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Auschwitz, ukrainische Nationalisten und ein aktuelles Angebot aus Kiew

Eine Gedenktafel gibt Anlass, sich noch einmal mit dem Wolhynien-Massaker und seinen bis in die Gegenwart reichenden Folgen auseinanderzusetzen.

Kämpfer der Ukrainischen Aufständischen Armee im Juli 1944
Kämpfer der Ukrainischen Aufständischen Armee im Juli 1944CC BY-SA 4.0

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Das Datum der Befreiung der polnischen Kleinstadt Oświęcim, die während ihrer deutschen Besetzung Auschwitz hieß, ist ein internationaler Gedenktag. In den dortigen drei Konzentrations- und Vernichtungslagern starben mindestens 1,1 Millionen Menschen. Mindestens. Sie endeten als Arbeitssklaven der deutschen Kriegswirtschaft oder, sofern sie für die Zwangsarbeit zu alt oder zu jung oder sonst wie ungeeignet schienen, in den Gaskammern.

Es gibt im Ort Gedenkstätten und Gedenksteine, die an diese deutsche Barbarei erinnern. Ich besuchte auch den Städtischen Friedhof Oświęcims in der Wiklinowa, auf dem die 231 Rotarmisten der 1. Ukrainischen Front bestattet wurden, die bei der Vertreibung der deutschen Nazis aus Auschwitz ihr Leben verloren hatten. Ein beachtlicher Stein nennt alle ihre Namen. Im weiten Rund finden sich auch Gräber von Toten aus anderen Kriegen, darunter imposante Grabmale für Opfer des preußisch-österreichischen Kriegs von 1866, einem jener drei blutigen Kriege, mit denen die deutsche Einheit 1871 geschmiedet worden war.

Friedhöfe – was für ein Euphemismus in diesem kriegerischen Kontext – sind wie Geschichtsbücher: Man liest die Vergangenheit.

Überlebende von Auschwitz verlassen das Lager.
Überlebende von Auschwitz verlassen das Lager.Reinhard Schultz/imago

Auf dem Weg zum Ausgang, zur Linken an einer Mauer, entdeckte ich eine schwarze Marmortafel. Dank Internet ließ sich die Inschrift übersetzen: „Zum Gedenken an die polnischen Einwohner der Ostgebiete der Zweiten Polnischen Republik, die Opfer des von ukrainischen Nationalisten während des Zweiten Weltkriegs verübten Völkermords wurden. Ehre und ewiger Ruhm der Gemeinschaft der Grenzlandbewohner von Oświęcim und Umgebung.“ Dazu das Datum: 7. Juli 2012.

Was war hier passiert?

Bandera wurde zu lebenslanger Haft begnadigt

Mein Unwissen teilte ich bis dato mit anderen, wie Nicolas Butylin in dieser Zeitung am 16. Januar offenbarte („Streit um Wolhynien-Massaker scheint beigelegt“). Es habe, schrieb er, unzählige Massaker gegeben, „Gräueltaten, die in Westeuropa bis heute kaum bekannt sind“. Wohl wahr. Unter den Leichenbergen, die unsere deutschen Vorfahren im Osten angehäuft hatten, waren die hier annoncierten Opfer ukrainischer Nationalisten und Faschisten begraben. Historiker sprechen von bis zu 300.000 Menschen, die den Vorstellungen von einer ethnisch gesäuberten Ukraine im Wege standen: Juden und Polen. Sie wurden erschossen, erschlagen, zerstückelt, verbrannt. Und bis zu einer halben Million wurden aus ihrer galizischen und wolhynischen Heimat vertrieben.

Eines der prominentesten und ersten Mordopfer war der polnische Innenminister Bronisław Pieracki. Er starb am 15. Juni 1934 in Warschau bei einem ukrainischen Anschlag. Den polnischen Sicherheitsorganen gelang es danach, fast die gesamte Führung der dafür verantwortlichen Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) festzunehmen – einschließlich ihres Häuptlings Stepan Bandera. Dieser wurde 1936 von einem polnischen Gericht zum Tode verurteilt, dann zu lebenslanger Haft begnadigt. Zu Kriegsbeginn 1939 kam Bandera jedoch frei und konnte weitere Mordtaten planen und ausführen.

