Die Europäische Union zieht in Erwägung, ihre Mitgliedstaaten zur Bevorratung von Kerosin zu verpflichten und den Treibstoff im Krisenfall zwischen den Ländern umzuverteilen. Das sagte EU-Energiekommissar Dan Jorgensen am Mittwoch im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters in Brüssel. Hintergrund sind wachsende Sorgen vor Versorgungsengpässen infolge des Krieges der USA und Israels gegen den Iran.
Eine Verpflichtung zur Anlage von Kerosinreserven sei „sicherlich etwas, das wir in Betracht ziehen würden“, so Jorgensen. Ob ein Verteilungssystem nötig werde, sei aber noch offen. Die EU schreibt ihren Mitgliedstaaten bereits vor, Reserven für 90 Tage Öl- und Ölprodukteverbrauch zu halten. Kerosin kann darin enthalten sein, ist aber nicht verpflichtend, wie Reuters berichtet.
Die EU-Kommission stellte am Mittwoch Maßnahmen gegen die energiepolitischen Folgen des Krieges vor, darunter ein EU-weites Monitoring der Raffineriekapazitäten. Aktuell bestünden keine Engpässe, hieß es. Die Internationale Energieagentur warnt allerdings vor möglichen Versorgungslücken ab Juni, falls Europa nur die Hälfte seiner üblichen Lieferungen aus dem Nahen Osten ersetzen kann. Eine längere Blockade der Straße von Hormus könnte die Lage zusätzlich verschärfen.
„Was heute freiwillig ist, könnte verpflichtend werden“
EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas äußerte sich am Dienstag nach einer Videokonferenz mit den Verkehrsministern ähnlich. Notreserven würden „nur bei Bedarf“ freigegeben, jede nationale Freigabe müsse transparent erfolgen, um Marktverzerrungen zu vermeiden. Auf die Frage, ob die Mitgliedstaaten zur Koordination verpflichtet werden sollten, sagte er: „Was heute freiwillig ist, könnte verpflichtend werden.“ Zur Versorgungslage gebe es jedoch „keinen Grund zur Panik“.
Der Plan AccelerateEU sieht laut Tzitzikostas eine neue Treibstoff-Beobachtungsstelle vor, die zunächst auf Kerosin fokussiert. Geprüft werde auch der Import von in den USA produziertem Kerosin des Typs A. Dieses entspricht jedoch nicht dem internationalen Standard Jet A1, was laut George Shaw, Öl-Analyst bei Kpler, infrastrukturelle Anpassungen zur getrennten Lagerung erfordern würde, wie Politico berichtet.
Die Kerosinpreise in Europa haben sich seit Beginn des Nahost-Krieges mehr als verdoppelt. Fluggesellschaften wie TUI und easyJet haben Gewinnwarnungen ausgegeben, einige Airlines streichen unrentable Verbindungen und mustern ältere Maschinen aus. Deutschland will laut Tzitzikostas in den kommenden Tagen seinen Nationalen Sicherheitsrat zur Lage einberufen.


