursives Konzept.
Über zehntausend Bände warten hier auf ihre neuen Besitzer: Sachbuch und Belletristik, Klassiker und Gegenwartsliteratur, Krimis und Gedichte, Geisteswissenschaften und Kinderbücher, Märchen und Graphic Novels. „Wir führen alle Genres bis auf zwei“, meint Liublina, „New Adult und Trivialliteratur.“ Auch Ratgeberliteratur, die anderswo ganze Regalreihen füllt, sucht man hier vergeblich. Logisch, die Weltliteratur selbst ist ja der größte Rat- und Trostgeber überhaupt.

Regelmäßig Schulklassen zu Gast
Der Zauberberg ist spürbar ein Ort der Entschleunigung. Hohe Decken, lichtdurchflutete Räume mit alten Holzregalen und tiefen Ledersesseln, in denen es sich ungestört schmökern lässt. „Bücher sind für mich etwas ganz Besonderes“, meint Liublina. Und: „Durch das gedruckte Wort öffnet sich die Tür zu einer Welt der Fantasie, der Gedanken und Gefühle. Bücher sind Teil der Wirklichkeit – und bieten zugleich den Zugang zu einer völlig anderen, geistig-sensitiven Welt. Das macht Bücher so ungewöhnlich.“ Offenbar wird die Buchhandlung von echten Enthusiasten geführt.
„Ohne Idealismus geht es nicht“, meint Schooff, der auf dem Zauberberg die Sachbücher betreut und die Finanzen führt. Gerade Letztere geben ihm bisweilen Anlass zur Sorge. „Die Erosion der tradierten Buchkultur können auch wir nicht aufhalten, aber wir können ihr etwas entgegensetzen.“
Was das genau ist, lässt sich am ehesten mit einer Mischung aus Leidenschaft und Engagement, Kompetenz und Kommunikation umschreiben. Die Buchhandlung organisiert regelmäßig literarische Exkursionen (etwa zu Brechts Sommerhaus in Buckow oder ins Romantikerschloss Wiepersdorf) und unterstützt lokale Kulturinitiativen wie das Demokratiefest in Friedenau. Zudem kooperiert Der Zauberberg mit literarischen Organisationen wie der Thomas Mann-Gesellschaft und der Heinrich-Heine-Gesellschaft. Das nennt man, der eine oder andere mag sich noch erinnern, deutsche Kultur.
Die Verbindung zur Literatur und Geschichte Osteuropas ist für Liublina besonders wichtig. Wer weiß denn noch, dass Czernowitz in der Westukraine bis zum Zweiten Weltkrieg ein wichtiges Zentrum deutschsprachiger jüdischer Dichter war? Wo sonst wird man so kompetent zu Puschkin, Odojewski und Leskow, Brodski und Dostojewski, Tolstoi und Pelewin beraten? Die Strahlkraft der großen russischen Literatur ist auf dem Zauberberg ungebrochen. „Das ist für mich kein politisches, sondern ein ästhetisches Statement“, stellt Liublina unmissverständlich klar.
Zum Welttag des Buches sind regelmäßig Schulklassen auf dem Zauberberg zu Gast. „Wir wollen die Freude am Lesen möglichst früh vermitteln, damit sie sich richtig entfalten kann.“ Wann hat man solche Sätze zum letzten Mal gehört? Bestimmt nicht auf einem schulischen Elternabend, wo überforderte Pädagogen ihre erzieherische Inkompetenz gegenüber einem ignoranten und gelangweilten Publikum demonstrieren. Ja, Buchhandlungen können ein Korrektiv zur Misere des Mainstreams sein, ohne dabei zu moralisieren. Der Zugang zur Buchkultur ist, zumindest auf dem Zauberberg, entspannt, niedrigschwellig und spielerisch. Für die Kinderliteratur gibt es ein eigenes, großzügig gestaltetes Lesezimmer. An der Wand hängt ein signiertes Bild von Paul Maar, der hier auch einmal zu Gast war.
Um Kunden das für sie passende Buch zu empfehlen, muss man auch Nein sagen können. Auf diese Weise ist Liublina auf die Idee zu ihrer neuen Veranstaltungsreihe gekommen. Unter dem Motto „Die Buchhändlerin rät ab“ wird auf dem Zauberberg einmal im Monat leidenschaftlich und kontrovers über Literatur diskutiert. Jede Veranstaltung hat ein eigenes literarisch-assoziatives Thema, etwa „Abenteuer“, „Inseln“, „Dystopie“ oder „Erinnerung“. Moderiert wird die Reihe von dem bekannten Berliner Kulturjournalisten und Musikkritiker Kai Luehrs-Kaiser, Gäste sind unter anderem die Kinderbuchautorin Sabine Ludwig sowie der Filmemacher und Buchautor Torsten Körner. „Wir wollen zum Bücherlesen animieren, aber auch ein wenig provozieren und frech sein.“ Falls Literatur zu kritischem Denken verhelfen sollte, darf man auch polemisch werden. Höflich, aber direkt: Diese Mischung kommt beim Publikum gut an.

Kein Preis für Unabhängigkeit
In ganz Berlin findet man wohl keine zweite Buchhandlung, die zugleich so exponiert und unauffällig, bürgerlich und unkonventionell, frei und traditionsbewusst agiert wie Der Zauberberg. Als inhabergeführtes Kleinunternehmen – KMU, ökonomisch ausgedrückt – ist die Nähe zu Verlagen mit einem profilierten Nischenprogramm fast schon naturgemäß.
Am 9. April wird das wiederentdeckte Buch „Tulpenwut und Rosenliebe“ der Berliner Journalistin Gabriele Tergit vorgestellt. In den 1920er-Jahren gehörte sie zu den Stars des Hauptstadtfeuilletons, ehe sie 1933 emigrieren musste. Brillanz ist an gesellschaftliche Bedingungen geknüpft, die nur allzu leicht erodieren. Auch daran möchte Der Zauberberg erinnern.



