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Am vergangenen Sonntag, dem 12. April 2026, wurde B. K. Tragelehn 90 Jahre alt. Ein Geburtstag, der weniger nach Feier als nach Rückschau klingt – nach einem langen Theaterleben zwischen Bühne und Bruch, Loyalität und Verbot. Aus Anlass dieses Datums fand am Berliner Ensemble eine Buchvorstellung statt. Tragelehn präsentierte gemeinsam mit Friedrich Dieckmann, dem Dramaturgen, und Thomas Irmer, dem Publizisten und stellvertretenden Vorsitzenden der Heiner-Müller-Gesellschaft, sein Lesebuch „Roter Stern in den Wolken 3“.
Als Tragelehn die Bühne betrat – salopp in blauer Jeans, barfuß in leichten Tretern und in einem dunkelblauen, ausgewaschenen Sakko –, brandete Applaus auf. Es waren jene gekommen, die seine Inszenierungen kannten: Wegbegleiter, Schauspieler und Mitarbeiter des Berliner Ensembles, um den Geschichten über das Theater und seine Kämpfe zu lauschen. Seine Theaterarbeit und die daraus entstandenen Dissonanzen im Osten bildeten den Schwerpunkt, seine Arbeit im Westen blieb ausgespart.
Schade, dass kein Intendant zum Gratulieren anwesend war und ihn ehrte. Claus Peymann ist verstorben, andere außer Dienst – bei der Buchpremiere des wohl letzten lebenden Meisterschülers von Bertolt Brecht und prägenden Regisseurs zu DDR-Zeiten, in der BRD und im wiedervereinigten Deutschland.
1936 geboren, wuchs er als Einzelkind in Dresden auf. Die Familie lebte im vierten Stock am Dürerplatz in der Johannstadt, unweit der Trinitatiskirche. 1945 erlebte er die Bombardierung: Einschläge, die näher kamen, schwankende Wände – ein Wunder, dass sie überlebten, während die Stadt brannte.
Wie ein alter Lord zu elisabethanischen Zeiten
Kurz nach der Grenzöffnung 1989 darf ich ihn und seine Frau Christa erstmals besuchen, nach einem Besuch in Buchenwald und beim Dichterpaar Goethe/Schiller auf dem Theaterplatz in Weimar. Es sind die ersten warmen Sonnenstrahlen eines Märztages, die auf ein Haus in der Prenzlauer Allee fallen, in dem im Erdgeschoss eine SB-Bank der Berliner Sparkasse eingezogen ist, als ich die knarzenden Stufen hinaufsteige.
Auf meine naive Frage hin, wie das denn so mit der Stasi gewesen sei, antwortet Christa damals nur: „Da unten ist immer der Trabi von der Volkspolizei gestanden und hat auf uns aufgepasst.“
Und durch die Prenzlauer Allee rollen in dieser Zeit westdeutsche Limousinen, die Seitenfenster verhängt – wie Haifische auf der Suche nach den „blühenden Landschaften“, nach dem, was die Treuhand verwertbar machte.
In seinem Morgenmantel erinnert Bernhard Klaus Tragelehn an einen alten Lord zu elisabethanischen Zeiten, an einen Gelehrten, der in einem Denkraum zwischen seinen Büchern Auskunft gibt; wie ein Wesen aus einer vergangenen Theaterzeit, ein Orakel der deutsch-deutschen Theatergeschichte – auf einer alten Chesterfield-Couch zusammen mit Christa zwischen einem sorgsam gehüteten Bücherschatz und mehreren Stößen von Manuskripten, die ordentlich aufgeschichtet sind. Zwischen den Bronze-Porträtköpfen des Bildhauers Jochen Schamal von Christa und ihm befindet sich in einem Nebenraum eine der originalen Totenmasken von Brecht. Vor ihm steht ein englisches Tischchen mit einem Wodka aus Estland und Zigarrenutensilien, dem Aschenbecher.

Seit über einem halben Jahrhundert sind sie ein Paar. In einer Zeit des zerrissenen Deutschlands haben sie vier Kinder großgezogen.
Christa arbeitete lange bei Radio Berlin International, dem Auslandsrundfunk der DDR. Der Sender strahlte Programme in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Dänisch, Arabisch, Hindi und Suaheli aus – eine Stimme der DDR nach außen. Dort leitete Christa ein Auslandsprogramm.
