Nahost

US‑Militär überrascht: Wie Iran im Krieg gegen USA und Israel seine Taktik verändert

Die USA bombardieren seit elf Tagen. Und Teheran sollte nach Chamenei-Tod gelähmt sein. Jetzt wird klar: Der Feind stellt sich rasch auf die neue Lage ein.

Tehran: Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde kommen zu einer Zeremonie.
Tehran: Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde kommen zu einer Zeremonie.Vahid Salemi/dpa

Elf Tage Krieg, und das Bild, das Washington zeichnen will, bekommt Risse. Seit dem 28. Februar bombardieren die Vereinigten Staaten und Israel gemeinsam iranische Ziele – Nuklearanlagen, Militärinfrastruktur, Kommandozentralen. Die Tötung des Obersten Führers Ali Chamenei gleich zu Beginn der Operation sollte das Signal sein: ein enthaupteter Staat, ein gelähmter Gegner. Doch Iran reagiert nicht wie ein gelähmter Gegner.

Was wir wissen

Die Grundzüge des Konflikts sind unstrittig. Am 28. Februar starteten die USA und Israel eine koordinierte Großoffensive gegen den Iran. Teheran antwortete mit der „Operation True Promise 4“ – einer Serie von Raketen- und Drohnenangriffen auf israelische Ziele und amerikanische Militärstützpunkte in der gesamten Region. Mehrere internationale Nachrichtenagenturen, darunter AP und Le Monde, bestätigen die Angriffe. Die Bezeichnung „True Promise 4“, die Existenz dutzender Angriffswellen, die Ziele in Israel, im Irak, in Bahrain, Kuwait und Katar – all das ist durch verschiedene Quellen belegt.

Sieben US-Soldaten sind seit Kriegsbeginn gefallen, 140 wurden verwundet, räumt das Pentagon selbst ein. Die US- und israelischen Angriffe haben laut iranischen Angaben rund 1300 Menschen getötet, darunter – und das ist eine der verstörendsten Meldungen dieses Krieges – möglicherweise auch Kinder einer Grundschule, die wohl von einer amerikanischen Rakete getroffen wurde. Ein von der halbstaatlichen iranischen Nachrichtenagentur Mehr veröffentlichtes Video, das die New York Times verifiziert hat, stützt diese Darstellung und widerspricht der Behauptung Präsident Trumps, Iran selbst trage die Verantwortung.

Was Iran behauptet – und was davon zu halten ist

Auf der anderen Seite der Propagandafront steht die iranische Darstellung, und hier ist Vorsicht geboten. Das Korps der Iranischen Revolutionsgarden (IRGC) verkündete in der Nacht zum Mittwoch die 37. Angriffswelle von „True Promise 4“ – die „härteste und gewalttätigste“ seit Kriegsbeginn. Eingesetzt worden seien Raketen vom Typ „Chorramschahr“, „Chaibar“ und „Qader“, letztere mit Gefechtsköpfen von einer Tonne. Der Kommandeur der Luft- und Raumfahrtstreitkräfte der Revolutionsgarden, Brigadegeneral Majid Mousavi, erklärte, von nun an werde kein Geschoss mit einem Gefechtskopf unter einer Tonne mehr abgefeuert.

Irans Außenminister Abbas Araghchi schrieb auf X, Netanjahu wolle verbergen, „wie die mächtigen Streitkräfte des Iran Israel für seine Aggression bestrafen“. Diese Darstellung verbreitet unter anderem der lateinamerikanische Sender Telesur, der die iranische Regierungsposition weitgehend unkritisch übernimmt. Telesur ist ein von Venezuela mitfinanziertes Mediennetzwerk mit klar anti-amerikanischer Ausrichtung – als Quelle für die iranische Perspektive brauchbar, als neutrale Nachrichtenquelle nicht.

Vieles an den iranischen Erfolgsmeldungen lässt sich nicht unabhängig verifizieren: die genauen Trefferzahlen, das Ausmaß der Schäden auf israelischer Seite, die behaupteten 150 verwundeten US-Soldaten durch eine einzelne Gegenoffensive. Beide Kriegsparteien betreiben massive Informationskriegsführung. Israel behauptet, 80 Prozent der iranischen Luftabwehr und 60 Prozent der Raketenwerfer zerstört zu haben. Iran behauptet, Amerika und Israel „entschlossen und energisch“ zu bestrafen. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen – und ist im Nebel dieses Krieges vorerst nicht zu greifen.

