Kriminelle Schleusernetzwerke nutzen zunehmend die belgische Küste, um Migranten über den Ärmelkanal nach Großbritannien zu bringen. Auslöser ist die deutlich verschärfte Überwachung an Frankreichs Nordküste, wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf belgische und europäische Behörden berichtet.
Laut der belgischen Polizeisprecherin An Berger gab es im Jahr 2026 bereits 17 Abfahrten von belgischen Stränden – in den Jahren seit 2021 waren es nie mehr als zwei pro Jahr, so Reuters. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex bestätigte den Trend. Sprecher Chris Borowski erklärte gegenüber Reuters, die Verlagerung auf belgische Strände werde vor allem durch die intensivierten französischen Küstenpatrouillen angetrieben.
Die Schleuser setzen dabei auf sogenannte „Taxi-Boote“: Ein Schlauchboot startet an einem ruhigen belgischen Strand mit einer kleinen Gruppe, fährt dann die Küste entlang zu weiteren Sammelpunkten und setzt schließlich zur Überfahrt nach Großbritannien an. Migranten zahlen laut Behördenangaben rund 2000 Euro – ohne Garantie, tatsächlich an Bord zu kommen. Berger berichtete Reuters von einem Vorfall im März, bei dem Freiwillige in der Küstengemeinde De Haan 19 Menschen aus einem sinkenden Schlauchboot retteten. Nur eine Person habe eine Schwimmweste getragen.
Großbritannien finanziert Gegenmaßnahmen in Belgien
Die Verlagerung der Schleuserrouten ist kein plötzliches Phänomen. Schon Anfang März berichtete die Brussels Times über erste Anzeichen: Die Polizei der Westkust-Zone in Flandern hatte gegenüber der BBC von mindestens fünf Überfahrten seit Jahresbeginn gesprochen – im Vorjahr habe es in diesem Gebiet keine einzige gegeben. In der Nähe von Nieuwpoort wurden damals laut Brussels Times 15 Migranten mit einem aufblasbaren Schlauchboot, einem Außenbordmotor und Benzinkanistern aufgegriffen. Nur vier von ihnen trugen Schwimmwesten. Seither hat sich die Lage offenbar weiter zugespitzt – von fünf auf mittlerweile 17 registrierte Abfahrten.
Die britische Regierung stellte den belgischen Behörden 1,3 Millionen Pfund zur Verfügung, um Schmuggelversuche einzudämmen, wie die Brussels Times berichtete. Die belgische Bundespolizei kündigte verstärkte Patrouillen zu Land, zu Wasser und aus der Luft an, unterstützt durch Frontex-Flugzeuge.
Hintergrund der Verlagerung ist ein britisch-französisches Abkommen: Für jeden Migranten, den Großbritannien nach Frankreich zurückschickt, darf ein Asylbewerber mit guten Erfolgsaussichten legal einreisen. Frankreich hat zudem seine Interventionen an der Küste massiv ausgeweitet.
Zahlen im Vergleich immer noch gering
Die belgische Migrationsministerin Anneleen Van Bossuyt erklärte gegenüber Reuters: „Jedes Boot, das ablegt, ist eines zu viel.“ Der pensionierte Küstenwächter Andy Roberts warnte laut BBC vor den Gesundheitsrisiken der längeren Route von Belgien aus. Die meisten Migranten wateten bis zur Brust ins Wasser, bevor sie überhaupt in die überfüllten Boote steigen könnten – und überquerten dann die meistbefahrene Schifffahrtsstraße der Welt.
Die Zahlen aus Belgien bleiben dennoch gering im Vergleich zur Hauptroute: Im Jahr 2025 wurden laut Reuters rund 41.500 Menschen registriert, die in kleinen Booten von Frankreich nach Großbritannien den Ärmelkanal überquert hatten. In den ersten beiden Monaten 2026 waren es laut dem Migration Observatory der Universität Oxford etwa 2200 Personen im Vergleich zu den 17 registrierten Überfahrten aus Belgien im gesamten Jahr 2026. Doch der Trend zeigt, dass verstärkte Kontrollen an einem Ort die Schleuseraktivität nicht vollends beseitigen, sondern auch verlagern können.


