Nahost

Trumps Waffenstillstand mit Iran: Wer sitzt wirklich am längeren Hebel?

Trump verlängert Iran-Waffenstillstand unbefristet. Doch die Seeblockade bleibt bestehen. Die Frage nach Dominanz und Sieg bleibt offen. Eine Analyse.

Donald Trump  im Oval Office des Weißen Hauses
Donald Trump im Oval Office des Weißen HausesJulia Demaree Nikhinson

Wenige Stunden vor Ablauf der Feuerpause hat Donald Trump in der Nacht die Notbremse gezogen. Auf Truth Social verkündete der US-Präsident, den am 7. April vereinbarten Waffenstillstand mit Iran „auf unbestimmte Zeit“ zu verlängern – auf Bitten Pakistans, das zwischen Washington und Teheran vermittelt. Doch der Schein trügt: Die militärische Übermacht der USA hat den Krieg nicht beendet. Sie hat ihn in eine Sackgasse manövriert, aus der Trump selbst nicht mehr herausfindet.

Vom „I expect to be bombing“ zum Rückzieher

Noch am Dienstagmorgen hatte Trump im Sender CNBC martialisch getönt: „Ich erwarte, dass wir bombardieren. Das Militär ist startklar.“ Vor zwei Wochen drohte er sogar, „eine ganze Zivilisation“ werde „heute Nacht sterben“. Am Abend dann der Schwenk: Keine neuen Angriffe, aber die Seeblockade vor den iranischen Häfen bleibt bestehen – ein Zustand, den Teheran selbst als „Akt des Krieges“ bezeichnet.

Die Kehrtwende verrät mehr über die amerikanische Strategie, als dem Weißen Haus lieb sein dürfte. Denn der Grund für die Verlängerung war nicht Stärke, sondern Stillstand: Vizepräsident JD Vance hatte seinen Flug nach Islamabad zur zweiten Verhandlungsrunde abgesagt. Iran hatte schlicht nicht geantwortet.

Ein Krieg, den das Völkerrecht nicht kennt

Begonnen hat dieser Krieg am 28. Februar 2026 – ohne UN-Mandat, ohne Selbstverteidigungsfall, ohne Kriegserklärung des US-Kongresses. Die USA und Israel griffen Iran aus der Luft an, töteten innerhalb weniger Tage den damaligen Obersten Führer Ali Khamenei und Teile der iranischen Militärführung. UN-Generalsekretär António Guterres hat Trumps Drohungen, iranische Kraftwerke und Brücken zu zerstören, mittlerweile öffentlich verurteilt: Das humanitäre Völkerrecht verbietet Angriffe auf zivile Infrastruktur.

Was nach Lehrbuch ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg ist, verkauft Washington als „Operation Epic Fury“. Und die Bilanz der „präzisen“ Schläge ist verheerend.

7645 zerstörte Gebäude – und ein Drittel war zivil

Eine am Dienstag veröffentlichte Bloomberg-Analyse auf Basis von Satellitenradardaten der Oregon State University zeichnet das bislang genaueste Bild der Zerstörung: Mindestens 7645 Gebäude wurden zwischen dem 28. Februar und dem 8. April beschädigt oder zerstört, darunter 60 Bildungseinrichtungen und zwölf Krankenhäuser.

Allein in Teheran traf es 2816 Gebäude. Die Aufschlüsselung nach Nutzung ist entlarvend:

32 Prozent militärisch

25 Prozent industriell

21 Prozent zivil

19 Prozent kommerziell

zwei Prozent staatlich

Mehr als 3300 Iraner wurden getötet, darunter Zivilisten. Der schwerste Einzelfall: das Bombardement einer Schule im südiranischen Minab am ersten Kriegstag – mindestens 150 tote Kinder. Die iranische Regierung beziffert den Schaden auf 270 Milliarden US-Dollar – fast das gesamte iranische BIP von 2026. Der IWF erwartet eine Inflation von über 70 Prozent.

Trumps Sprecherin Anna Kelly weist die Bloomberg-Analyse zurück: „Die Vereinigten Staaten zielen nicht auf Zivilisten.“ Die Satellitenbilder erzählen eine andere Geschichte.

Die strategische Falle in der Straße von Hormus

Doch während die USA militärisch hämmern, hat Iran einen Hebel gefunden, gegen den auch Tarnkappenbomber nichts ausrichten: die Straße von Hormus. Durch die nur 33 Kilometer breite Meerenge fließt rund ein Fünftel des weltweiten Öls. Iran hat sie de facto geschlossen. 1600 Schiffe stecken in der Region fest.

Die Folgen sind global:

Brent-Öl stieg am Dienstag auf knapp 100 US-Dollar pro Barrel.

US-Benzinpreise liegen 35 Prozent über Vorkriegsniveau.

Diesel ist um 47 Prozent teurer.

Selbst die ölreichen Vereinigten Arabischen Emirate haben in Washington um Finanzhilfe gebeten – Trump zeigte sich „überrascht, sie sind doch wirklich reich“.

