Iran-Krieg

Ölkonzerne weichen aus: Milliarden fließen in neue Fördergebiete fern des Nahen Ostens

Krieg und Unsicherheit im Persischen Golf treiben Exxon, Chevron und andere Konzerne in neue Regionen. Afrika und Südamerika rücken in den Fokus – mit milliardenschweren Projekten.

Eine Offshore-Bohrplattform auf offener See: Große Ölkonzerne investieren Milliarden in neue Fördergebiete.
Eine Offshore-Bohrplattform auf offener See: Große Ölkonzerne investieren Milliarden in neue Fördergebiete.Marc Morrison/imago

Große Ölkonzerne verlagern ihre Investitionen zunehmend weg aus dem Nahen Osten und setzen verstärkt auf neue Fördergebiete in Afrika, Südamerika und dem Mittelmeerraum. Hintergrund sind die Risiken durch den Konflikt mit dem Iran sowie Störungen wichtiger Handelsrouten für Energie.

Darüber berichtet das Wall Street Journal unter Berufung auf Unternehmensangaben und Branchenanalysen. Demnach treiben Konzerne wie ExxonMobil, Chevron, BP und TotalEnergies ihre Suche nach neuen Öl- und Gasvorkommen deutlich voran.

Iran-Krieg und Engpässe treiben Strategiewechsel

Auslöser ist vor allem die angespannte Lage im Persischen Golf. Angriffe auf Energieinfrastruktur sowie Unsicherheiten rund um die Straße von Hormus – eine der wichtigsten Transportrouten für Öl und Flüssiggas – haben die Branche alarmiert. Durch die Blockade der Meerenge seien bis zu 20 Prozent der weltweiten Lieferungen betroffen gewesen, schreibt das Wall Street Journal. Gleichzeitig stiegen die Ölpreise deutlich: US-Öl notierte zuletzt bei rund 88 US-Dollar pro Barrel, nachdem es zuvor im Bereich von etwa 60 US-Dollar gelegen hatte. Für die Konzerne bedeutet das zweierlei: höhere Einnahmen – aber auch größere Risiken.

Milliarden für neue Fördergebiete

Die Unternehmen suchen verstärkt nach neuen Öl- und Gasfeldern. ExxonMobil prüft laut Bericht Investitionen von bis zu 24 Milliarden US-Dollar in Tiefseeprojekte vor Nigeria. Chevron baut seine Position in Venezuela aus, BP sichert sich Anteile vor Namibia, TotalEnergies schließt neue Abkommen unter anderem mit der Türkei. Insgesamt könnten solche Projekte in den kommenden Jahren einen Wert von rund 120 Milliarden US-Dollar schaffen, schätzt das Beratungsunternehmen Wood Mackenzie.

Nach Jahren zurückhaltender Investitionen, in denen viele Konzerne Gewinne lieber an Aktionäre ausschütteten, fließe nun wieder deutlich mehr Geld in neue Förderprojekte.

Langfristiger Druck auf die Branche

Hinter dem Strategiewechsel steckt auch ein strukturelles Problem: Die Ölindustrie muss neue Reserven erschließen, um die weltweite Nachfrage langfristig zu decken. Laut Wood Mackenzie müssten bis 2050 zusätzliche Vorkommen von rund 300 Milliarden Barrel gefunden werden.

„Unterschätzen Sie nie die Faszination von Förderprojekten“, sagte Energieexperte Edward Chow vom Center for Strategic and International Studies dem Wall Street Journal. Mit den aktuell hohen Einnahmen hätten die Unternehmen nun wieder die Mittel, auch riskantere Projekte anzugehen.

Rückzug aus dem Nahen Osten – vorerst

Zwar bleiben viele Konzerne dem Bericht zufolge in der Region aktiv. Neue große Projekte im Nahen Osten gelten derzeit jedoch als unwahrscheinlich, solange der Konflikt anhält. Stattdessen versuchen die Unternehmen, ihre Risiken geografisch breiter zu streuen, heiß es. Gleichzeitig würden sie auf kurzfristige Produktionssteigerungen setzen, um von den hohen Preisen zu profitieren – allerdings meist innerhalb bestehender Budgets, ohne sofort neue Großinvestitionen zu beschließen.

Hohe Ölpreise als Treiber

Branchenexperten gehen laut dem Wall Street Journal davon aus, dass die Ölpreise vorerst hoch bleiben – selbst wenn sich die Lage im Persischen Golf stabilisieren sollte. Damit steigt der Anreiz, auch bislang vernachlässigte oder schwer zugängliche Fördergebiete zu erschließen. „Dauerhaft hohe Preise sind der beste Freund der Exploration“, sagte der Analyst Schreiner Parker vom Beratungsunternehmen Rystad Energy dem Wall Street Journal. Zugleich werde künftig ein Risikoaufschlag auf Öl aus dem Persischen Golf erwartet.