Ein tödlicher Raketenangriff auf eine Grundschule im Iran ist nach vorläufigen Erkenntnissen einer internen Untersuchung des US-Militärs offenbar von den Vereinigten Staaten selbst verursacht worden. Das berichtet die New York Times unter Berufung auf US-Beamte und weitere mit den Ermittlungen vertraute Personen.
Demnach wurde das Schulgebäude am 28. Februar während eines US-Angriffs auf eine benachbarte Marinebasis der iranischen Revolutionsgarden in der Stadt Minab getroffen. Die Untersuchung gehe davon aus, dass eine Tomahawk-Marschflugkörper-Rakete aufgrund fehlerhafter Zielkoordinaten auf das Gebäude gelenkt wurde.
Die Koordinaten seien von Offizieren des US-Zentralkommandos erstellt worden, die sich auf veraltete Daten der militärischen Geheimdienstbehörde Defense Intelligence Agency (DIA) gestützt hätten, berichtete die Zeitung unter Berufung auf Personen, die über die Untersuchung informiert wurden.
Veraltete Daten offenbar entscheidend
Nach den vorläufigen Ergebnissen galt das Gebäude in den Zielsystemen weiterhin als Teil einer Militäranlage. Tatsächlich war es jedoch bereits seit Jahren eine Grundschule. Wann genau das Gebäude zu einer Schule umgewidmet wurde, ist laut den Ermittlern noch unklar.
Eine Analyse von Satellitenbildern durch die New York Times zeigt jedoch, dass das Gebäude zwischen 2013 und 2016 von der angrenzenden Militärbasis abgetrennt wurde. Wachtürme in der Umgebung wurden demnach entfernt, mehrere öffentliche Eingänge geschaffen und auf dem Gelände Spielflächen angelegt. Trotz dieser Veränderungen sei das Gebäude in der militärischen Ziel-Datenbank weiterhin als militärisches Objekt geführt worden.

Iran meldet knapp 200 Tote in Minab
Nach iranischen Angaben wurden in der Stadt Minab rund 170 Schülerinnen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren getötet. Zudem seien 26 Lehrerinnen sowie vier Eltern ums Leben gekommen. Sollte sich der Fehler bestätigen, würde der Angriff zu den schwerwiegendsten militärischen Fehlentscheidungen der vergangenen Jahrzehnte zählen.
US-Beamte betonen jedoch, dass die Untersuchung noch nicht abgeschlossen sei. Noch sei unklar, warum die veralteten Daten nicht überprüft worden seien und welche Stellen dafür verantwortlich waren.
An der Zielauswahl sind mehrere Behörden beteiligt, darunter neben der DIA auch die National Geospatial-Intelligence Agency (NGA), die Satellitenbilder auswertet und potenzielle Ziele überprüft. Ermittler untersuchen derzeit, ob Fehler bei der Datenprüfung oder der Weitergabe von Informationen zu der falschen Zielerfassung geführt haben.
Trump machte zunächst den Iran verantwortlich
Der Vorfall hat auch politische Spannungen ausgelöst. US-Präsident Donald Trump hatte zunächst erklärt, der Angriff könne vom Iran selbst verursacht worden sein. „Meiner Meinung nach war das der Iran“, sagte Trump am Wochenende vor Journalisten an Bord der Air Force One. Die iranischen Streitkräfte seien „sehr ungenau“ bei ihren Waffen. Später räumte der Präsident ein, dass er nicht genügend Informationen habe und das Ergebnis der laufenden Untersuchung akzeptieren werde. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, erklärte am Dienstag, die Ermittlungen seien weiterhin im Gange.
Parallelen zu früherem schweren Fehler des US-Militärs
Militärexperten sehen Parallelen zu einem bekannten Fehlangriff aus dem Jahr 1999. Damals bombardierten Nato-Flugzeuge während des Kosovo-Krieges versehentlich die chinesische Botschaft in Belgrad, nachdem veraltete Karten zu falschen Zielkoordinaten geführt hatten. Drei Menschen wurden damals getötet.
Auch im aktuellen Fall prüfen Ermittler, warum die Datenbankeinträge zu dem Gebäude nicht aktualisiert wurden. US-Beamte gehen derzeit davon aus, dass kein technischer Fehler, sondern menschliches Versagen im komplexen System der militärischen Zielauswahl die Ursache gewesen sein könnte.