Stepan Bandera, 1934
Stepan Bandera, 1934wsws.org via wikimedia commons

Historiker schließen nicht aus, dass sowjetische und polnische Sicherheitsorgane bei der Bekämpfung der OUN in den Dreißigerjahren kooperierten, weil sich der nationalistische Terror auch gegen Russen und deren Einrichtungen richtete. Die sowjetischen Abwehr- und Aufklärungsorgane hatten die OUN mit ukrainischen Kommunisten infiltriert, die die Nachrichten weitergaben. So konnte die polnische Polizei Anschläge auf sowjetische Vertretungen in Polen vereiteln und der polnische Geheimdienst mit Unterstützung der sowjetischen Aufklärung ukrainische Terroristen im Ausland aufspüren.

Beispielsweise Jewhen Konowalez, seit 1929 Kopf der OUN. Er wurde 1938 in Amsterdam von Pawel Sudoplatow getötet. Und nur nebenbei: Der sowjetische Geheimdienstoffizier plante später einen ähnlichen Anschlag auf Hitler, wurde dann aber von Stalin zurückgepfiffen – alles nachzulesen in Sudoplatows 1994 in Deutschland erschienenen höchst spannenden Erinnerungen: „Die Handlanger der Macht. Die Enthüllungen eines KGB-Generals“.

Eine völlig überzogene Maßnahme

Krakau, im Nordwesten Galiziens und ein halbes Hundert Kilometer östlich von Auschwitz gelegen, wurde am 6. Oktober 1939 Hauptstadt des von den deutschen Okkupanten ausgerufenen Generalgouvernements. Die alte Königsstadt wurde auch zum Zentrum der OUN. Dort sammelten sich die ukrainischen Nationalisten, dorthin strömten viele Exilukrainer aus Deutschland und Österreich. Etwa 30.000 Personen ukrainischer Herkunft sollen sich damals in Krakau aufgehalten haben.

Militärische OUN-Führungskader nahmen in der Folgezeit als „Beobachter“ an deutschen Exekutionen in Polen teil. Ob die OUN allerdings selbst an den Massenerschießungen in Ostpolen beteiligt war, ist nicht eindeutig geklärt worden. Wohl aber verübte die Organisation Terrorakte gegen russische Einrichtungen und Funktionäre.

Die sowjetische Seite reagierte mit der Deportation von rund 300.000 Westukrainern. Als potenzielle Verbündete der Nationalisten und Terroristen brachte man sie in andere Gebiete der Sowjetunion. Das war – nicht nur nach heutigen Maßstäben – eine völlig überzogene Maßnahme. Sie war Ausdruck von Hilflosigkeit und produzierte neue Gegner.

Wehrmachtsausstellung zerstörter Flugzeuge in Krakau, 1942. Hier war während des Zweiten Weltkrieges auch das Zentrum des OUN.
Wehrmachtsausstellung zerstörter Flugzeuge in Krakau, 1942. Hier war während des Zweiten Weltkrieges auch das Zentrum des OUN.Arkivi/imago

Keine Seite blieb frei von Schuld

Der militärische Arm der OUN – die „Ukrainische Aufständische Armee“ (UPA) – ging gezielt und systematisch gegen Polen und Juden vor. Diese überlebten die ethnischen Säuberungen in Wolhynien und Ostgalizien nur in größeren Städten. In kleineren Siedlungen waren sie den ukrainischen Nationalisten schutzlos ausgeliefert. Der Mordterror wurde, wen überrascht es, von der deutschen Besatzung geduldet. Es gibt entsetzliche Augenzeugenberichte vom „Wolhynischen Gemetzel“ (rzeź wołyńska) am 11. Juli 1943, einem Sonntag. Hundert Dörfer seien angegriffen, Menschen während der Heiligen Messe getötet, viele Priester mit Sensen zerstückelt worden.