Die unbequeme Analyse der New York Times

Umso bemerkenswerter ist, was aus Washington selbst zu hören ist. In einer ausführlichen Analyse der New York Times vom 10. März zeichnen die Pentagon-Korrespondenten Helene Cooper und Eric Schmitt ein Bild, das so gar nicht zur Siegesrhetorik der Trump-Administration passen will.

Hochrangige US-Verteidigungsbeamte räumen demnach ein: Der Iran lernt. Und der Iran lernt schnell.

Die iranischen Streitkräfte haben ihre Taktik seit Kriegsbeginn angepasst. Statt – wie in früheren Konfrontationen – vorab zu warnen und symbolische Vergeltungsschläge zu führen, greifen sie nun gezielt amerikanische Verwundbarkeiten an. Im Fokus stehen Luftabwehrsysteme, Radarsysteme und Kommunikationsinfrastruktur – also genau jene Fähigkeiten, die das US-Militär braucht, um sich und seine Verbündeten in der Region zu schützen.

Am Luftwaffenstützpunkt Al Udeid in Katar wurde ein hochentwickeltes Frühwarnradar beschädigt. Im Camp Arifjan in Kuwait trafen iranische Geschosse drei Radarkuppeln. Bei der Ali-Al-Salem-Airbase, ebenfalls in Kuwait, wurden mindestens sechs Gebäude in unmittelbarer Nähe von Satellitenkommunikationsanlagen zerstört oder beschädigt. Die Schäden am Hauptquartier der Fünften Flotte in Bahrain beziffert eine Pentagon-Einschätzung für den Kongress auf rund 200 Millionen Dollar.

Iranische Milizen im Irak starteten einen Drohnenschwarm-Angriff auf ein gehobenes Hotel in Erbil – in dem, wie Teheran offenbar wusste, amerikanische Soldaten untergebracht waren.

Die Interceptor-Frage

Besonders alarmierend ist ein strategisches Problem, das sich schon im zwölftägigen Krieg des Vorjahres abzeichnete und nun mit voller Wucht zurückkehrt: die Erschöpfung der amerikanischen Abfangraketen-Bestände.

Laut einem Bericht des Center for Strategic and International Studies (CSIS) vom Dezember verschoss das US-Militär im kurzen Krieg 2025 bereits 100 bis 250 THAAD-Abfangraketen – zwischen 20 und 50 Prozent des gesamten Bestands. Dazu kamen 80 SM-3-Raketen, fast ein Fünftel des Vorrats. Der Iran scheint genau diese Schwachstelle erkannt zu haben.

„Es ist überraschend, wie schnell sie die Lehren aus dem Zwölf-Tage-Krieg gezogen und umgesetzt haben“, sagt Vali R. Nasr, Iran-Experte an der Johns Hopkins University, der New York Times. „Sie haben gelernt, dass unsere Schwäche bei den defensiven Fähigkeiten liegt – bei Abfangraketen, THAAD und Patriot.“

Die Logik dahinter ist so simpel wie beunruhigend: Der Iran feuert Tausende billiger Einweg-Drohnen und älterer Raketen ab, um die teuren US-Abfangraketen zu verbrauchen. Und hält seine fortgeschritteneren Systeme – möglicherweise auch Hyperschallraketen – in Reserve.

Pentagon-Beamte teilten dem Kongress in vertraulichen Briefings mit, dass Iran noch bis zu 50 Prozent seiner Raketen und Abschussrampen behalten habe.

Die Frage, die Washington nicht beantworten will

Verteidigungsminister Pete Hegseth räumte am Dienstag ein, dass das Pentagon die Heftigkeit der iranischen Reaktion gegen die Nachbarstaaten nicht erwartet hatte. „Ich kann nicht sagen, dass wir unbedingt damit gerechnet haben, dass sie genau so reagieren würden“, sagte er – um im nächsten Atemzug zu versichern, Irans Vorgehen sei ein Zeichen der „Verzweiflung des Regimes“ und ein „großer Fehler“.

