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Vor wenigen Monaten musste bereits die Tucholsky-Buchhandlung den Interessen eines neuen Investors weichen: Die Miete wurde verdreifacht, ein Weiterbetrieb war nicht mehr möglich. Kurz darauf traf es auch die Humboldt-Apotheke in der Chausseestraße – rund 6000 Euro monatlich seien selbst für eine Apotheke kaum noch zu stemmen gewesen. Nun stehen mit dem Lottoladen und einer Ergotherapiepraxis in der Novalisstraße in Berlin-Mitte zwei weitere systemrelevante Gewerbe vor dem Aus.
Am Demonstrationstag sperrte ein Polizeiwagen die Zufahrt zur Novalisstraße, ansonsten standen lediglich zwei Beamte abseits – keine Hundertschaften, keine Eskalation. Stattdessen versammelte sich eine wachsende Menge von Anwohnern, Nachbarn aus umliegenden Geschäften und Gewerbetreibenden vor dem Lottoladen zu einer friedlichen Kundgebung. Es war ein Treffen derer, die sich sichtbar machen wollten: Menschen aus dem Kiez, im historischen Dichterviertel, die gehofft hatten, die Spekulationswelle der Nullerjahre müsse ein Ende finden.
Jana Bieselt, die Betreiberin des Lottoladens, gilt vielen als Seele des Kiezes. Gemeinsam mit ihren Kindern Johannes und Stephanie führt sie das Geschäft seit über 20 Jahren. In die kleine Aktivbox gesprochen, sagte sie mit ruhiger Entschlossenheit: „Es wird schwer werden, und wahrscheinlich ist es aussichtslos – aber es ist uns egal. Hätte man mich vor Jahren gefragt, ob ich einmal selbst zu einer Demonstration aufrufen würde, hätte ich ‚Niemals‘ gesagt. Heute stehe ich hier – nicht nur für meinen Laden, sondern für den ganzen Kiez.“
Auch Nadja Schünemann, die seit über 30 Jahren ihre Ergotherapiepraxis in der Novalisstraße betreibt, fand deutliche Worte: „Ist eine Rendite so viel wert, dass meine Kinder keine Therapie mehr haben? Wenn ich gehen muss, müssen auch meine Patient:innen gehen. Ich habe 30 Jahre hier gearbeitet. Ich werde nicht zulassen, dass die Holding die Seele dieses Viertels zerstört.“
Zusammengenommen bestehen Praxis und Lottoladen seit über fünf Jahrzehnten – gewachsene Infrastruktur, die nun abrupt infrage steht. Immer wieder hallte der Ruf durch die Straße: „Wir bleiben!“
Kinder mit selbstgemalten Plakaten
Noch am selben Tag kündigten Vertreter der Eigentümerholding und der Hausverwaltung an, das Lager hinter dem Lottoladen zu besichtigen, in dem derzeit Pakete gelagert werden. Dort solle perspektivisch in den 20 Quadratmetern ein Einzimmerapartment entstehen. Wohin dann mit den täglich angelieferten Paketen, fragte sich nicht nur die Betreiberin, sondern auch viele der anwesenden Nachbarn und Gewerbetreibenden.
Bunte Wimpel spannten sich während der Demonstration über die Straße wie über einem festlich geschmückten Raum – ein sichtbares Zeichen des Widerstands. Kinder hielten selbstgemalte Plakate hoch: „LOTTOLADEN BLEIBT“ und „UNSER KIEZ IST NICHT FÜR PROFIT“, das Wort „Kiez“ von einem Herz umrahmt. Die Initiative „Kiez vor Profit“ sprach von einem „Investorenkrieg gegen die Bürger eines Kiezes“.
Der neue Eigentümer hat eine Vervierfachung der Mieten angekündigt und beiden Gewerben zum 31. Dezember2026 gekündigt. „Kein Kiezleben ohne Kiezläden“ steht auf dem Banner gegenüber der Hausnummer 5. Ein ganzes Viertel hat sich solidarisiert: Angemeldet waren 50 Demonstrierende beim Ordnungsamt, gekommen sind rund 300. Für Jana Bieselt war diese Unterstützung überwältigend.
Der Konflikt wirkt wie aus einem Drama von Bertolt Brecht gefallen. In seinem Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ beschreibt er die Stadt als Schauplatz ökonomischer Zwänge und sozialer Widersprüche, an dem Profitinteressen und menschliche Bedürfnisse aufeinanderprallen. Genau diese Spannungen werden nun in der Novalisstraße sichtbar: Hier steht nicht nur ein Mietvertrag zur Disposition, sondern das Zusammenleben im Kiez.
Das Dichterviertel ist dabei mehr als nur Kulisse. Benannt nach dem Schriftsteller Novalis, mit Straßen wie Friedrich Schlegel oder Ludwig Tieck, spiegelt es die historische Verbindung von Kultur, Bildung und Nachbarschaft wider. Über Generationen hinweg hat dieses Viertel Identität gestiftet.


Es geht um eine grundsätzliche Frage
Am Rande der Versammlung brummte der Motor eines schwarzen Luxuswagens mit getönten Scheiben auf und setzte sich aus einer Parklücke in Bewegung – ein stilles Symbol für die Veränderungen im Viertel, in dem sich zunehmend nur noch diejenigen Wohnungen leisten können, die die steigenden Mieten zahlen. Für die Demonstrierenden steht fest: Es geht nicht nur um zwei Gewerbemietverträge, sondern um die grundsätzliche Frage, welche Stadt Berlin sein will – eine Stadt für Rendite oder eine Stadt für Nachbarschaft und soziale Infrastruktur.
Wie ein österreichischer Immobilieninvestor kürzlich erklärte, investiere er lieber in Deutschland: Nach rund zehn Jahren falle bei Verkäufen häufig keine Spekulationssteuer an, Modernisierungskosten könnten auf die Miete umgelegt werden, und die möblierte Vermietung gelte als besonders profitabel. Zudem ließen sich Verwertungsfristen verkürzen, etwa durch Eigenbedarfskündigungen – ein Vorgehen, das von Mietervereinen scharf kritisiert wird.
Die Politik ist gefragt. Es geht darum, rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Schutz von Nachbarschaften, sozialen Strukturen und lokalen Gewerben gewährleisten und die schleichende Verdrängung durch renditeorientierte Investoren eindämmen.


