Nach einem aufsehenerregenden Prozess wegen des Mordes an sieben Babys ist eine britische Krankenschwester schuldig gesprochen worden. Das Gericht in Manchester befand die 33-Jährige am Freitag zudem des versuchten Mordes an sechs weiteren Säuglingen auf der Neugeborenenstation eines Krankenhauses im nordwestenglischen Chester für schuldig. Das Strafmaß gegen die Frau soll am Montag verkündet werden. Die britische Regierung kündigte unterdessen eine unabhängige Untersuchung an.
Die 33-Jährige wird aller Wahrscheinlichkeit nach den Großteil ihres Lebens im Gefängnis verbringen müssen. Das Strafmaß folgt an diesem Montag: Bei Mord folgt in Großbritannien zwingend lebenslange Haft, der Richter legt eine Mindesthaftdauer fest. Beobachter halten es für möglich, dass L. nie mehr in Freiheit kommen wird.
Es ist die schlimmste Kindermordserie in der jüngeren Geschichte des Vereinigten Königreichs, wie Medien nach dem Schuldspruch am Manchester Crown Court betonen. „Todesengel“ nennt das Boulevardblatt Sun die Verurteilte. Die 33-Jährige war noch in weiteren Fällen wegen versuchten Mordes angeklagt, hier konnte sich die Jury aber auch nach wochenlangen Beratungen nicht auf ein Urteil einigen. Vor Gericht hatte die Frau ihre Unschuld beteuert und versichert, sie würde niemals einem Baby etwas zuleide tun. Die Staatsanwaltschaft beschrieb die 33-Jährige dagegen als „kalt kalkulierende“ Täterin, die gezielt Tötungsmethoden anwandte, die „kaum eine Spur hinterließen“.
Baby-Morde in Großbritannien: Grausame Details wurden im Prozess bekannt
Einige Jurymitglieder brachen in Tränen aus, als der Fall endlich abgeschlossen war, wie die BBC berichtet. 145 Tage lang hatten sie grausame Details gehört. In einigen Fällen mordete die Krankenschwester, indem sie den Babys Luft spritzte, in anderen überfütterte sie die Neugeborenen mit Milch. Manchmal lagen wenige Stunden zwischen Mordversuchen, manchmal Wochen. Fünf Jungen, davon zwei Brüder aus einer Drillingsgeburt, und zwei Mädchen starben. Alle waren auf der Frühgeborenenstation betreut worden.
Das jüngste mutmaßliche Opfer der Krankenschwester, ein zu früh geborener Junge, war erst einen Tag alt. Wie es im Prozess hieß, war er „wohlauf“, bis die Angeklagte am 8. Juni 2015 ihren Dienst auf der Neugeborenenstation antrat. 90 Minuten später war er tot. Unter den Opfern waren zudem zwei zu früh geborene Drillinge, die im Abstand von 24 Stunden starben. Ihr Bruder überlebte, weil seine Eltern darauf bestanden, ihn nach dem Tod seiner Geschwister in ein anderes Krankenhaus zu verlegen.
Mitarbeiter, die Bedenken äußerten, wurden zu Entschuldigungen genötigt
Rund ein Jahr ging das so im Countess of Chester Hospital in Chester, von Juni 2015 bis Juni 2016. Zwar schöpften Mitarbeiter oder Vorgesetzte durchaus Verdacht. Denn immer war L. in der Nähe, wenn ein Kind überraschend starb oder plötzlich um sein Leben kämpfte. Doch lange geschah: nichts. Mitarbeiter, die ihre Bedenken äußerten, wurden sogar zu einer Entschuldigung genötigt, wie die BBC recherchiert hat.
Als L. dann endlich aus der Station abgezogen wurde, arbeitete sie in einem Büro, wo sie Einsicht in sensible Patientenunterlagen hatte. Erst lange nach den Taten wurde sie festgenommen. Der Direktor der Klinik entschuldigte sich. Das Gesundheitsministerium kündigte eine umfassende Aufarbeitung des Falls an. Und Ermittler wollen die Pflege von etwa 4000 Babys überprüfen.
Motiv für Baby-Morde weiterhin völlig unklar
Das Motiv ist auch nach dem monatelangen Prozess völlig unklar. Manche Experten gehen davon aus, dass L. nach Aufmerksamkeit suchte, etwa von einem jungen Arzt, in den sie sich verliebt hatte. „Wir werden womöglich nie erfahren, warum dies passiert ist“, heißt es in einer Stellungnahme der betroffenen Eltern.
Die Ex-Krankenschwester wies die Vorwürfe bis zuletzt vehement zurück. Die Kinder seien eines natürlichen Todes gestorben oder wegen falschen Verhaltens anderer, behauptete sie. Eltern, deren Babys sie getötet hatte, schrieb sie Beileidskarten. Doch Unterlagen, die bei ihr gefunden wurden, belasteten die Krankenschwester schwer. „Ich bin böse, ich habe das getan“, hieß es auf einem Zettel etwa. Am Montag soll das Strafmaß verkündet werden. Berichten zufolge teilte die Krankenschwester ihren Anwälten mit, nicht vor Gericht erscheinen zu wollen
Fall erinnert an Patientenmörder Högel
Der Fall erinnert an den als „Todespfleger“ bekannt gewordenen Patientenmörder Niels Högel, den das Landgericht Oldenburg 2019 wegen Mordes in 85 Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt hatte. Er war als Krankenpfleger in der Intensivmedizin tätig und tötete dort nach Feststellung des Landgerichts insgesamt 85 Patienten, indem er ihnen medizinisch nicht indizierte Medikamente verabreichte.





