Haitianische Sicherheitskräfte haben seit März 2025 offenbar mindestens 1243 Menschen durch Drohnenangriffe getötet, darunter 43 erwachsene Zivilisten und 17 Kinder. Das geht aus einem am Dienstag veröffentlichten Bericht von Human Rights Watch (HRW) hervor. Die Menschenrechtsorganisation spricht von rechtswidrigen Tötungen und fordert ein sofortiges Ende der Angriffe.
Bei den Einsätzen kommen mit Sprengstoff bestückte Quadrocopter-Drohnen zum Einsatz, die in dicht besiedelten Stadtgebieten der Hauptstadt Port-au-Prince operieren. Laut HRW wurden zwischen dem 1. März 2025 und dem 21. Januar 2026 insgesamt 141 Operationen durchgeführt, bei denen zudem 738 Menschen verletzt wurden.
Die Drohnenangriffe werden von einer „Task Force“ durchgeführt, die Premierminister Alix Didier Fils-Aimé eingerichtet hat. Unterstützt wird diese laut dem UN-Büro in Haiti von der US-Söldnerfirma Vectus Global, die von Erik Prince geleitet wird. Prince gründete einst das Unternehmen Blackwater, dessen Mitarbeiter 2007 im Irak 17 Zivilisten erschossen.
Vectus Global wird in Medien und Analysen oft in die Kategorie privater Militärunternehmen eingeordnet – also in dieselbe Branche wie etwa die Wagner-Gruppe oder das frühere Blackwater. Der US-Botschafter in Haiti bestätigte, dass das US-Außenministerium Vectus eine Exportlizenz für Verteidigungsdienstleistungen erteilt hat, wie Reuters berichtet.
Human Rights Watch: Mehrere Kinder getötet
Besonders aufsehenerregend ist ein Angriff vom 20. September 2025: Eine Drohne detonierte nahe einem Sport- und Kulturkomplex im Viertel Simon Pelé, wo Kinder auf eine Geschenkverteilung warteten. Neun Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren starben. Eine Mutter berichtete HRW, sie habe ihre dreijährige Tochter mit zerschmettertem Fuß und Löchern im Körper im Krankenhaus identifiziert.
„In den Gebieten, in denen die Banden sind, leben unschuldige Menschen, die ihre Kinder großziehen“, sagte eine betroffene Bewohnerin gegenüber HRW. Ein Ladenbesitzer aus Martissant erklärte: „Ich lebe ständig mit dieser Angst, dieser Beklemmung.“
Die Lage in Haiti ist seit Jahren extrem angespannt. Bewaffnete Banden kontrollieren inzwischen große Teile von Port-au-Prince und wichtige Verkehrsachsen im Landesinneren. Sie verüben Morde, Entführungen und sexualisierte Gewalt und treiben Hunderttausende Menschen in die Flucht, wie Reuters berichtet.
Immer mehr Angriffe registriert
Die Zahl der Angriffe hat zuletzt stark zugenommen: Zwischen November und Januar wurden 57 Operationen registriert – fast doppelt so viele wie in den drei Monaten zuvor. Über 40 Prozent der Tötungen fielen in den Zeitraum Dezember bis Januar. HRW analysierte zudem sieben Videos, die zeigen, wie Drohnen Personen und Fahrzeuge angreifen, ohne dass von den Betroffenen eine erkennbare Bedrohung ausging.
Juanita Goebertus, Amerika-Direktorin von HRW, sagte gegenüber Reuters, die Partner Haitis sollten die Zusammenarbeit mit den Sicherheitskräften einstellen, bis Schutzmaßnahmen für Zivilisten eingeführt würden. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte hatte die Angriffe bereits im Oktober 2025 als „unverhältnismäßig und wahrscheinlich rechtswidrig“ bezeichnet.
Weder Premierminister Fils-Aimé noch die haitianische Polizei oder Vectus Global reagierten auf Anfragen von HRW. Fils-Aimé hatte gegenüber dem Wall Street Journal erklärt, die Operationen hätten „die Blutung gestoppt“.