General Dan Caine, der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, bestätigte, dass Iran seine Taktik verändert habe. „Kein Plan überlebt den ersten Kontakt mit dem Feind“, sagte er. Auf die Frage, was genau funktioniere, verweigerte er die Antwort – „aus Gründen der operativen Sicherheit“.

Die Ballistik-Angriffe seien um 90 Prozent zurückgegangen, die Drohnenangriffe um 83 Prozent, betonte Caine. Doch zwei Militärbeamte sagten der New York Times, es gebe Sorgen, dass das Pentagon keinen vollständigen Überblick über alle iranischen Abschusspositionen habe.

Ein Staat, der sich nicht wie ein enthauptetes Regime verhält

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis, die US-Beamte und Militärexperten gegenüber der New York Times formulieren, lautet: Iran verhält sich nicht wie ein enthauptetes Regime. Die Tötung des Obersten Führers hat die Kommandostrukturen offenbar nicht so gelähmt, wie Washington es sich erhofft hatte. Mojtaba Khamenei, der Sohn des getöteten Führers, wurde bereits als dritter Oberster Führer seit der Islamischen Revolution installiert. Der Sicherheitsapparat feierte die Wahl.

Die iranische Raketenproduktion läuft offenbar weiter. Die Koordination mit Milizen im Irak funktioniert. Und die taktische Anpassungsfähigkeit, die US-Offizielle beschreiben, deutet auf einen Gegner hin, der nicht am Boden liegt – sondern lernt.

Was das bedeutet

Niemand bestreitet, dass die amerikanisch-israelische Luftkampagne enormen Schaden in Iran anrichtet. Die Bombardierung von Treibstoffdepots hat Rauchfahnen erzeugt, die sich über die gesamte Region ausbreiten; Experten warnen vor langfristigen Gesundheitsschäden. Der Iran beschuldigt die USA, eine Entsalzungsanlage getroffen zu haben – in einem Land, das ohnehin unter schwerem Wassermangel leidet. Mindestens zwölf Zivilisten wurden in den ölreichen Golfstaaten getötet, fast alle Wanderarbeiter. Der Ölpreis steigt. Frankreich entsendet zehn Kriegsschiffe. Pakistan lässt seine Handelsschiffe eskortieren. Die Weltwirtschaft bereitet sich auf schwere Verwerfungen vor.

Aber die Frage, die sich nach elf Tagen stellt, ist nicht, ob die USA und Israel militärisch überlegen sind. Das sind sie, mit großem Abstand. Die Frage ist, ob diese Überlegenheit ausreicht, um den Krieg zu gewinnen – oder ob der Iran eine Strategie verfolgt, die genau darauf setzt, dass sie es nicht tut.

Denn Irans Kalkül, wie es US-Beamte selbst beschreiben, ist denkbar einfach: Überleben ist Sieg. Solange Teheran Raketen feuern kann, solange amerikanische Soldaten sterben, solange die Abfangraketen-Bestände schrumpfen und die Golfstaaten unter Beschuss geraten, kann der Iran behaupten, der Supermacht standgehalten zu haben. Es ist eine Strategie der Erschöpfung gegen eine Strategie der Vernichtung. Und nach elf Tagen ist nicht klar, welche gewinnt.

Haben sich die Amerikaner verschätzt? Die offizielle Antwort lautet nein. Aber wenn hochrangige US-Militärs der New York Times sagen, der Feind lerne schneller als erwartet, wenn der Verteidigungsminister einräumt, die Reaktion nicht vorhergesehen zu haben, wenn das Pentagon dem Kongress mitteilt, dass Iran noch die Hälfte seiner Raketen hat – dann ist die ehrliche Antwort: Zumindest teilweise, ja.

Hinweis: Viele der in diesem Bericht genannten militärischen Entwicklungen lassen sich nicht unabhängig verifizieren. Sowohl der Iran als auch die USA und Israel betreiben aktive Informationskriegsführung. Angaben zu Opferzahlen, Treffern und Schäden stammen häufig aus Regierungsquellen der jeweiligen Konfliktparteien und sollten mit entsprechender Vorsicht gelesen werden. Die Analyse der New York Times stützt sich auf namentlich nicht genannte hochrangige US-Verteidigungsbeamte.