Kommentar

34 Jahre nach dem Mauerfall: „Altes Spiel, neue Regeln!“

Der verbalen Aufrüstung der deutschen Gesellschaft müssen konstruktive Beiträge entgegengesetzt werden. Deshalb gibt es bei der Berliner Zeitung „Open Source“. Eine Einladung.

Sechs Bilder von Bürgerrechtlern und Friedensaktivisten, verfremdet durch KI. Die Personen von links oben nach rechts unten: Jitzchak Rabin, Bärbel Bohley, Martin Luther King, Václav Havel, Lech Wałęsa, Mahatma Gandhi.
Sechs Bilder von Bürgerrechtlern und Friedensaktivisten, verfremdet durch KI. Die Personen von links oben nach rechts unten: Jitzchak Rabin, Bärbel Bohley, Martin Luther King, Václav Havel, Lech Wałęsa, Mahatma Gandhi.Raban Ruddigkeit/generiert mithilfe von KI

„Kommunikation ist das Ende der Gewalt.“ Von Tomasz Kurianowicz, Chefredakteur der Berliner Zeitung

Aus Anlass des 34. Jahrestags des Mauerfalls startet die Berliner Zeitung eine Kampagne, mit der wir auf unsere Plattform Open Source aufmerksam machen wollen, über die jeder und jede Interessierte Texte einreichen kann. Man muss kein professioneller Autor sein, um mitzumachen. 

Wir haben uns gefragt: Was ist aus dem Geist der friedlichen Revolution geworden, der zum Mauerfall vom 9. November 1989 führte, der die Proteste und Veränderungen zuvor in Ost-Berlin, Prag, Warschau und anderswo trug? Wie würden Bürgerrechtler und Friedensaktivisten, die sich für Gewaltfreiheit, Debatte und Dialog einsetzten – wie die Bürgerrechtlerin und Gründerin des „Neuen Forum“, Bärbel Bohley – auf das Heute blicken, auf die aktuelle Weltlage? Auf Russlands Krieg in der Ukraine, auf die Gewalteskalation im Nahen Osten? 

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Der Ost-Berliner Gestalter Raban Ruddigkeit ist der kreative Kopf hinter den Bildmotiven unserer Kampagne. Er hat bei seiner Suche nach Antworten auf diese Fragen auf die Macht der Bilder vertraut und bei der Gestaltung Techniken der Künstlichen Intelligenz verwendet. Die Motive, die sechs Bürgerrechtler und Friedensaktivisten zeigen, kommentieren die Weltlage schmerzverzerrt. Wir sehen traurige Gesichter und resignierte Augen bei Mahatma Gandhi und Lech Wałęsa, Bärbel Bohley und Václav Havel, Martin Luther King und Jitzchak Rabin. Sie alle haben sich für gewaltfreie Veränderungen eingesetzt, für den Austausch widersprüchlicher Meinungen, für den Runden Tisch, die Macht des Kompromisses – ein Ansatz, der heute nahezu märchenhaft klingt. Wir sehen ihren Schmerz über die Gewalt in der Gegenwart. 

Gerade heute dürfen wir ihr Erbe nicht vergessen. Gerade heute gilt wieder: Gewalt ist das Ende der Kommunikation. 

Umgekehrt gilt: Kommunikation ist das Ende der Gewalt. Unter diesem Motto setzt sich die Berliner Zeitung für den Dialog ein. Dafür nutzen wir auch Open Source, unsere Plattform für Texte, die nicht in unserer Redaktion entstehen. Wir laden Leserinnen und Leser, Akteure und Aktivisten, Bürger und Konfliktparteien dazu ein, Texte einzureichen, Argumente auszutauschen, sich an den aktuellen Debatten zu beteiligen. Die Vielfalt der Stimmen und Meinungen ist uns wichtig – im Sinne eines friedlichen Dialogs.

Tomasz Kurianowicz ist Chefredakteur der Berliner Zeitung.

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Raban Ruddigkeit
Vielfalt ist uns wichtig: Reichen Sie Ihre Texte ein!
Open Source ist eine Plattform der Berliner Zeitung, die es externen Autoren und allen Interessierten ermöglicht, zur Meinungsvielfalt im Journalismus beizutragen - aufbauend auf dem Prinzip der Vielfalt, der Transparenz und des Dialogs.

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Altes Spiel, neue Regeln!“ Eine Einführung von Holger Friedrich, Verleger der Berliner Zeitung

Unsere Idee bei der Übernahme der Berliner Zeitung im Jahr 2019 war, der angestaubten Medienlandschaft der Bundesrepublik Deutschland eine unabhängige, dialogorientierte und konstruktive Stimme beizufügen, die von Berlin aus möglichst weit ihre Wirkung entfaltet.

