Tierwelt

Weltrekord-Wanderung in Gefahr: Amazonas-Staaten wollen Riesenwels retten

Der Dorado-Wels legt die längste Süßwasserwanderung der Erde zurück. Doch Staudämme und Umweltzerstörung bedrohen seine Route.

Flussarme im Amazonas: Wanderfische wie der Dorado-Wels sind auf durchgängige Flüsse angewiesen.
Flussarme im Amazonas: Wanderfische wie der Dorado-Wels sind auf durchgängige Flüsse angewiesen.Vitor Marigo/imago

Der Dorado-Wels legt laut Wisschenschaftlern mit rund 11.000 Kilometern die längste bekannte Süßwasserwanderung der Welt zurück. Doch Staudämme und Umweltverschmutzung bedrohen seine Route. Nun wollen sechs Amazonas-Staaten gegensteuern. Sie haben im Rahmen der UN-Konvention zum Schutz wandernder Tierarten (CMS) einen gemeinsamen Aktionsplan beschlossen, wie die Organisation mitteilte. Dieser soll die Flüsse durchgängig halten und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit stärken.

Der Dorado, auch Goldwels genannt und Teil der „Goliath“-Welsfamilie, durchquert auf seiner Reise fast den gesamten Kontinent. Er laicht in den Quellgebieten des Amazonas in den Anden. Die Larven treiben anschließend Tausende Kilometer flussabwärts bis zur Mündung in den Atlantik. Dort wachsen die Jungfische im nährstoffreichen Brackwasser heran, bevor sie sich auf den Rückweg machen – eine ein- bis zweijährige Reise zurück in die Anden.

Diese Route existiert seit Jahrtausenden. Heute wird sie zunehmend unterbrochen. Wasserkraftwerke und andere Eingriffe fragmentieren die Flüsse und versperren den Fischen den Weg zu ihren Laichgebieten. Die Folgen sind bereits sichtbar: In Bolivien brach die Dorado-Population laut Studien innerhalb von 15 Jahren um 80 Prozent ein, nachdem flussabwärts in Brasilien zwei Staudämme errichtet worden waren, heißt es in dem CNN-Bericht.

Schlüsselart für Mensch und Ökosystem

Für Wissenschaftler ist der Dorado mehr als nur ein Wanderfisch. „Er ist ungemein wichtig für die Menschen entlang des gesamten Amazonas“, sagte der Biologe Zeb Hogan von der University of Nevada gegenüber CNN. Als Spitzenräuber stabilisiert der Wels das ökologische Gleichgewicht, indem er kleinere Fischarten reguliert.

Auch wirtschaftlich ist er von Bedeutung. Nach Angaben der UN-Konvention hängen rund 47 Millionen Menschen im Amazonasgebiet von der Fischerei ab. Wanderfische machen etwa 93 Prozent der Fänge aus und sichern Einkommen in Höhe von umgerechnet mehreren hundert Millionen US-Dollar pro Jahr.

Neben Staudämmen setzen auch Überfischung und Umweltbelastungen den Beständen zu. Besonders problematisch ist Quecksilber, das beim Goldabbau in die Flüsse gelangt.

Fischer fordern schnelles Handeln

Fischer aus dem Madeira-Becken, einem stark verbauten Abschnitt des Amazonas, forderten Berichten zufolge in einem offenen Brief „koordiniertes und dringendes Handeln“. Internationale Initiativen könnten nur erfolgreich sein, wenn sie gemeinsam mit lokalen Gemeinschaften umgesetzt würden. Der Aktionsplan soll genau da ansetzen. Neben politischen Absprachen sollen wissenschaftliche Daten besser zusammengeführt und lokale sowie indigene Kenntnisse stärker einbezogen werden. Experten sprechen laut CNN von einem „Meilenstein“ für den Schutz wandernder Süßwasserfische.

Als mögliche Maßnahmen gelten strengere Prüfungen für neue Wasserkraftprojekte sowie technische Lösungen für bestehende Anlagen. Dazu gehören sogenannte Fischleitern, die es den Tieren ermöglichen, Staudämme zu umgehen. Auch der Rückbau alter Anlagen wird diskutiert. „Wissenschaftler waren überrascht, wie schnell sich diese Fische erholen können, wenn ihre Wanderwege wieder frei sind“, sagte Hogan.

Der Dorado-Fall: Teil einer globalen Krise

Der Fall des Dorado steht exemplarisch für ein weltweites Problem. Laut einem aktuellen Bericht der UN-Konvention sind weltweit 325 wandernde Süßwasserfischarten bedroht. Seit 1970 sind ihre Bestände um mehr als 80 Prozent zurückgegangen. Besonders betroffen ist Asien, etwa im Mekong, wo ebenfalls große Wanderfische leben. Anders als im Amazonas fehlt dort jedoch häufig eine internationale Zusammenarbeit.

Experten sehen im neuen Abkommen daher ein mögliches Modell für andere Regionen. „Flüsse kennen keine Grenzen – und die Fische auch nicht“, erklärte die Naturschützerin Michele Thieme vom WWF. Schutz könne nur funktionieren, wenn Staaten gemeinsam handeln. Im Amazonas, dem artenreichsten Süßwassergebiet der Welt mit mehr als 2700 Fischarten, könnte der Plan nun entscheiden, ob eine der spektakulärsten Wanderungen der Natur erhalten bleibt – oder verschwindet.