Wahr ist, dass ukrainische Zivilisten dabei den Mördern beistanden. Aber wahr ist eben auch, dass den folgenden Racheaktionen polnischer Nationalisten friedfertige Ukrainer zum Opfer fielen. Es war wie immer: Am Ende blieb keine Seite frei von Schuld. Gleichwohl: Den Völkermord begingen die Ukrainer in ihrem Wahn, auf polnischem und sowjetischem Territorium, auf blutgetränkter Erde, mit Mord und Totschlag einen eigenen Staat gründen zu wollen.

Der Oberbefehlshaber der UPA hieß übrigens Roman Schuchewytsch. Er wurde in der heutigen Ukraine – wie Bandera und andere Terroristen – auf Münzen und Briefmarken, mit Standbildern und Ehrenbürgerschaften gewürdigt, was insbesondere im Osten der Ukraine seit jeher auf Widerstand stieß. Dort galt er nicht als Nationalheld, sondern als Nazi-Kollaborateur und Massenmörder. 1931 war Schuchewytsch an der Ermordung des polnischen Politikers Holowko und 1944 an der von Armeegeneral Watutin beteiligt gewesen.

Nebenbei: Die von Watutin befehligte 1. Ukrainische Front hatte zuvor Kiew befreit, weshalb die ukrainische Hauptstadt nach dem Krieg eine Magistrale nach ihm benannt hatte. 2017 jedoch beschloss der Kiewer Stadtrat, den Watutin-Prospekt nach Schuchewytsch zu benennen – im selben Monat Juni, als in Lwiw mit einem Schuchewytsch-Fest freudig an den Einmarsch der deutschen Truppen 1941 erinnert wurde, Brandbomben in die dortige Synagoge flogen und an einem Gebäude der jüdischen Gemeinde die Parole gesprüht worden war: „Nieder mit der jüdischen Macht.“

Roman Schuchewytsch im Jahr 1943
Roman Schuchewytsch im Jahr 1943cdvr.org.ua via wikimedia commons

Die Fakten sind verschwunden

Die deutsche Historikerin Franziska Bruder, die zum Thema Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus in Polen und der Ukraine geforscht und darüber promoviert hat, berichtet, dass „zur Abschreckung der (west-)ukrainischen Bevölkerung […] 1944 und Anfang 1945 gefangengenommene OUN-UPA-Angehörige öffentlich auf dem Marktplatz gehenkt“ worden seien. „In Schnellverfahren erhielt die Mehrzahl der Verurteilten Haftstrafen zwischen fünfzehn und zwanzig Jahren, die mit schwerer Zwangsarbeit verbunden waren.“

Nikita S. Chruschtschow, Erster Sekretär des ZK der KP der Ukraine, teilte in einem Brief an Stalin im Juni 1945 mit, dass über 90.000 „Banditen“ getötet und über 93.000 gefangen genommen worden seien. Es waren aber augenscheinlich noch genügend auf freiem Fuß, denn die Sicherheitsorgane in der Ukraine und in Polen bekämpften sie noch bis 1953. Das alles erklärt den tiefwurzelnden Hass auf allen Seiten, der bis in die Gegenwart reicht.

Nur zur Erinnerung: Während des Zweiten Weltkrieges kamen etwa 27 Millionen Sowjetbürger ums Leben, darunter an die sieben Millionen Ukrainer. Von den etwa 500.000 ostgalizischen Juden überlebten etwa 20.000, von den 200.000 Juden in Wolhynien etwa 3000.

Das droht in Vergessenheit zu geraten, die Fakten sind verschwunden, nicht aber die tiefsitzenden Emotionen, deren konkreter Ursprung kaum noch bekannt ist, schon gar nicht außerhalb dieser Regionen. Insofern ist es vielleicht hilfreich, wenn sich die Ukraine nun endlich dazu durchgerungen hat, der polnischen Seite freien Zugang zu den Gräbern ihrer ermordeten Landsleute zu gestatten, damit diese exhumiert und in polnischer Erde in Würde bestattet werden können.

Dass Kiew mit seiner Zustimmung gewiss auch andere Absichten verbindet, liegt auf der Hand. Aber wir in Westeuropa nehmen Kenntnis von einem Geschichtskapitel, das wir nie bewusst wahrgenommen hatten.

Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost.

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