Deutschland orientiert sich in seinen politischen, seinen medialen, auch in seinen wirtschaftlichen Mustern nach wie vor an einem Zustand, der bis in die Achtziger im Westen gut funktionierte. 1990, mit dem Beitritt der DDR, schien die Überlegenheit des demokratischen Systems ultimativ bestätigt und das Ende der Geschichte nah. Doch schaut man heute auf Berlin, auf Deutschland, die EU und auf globale Entwicklungen, ist nur mit Mühe zu ignorieren, wie lange wir schon an ineffizienten Mechanismen in der Politik, in den Medien und auch in der Wirtschaft festhalten.

Wir können dieser Entwicklung entweder polarisierend, Konflikte auf die Spitze treibend und letztlich mit militärischer Gewalt gegenübertreten. Oder wir können aus der Geschichte lernend versuchen, politische, mediale und wirtschaftliche Veränderungen im Ausverhandeln von gegensätzlichen Positionen zu gestalten.

Hierfür braucht es Transparenz, Dialog und Regeln, die für alle Beteiligten gelten. Und es bedarf der Vereinbarung, dass Gewalt – von welcher Seite auch immer – niemals Mittel der Auseinandersetzung sein darf. Zudem hilft mitunter ein Vermittler, ein Moderator, etwa mit Blick auf die Konflikte zwischen China und den USA und jene im Nahen Osten. Ein Moderator muss neutral agieren und vor allem die Gesprächsregeln durchsetzen.

Als historisch positives Beispiel kann das zivile Ausverhandeln höchst gegensätzlicher Positionen in der Wendezeit der DDR gelten. Auf der einen Seite die Vertreter des Gewaltmonopols mit der in der Verfassung festgeschriebenen führenden Rolle der Partei, auf der anderen Seite die Bürgerrechtsbewegung mit ihrem Bestreben, Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Prinzipien Geltung zu verschaffen. Auf der Veranstaltung auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 kamen alle Seiten zu Wort, neben Künstlern wie Jan Josef Liefers und Bürgerrechtlern wie Konrad Weiß eben auch mit Günter Schabowski oder Markus Wolf führende Vertreter der Partei und der Stasi. Eine Million Menschen gingen zu dieser von Berliner Theaterleuten auf legalem Weg gegen die Staatsgewalt durchgesetzten Demonstration, sie suchten Austausch und Orientierung. Fünf Tage später fiel die Mauer.

In den darauffolgenden Monaten wurde an den Runden Tischen des Landes aus einer Utopie Realität – eine in der Moderne einmalige friedliche Systemtransformation wurde unter Moderation der Kirchen bewältigt.

Bis heute ist das politische und mediale bundesdeutsche Establishment nicht in der Lage, diesen Prozess und die Leistung der Protagonisten anzuerkennen, sondern lässt sich von lauten Konvertiten die eigene, eingeschränkte Sicht bestätigen. Oder wie anders ist das Verhalten des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zu erklären, der ein Kondolenzschreiben an die Witwe des früheren DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow – der die erste freie Wahl in der DDR und die Übergabe der Staatsgewalt an die Regierung unter Lothar de Maizière 1990 sicherstellte – durch den Hintereingang, durch Boten und heimlich hinterlegen ließ? Die Berliner Zeitung berichtete.

Heute sind wir kaum und nur unter massivem Druck in der Lage, konstruktiv zu reflektieren, mit welcher Kompromissformel mehr Nutzen und weniger realisierte Risiken in den anstehenden Transformationsprozessen auf globaler Ebene erreicht werden. Unser Unvermögen, Ursachen und Folgen zu differenzieren, geht auf unsere abnehmende Bereitschaft zum Dialog und unser Beharren auf einseitig bevorteilende Regeln zurück. Das wird im politischen und medialen Establishment gern verdrängt.

Dass das Betriebssystem Deutschlands eines Updates bedarf, sollte niemanden mehr überraschen. Um diesen Prozess zu unterstützen, hat die Berliner Zeitung vor drei Jahren Open Source initiiert. Eine Publikationsplattform, mit der das übliche Einmauern in Meinung und Haltung in einem Großteil der etablierten Medien unterlaufen werden kann und soll. Im Dreiklang aus Transparenz, Dialog und verbaler Gewaltfreiheit hat sich diese Plattform inzwischen so erfolgreich entwickelt, dass wir sie nun weiter ausbauen und internationalisieren wollen.

Sie alle sind herzlich eingeladen, der fortschreitenden Konfrontation, der verbalen Aufrüstung in der Gesellschaft einen konstruktiven Beitrag entgegenzusetzen. Jede Stimme ist willkommen, solange sie keine extremen oder Gewalt begründenden Positionen transportiert. Wir freuen uns auf Ihre Texte!

Holger Friedrich ist Verleger der Berliner Zeitung.

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