1959 war das Jahr, in dem sie den jungen B. K. kennenlernte. Sie lebten in wechselnden Wohnungen in Ost-Berlin, auch im Umfeld von Wolf Biermann – Räume politischer und künstlerischer Spannung, nie stabil, sondern Übergangszonen.

Der Skandal wird zum Mythos
Tragelehn war 1955 mit 19 Jahren an das Berliner Ensemble gekommen – vermittelt durch Hans Bunge, später bekannt durch seine Gespräche mit Hanns Eisler. Bunge führte ihn zu Brecht und Helene Weigel nach Buckow. Ein Jahr hat er ihn dort noch als Regieassistent erlebt; 1956 im Herbst war Premiere von „Leben des Galilei“, herausgebracht von Erich Engel, nach Brechts Tod am 14. August 1956.
Nach Brechts Tod lernte Tragelehn Heiner Müller über „Der Lohndrücker“ kennen – ein Schlüsseltext der frühen DDR-Dramatik. „Da wusste ich, wie es nach Brecht weitergeht“, sagt er. Bald kollidierte er mit den Kulturinstanzen der DDR. Gemeinsam mit Müller inszenierte er „Die Umsiedlerin“. Die Probeproduktion an der Hochschule für Planökonomie wurde 1961 – im Jahr des Mauerbaus – sofort verboten. In der Generalprobe fügte Tragelehn den Satz ein: „Der Zweck von unserem Staat ist, dass er aufhört.“
Für Müller und Tragelehn war dies der Bruch: Aus überzeugten Sozialisten wurden Staatsfeinde. Zwölf Jahre durfte Müller nicht mehr aufgeführt werden. Tragelehn wurde „kaltgestellt“, später zur „Bewährung in der Produktion“ in den Braunkohle-Tagebau nach Senftenberg geschickt. Müller wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, Tragelehn erhielt Berufsverbot. Der Skandal wurde zum Mythos.
Erst in den 1970er-Jahren kehrte er zurück – auch dank Paul Dessau und Bernhard Minetti, der im Deutschen Theater im „Sturm“ den Prospero in seiner Übersetzung spielte.
Nach dem Tod von Helene Weigel begann die Ära Ruth Berghaus am Berliner Ensemble, die das Haus wieder für jüngere Künstler wie Müller und Schleef öffnete.
1975 dann der nächste Eklat mit den DDR-Oberen: Tragelehn inszenierte dort mit Einar Schleef „Fräulein Julie“. Mit Jutta Hoffmann und Jürgen Holtz, die beide später einem breiteren, nicht theateraffinen Publikum durch die Fernsehserie „Motzki“ bekannt wurden, die die deutsch-deutschen Befindlichkeiten kurz nach der Wiedervereinigung satirisch kommentiert.
Nach neun Vorstellungen wurde das Stück abgesetzt, weitere Gastspiele gecancelt – getragen von Teilen der Brecht-Erben, kulturpolitischen Instanzen des ZK der SED sowie inneren Widerständen im Ensemble. Auch Berghaus musste gehen. Das Haus wurde wieder stärker museal geführt.
Ekkehard Schall, der mit Barbara Brecht-Schall verheiratet war, die große Teile des Brecht-Erbes verwaltete, soll bei einer privaten Zusammenkunft vor B. K. Tragelehn förmlich auf die Knie gegangen sein und sich bei ihm für die damalige Einflussnahme auf seine Karriere entschuldigt haben.

Besuch bei Bierbichler
Der Westen wurde dann der Ausweichraum – Stuttgart, Bochum, München in der Bundesrepublik.
1979: Claus Peymann holt ihn an das Staatstheater Stuttgart. Dort inszeniert er „Maß für Maß“. Zur Besetzung gehörten namhafte Schauspieler der Zeit, darunter Peter Brombacher als Herzog Vincentio, Gert Voss als Angelo, Ortrud Beginnen und Josef Bierbichler als Clown Pompey Bum. Peymann galt als Förderer von Regisseuren aus der DDR.
Insgesamt dreizehn Müllertexte bringt er auf die Bühne. Darunter die zentralen Texte „Quartett“ in Bochum und „Philoktet“ im Cuvilliés-Theater in München – wieder mit Brombacher, Bierbichler und Peter Kremer.