Ein iranischer Sicherheitsbeamter nennt die Straße ein „goldenes, unschätzbares Gut, das in Irans Geografie verankert ist – eines, das die Welt uns nicht nehmen kann“. Der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew formulierte es noch zugespitzter: „Iran hat seine Atomwaffe getestet. Sie heißt Straße von Hormus.“

Wenn die Supermacht Schiffe entert, aber Märkte verliert

Die US-Marine hat seit Beginn der Blockade 27 Schiffe abgewiesen, am Sonntag den iranischen Frachter „Touska“ geentert, am Dienstag einen weiteren Tanker im Indischen Ozean. Militärisch beeindruckend – wirtschaftlich kontraproduktiv. Denn jede Eskalation treibt den Ölpreis weiter, jede Verzögerung erhöht den globalen Druck auf Trump, nicht umgekehrt auf Iran.

Hier liegt die eigentliche Sackgasse: Die USA können bombardieren, aber nicht rasch siegen. Sie können Tanker entern, aber keine Schiffsversicherer beruhigen. Sie können Khameneis Sohn Mojtaba im Visier haben – aber sie können nicht verhindern, dass China, Hauptabnehmer iranischen Öls, zum ersten Mal überhaupt öffentlich die Wiederöffnung von Hormus fordert. Xi Jinping bereitet damit einen Gipfel mit Trump im Mai vor – und stellt sich diplomatisch zwischen die Fronten.

Warum Teheran Trump nicht traut – und warum das rational ist

Die zweite Verhandlungsrunde ist nicht zufällig geplatzt. Iran erinnert sich präzise: 2018 zerriss Trump das mühsam ausgehandelte Atomabkommen JCPOA – ohne dass Iran es verletzt hätte. Im Februar 2026 schickte er Gesandte nach Genf zu Gesprächen, einen Tag bevor die US-Bomben fielen und Khamenei töteten. Zweimal hat Trump während laufender Verhandlungen Krieg geführt.

Karim Sadjadpour von der Carnegie Endowment bringt es auf den Punkt: „Das Vertrauen zwischen den USA und Iran war immer niedrig, jetzt ist es nicht existent.“

Dazu kommt das Asymmetrie-Problem der Verhandlungen, das der frühere Obama-Unterhändler Robert Malley benennt: Irans Zugeständnisse – die Aufgabe von angereichertem Uran – sind konkret und unumkehrbar. Amerikas Zugeständnisse – Sanktionserleichterungen, Freigabe eingefrorener Vermögen – sind theoretisch und jederzeit zurücknehmbar. Wer einmal verbrannt wurde, springt nicht wieder ins Feuer.

Die zweite Front: Iraks Bruchlinie und Libanons brüchige Ruhe

Während Washington in Pakistan verhandelt, eskaliert es im Irak. Die USA haben die militärische Kooperation mit Bagdad ausgesetzt, weil iranisch unterstützte Milizen die US-Botschaft und einen US-Stützpunkt angegriffen haben. Im Libanon hält ein zehntägiger Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah – mehr schlecht als recht. Am Dienstag feuerte die Hisbollah Raketen, Israel bombardierte zurück. Die Region ist ein einziges Pulverfass mit angezündeten Lunten.

Wer sitzt am längeren Hebel?

Die nüchterne Antwort am Morgen des 22. April lautet: weder Trump noch Khamenei junior – sondern die physische Geografie und die globalen Energiemärkte.

Trumps militärische Übermacht hat Iran ruiniert, aber nicht unterworfen. Sie hat Khamenei senior getötet, aber das Regime nicht gestürzt. Sie hat 13.000 Ziele getroffen, aber den Ölpreis nicht gedeckelt. Und sie hat eine Verhandlungsposition geschaffen, in der Teheran weiß: Jeder Tag Blockade kostet die Weltwirtschaft mehr als Iran. Jede neue Drohung Trumps treibt China, die Golfstaaten und Europa weiter weg.

Die unbefristete Verlängerung des Waffenstillstands ist deshalb kein Friedensschluss, sondern ein Eingeständnis: Washington hat die Eskalationsdominanz verloren, weil sie keine Lösung mehr produziert. Iran-Experte Alex Vatanka vom Middle East Institute formuliert es trocken: „Trump hat sich selbst in die Ecke manövriert. Er glaubte, lauter zu schreien zahle sich aus. Mit diesem Regime funktioniert das nicht.“

Was diese Woche entscheidet

Drei Fragen werden die kommenden Tage prägen: Lässt Netanjahu Trump weiter verhandeln, oder drängt er erneut auf den militärischen Schlag? Akzeptiert Iran überhaupt eine zweite Gesprächsrunde in Islamabad? Und wie lange hält der Ölmarkt die Schwebe aus, bevor die 100-Dollar-Marke dauerhaft fällt – mit der Rezessionsgefahr im Schlepptau?

Eines steht fest: Wer geglaubt hat, mit B-2-Bombern und Trägerverbänden lasse sich in zwei Monaten ein Atomprogramm beenden und ein Regime brechen, lernt in diesen Stunden eine alte Lektion neu. Macht ist nicht dasselbe wie Wirkung. Und ein Krieg, den man begonnen hat, ohne ihn beenden zu können, ist verloren – egal, wie viele Schiffe man entert.