In der Probenzeit besuchte B. K. zusammen mit Peter Brombacher das Gasthaus Zum Fischmeister am Starnberger See mit der dazugehörigen Landwirtschaft. Neben der Schauspielerei hütete Bierbichler auch als Landwirt den elterlichen Hof. Den beiden Spaziergängern empfahl er einen Weg hinter dem Haus hinauf auf einen Hügel.
Tragelehn blieb während des Aufstiegs stehen, blickte über die Landschaft und bemerkte, nicht denunziatorisch, sondern eher als Mitteilung eines bemerkenswerten, fast beiläufigen Phänomens:
„Nett haben Sie’s hier, die kleinen Idioten.“ (Ein Zitat aus dem Text „Im Herbstheu“ von Josef Bierbichler, erschienen in Theater der Zeit, 04/2023.)
Und Tragelehn wird im Westen zur festen Größe – und zugleich zum „Gastarbeiter“, wie er selbst sagt: jemand, der zeigt, aber nicht dazugehört. Er inszeniert in München „Hamlet“ mit Brombacher. Die Produktion führte zu einem Eklat, nachdem Bierbichler in der Totengräberszene improvisierte Tiraden auf Franz Josef Strauß und die CSU einfügte.
Ein mächtiger Theaterrezensent, nämlich kein Geringerer als Joachim Kaiser, schrieb dann in der Süddeutschen Zeitung, dass der Theaterbesucher mit dem Kauf seines Tickets auch so etwas wie einen Vertrag geschlossen habe, dass der in der Theaterprobe erarbeitete Text auf der Bühne nicht verändert werden dürfe, und forderte diese Abmachung ein.
Und immer wieder Komödien, etwa „Das Ende vom Anfang“ von Sean O’Casey. So geht Komödie – nicht jener aufgeweichte Komödienquatsch, der sonst publikumswirksam, aber dumpf im Theater aufgetischt wird. Prägend auch Molières „Menschenfeind“ am Bayerischen Staatsschauspiel mit Peter Brombacher und Jürgen Holtz.
1987 war er Schauspieldirektor in Düsseldorf.
Peter Brombacher, der eigens aus München zur Buchpremiere und zum 90. Geburtstag angereist ist, bleibt eine Schlüsselfigur in der Rezeption der Müller-Texte: ein Schauspieler, der nicht „hochspielt“, sondern Sätze wie Pfeile in den Raum setzt – uneitel, ensembletreu. Er sagt: „Bei Brecht mussten die Regieassistenten Versformen beherrschen … Die Sätze in den Zuschauerraum schleudern – vielleicht bleibt etwas hängen.“ Wie Pfeile mit Widerhaken.

Um die Distanz zwischen Bühne und Publikum aufzuheben
Tragelehn las am Sonntag eine Passage aus seinem Lesebuch, um den Besuchern mitzuteilen, was er darunter versteht, die Distanz zwischen Bühne und Publikum aufzuheben, sich mit ihm zu verbünden: „Meine Erfahrung mit Brecht hat meine Arbeit – das Inszenieren, von was für Stücken auch immer, genauso wie das Schreiben – stets bestimmt; bestimmt ist vielleicht das falsche Wort, gefüttert wäre vielleicht das richtige. ‚Sagen lassen sich die Leute nichts, erzählen lassen sie sich alles.‘ Der Satz von Walter Benjamin berührt den Kern der Vorstellung von dem, was Brecht mit dem Begriff des epischen Theaters meint.“
Vielleicht wird nicht immer alles begriffen, aber doch bewahrt – etwas, das sich oft erst viel später im Leben erschließt und von dem doch etwas hängen bleibt.
Willkommene Devisenquelle für die DDR
Und Christa erzählt bei meinem Besuch damals im März, dass sie erst 1984 zum ersten Mal ausreisen konnte, um bei den Proben zu „Herakles V“, „Menschenfeind“ und „Philoktet“ dabei zu sein. Alle Inszenierungen hatte sie zuvor nur per VHS-Kopie gesehen.
Für die DDR waren diejenigen, die im Ausland arbeiten durften, eine willkommene Devisenquelle; die Hälfte ihrer Einnahmen mussten sie zu Hause abgeben – im Austausch zu einem festgelegten Kurs von eins zu eins zwischen West- und Ostmark.



