Berliner Blackout

Großrazzia gegen anarchistische Zelle nach Anschlag auf Berliner Stromversorgung

Hunderte Polizisten durchsuchen bundesweit Objekte – Ermittler machen linksextreme Gruppe für Blackout mit 50.000 betroffenen Haushalten verantwortlich.

In Berlin findet aktuell eine Razzia gegen eine linksextreme Gruppe statt. (Archivbild)
In Berlin findet aktuell eine Razzia gegen eine linksextreme Gruppe statt. (Archivbild)Sebastian Willnow/dpa

Hunderte Polizisten durchsuchen zur Stunde bundesweit Objekte einer anarchistischen Gruppe. Schwerpunkt des Einsatzes war Berlin, wo unter anderem eine „anarchistische Bibliothek“ in Kreuzberg sowie Liegenschaften in Wedding durchsucht werden. Die Ermittler machen eine Gruppe dieser Szene für einen Anschlag auf die Stromversorgung im Berliner Südosten im September 2025 verantwortlich, von dem rund 50.000 Haushalte betroffen waren.

Der Anschlag hatte sich gezielt gegen den Technologiepark Berlin-Adlershof gerichtet, Europas größte entsprechende Einrichtung. Dort entstand laut dem Geschäftsführer des Betreibers Wista, Roland Sillmann, ein Schaden von 30 bis 70 Millionen Euro. Eine genauere Bezifferung sei wegen der unterschiedlichen Auswirkungen auf die mehr als 1.300 ansässigen Unternehmen nicht möglich gewesen, erklärte Sillmann damals.

Kurz nach dem Anschlag war auf der linksradikalen Plattform „Indymedia" ein Bekennerschreiben aufgetaucht, unterzeichnet mit „Einige Anarchist:innen". Darin bezeichneten die Verfasser den Stromausfall für Anwohner als „Kollateralschaden“, der im Verhältnis zur „Zerstörung von Natur und Leben" durch ansässige Firmen hinnehmbar sei.

Namentlich genannt wurden Unternehmen wie Atos, Astrial, DLR, Jenoptik, Rohde & Schwarz, Siemens und Trumpf. Man richte sich mit der Sabotage von Infrastruktur gegen „imperiale lebensweisen“, hieß es in eibnem langen Bekennerschreiben, das damit einen Begriff des deutschen Politologen Ulrich Brand aufgriff. Brand  distanzierte sich in der Berliner Zeitung von dem Anschlag und der Verwendimng seiner Theorie.

Ermittler sehen Verbindungen zu anarcho-primitivistischer Szene

Die Ermittler ordnen die vier Verdächtigen in Berlin dem Milieu der sogenannten Anarcho-Primitivisten zu – einer kleinen Szene, in der seit Jahren Texte kursieren, die moderne Infrastruktur als „Nervensystem" einer kontrollierten Gesellschaft beschreiben und Stromtrassen oder Mobilfunkmasten als legitime Angriffsziele definieren. Eine zentrale Rolle spielt laut WELT das anarchistische Magazin „Zündlumpen" (später „Zündlappen"), das Ermittler einer verdeckt agierenden Gruppe aus Bayern zuordnen.

Im Mittelpunkt der aktuellen Ermittlungen steht nach Informationen der Berliner Zeitung ein 30 Jahre alter Mann, der sich im Netz Manuel nennt und der Verbindungen zum „Zündlumpen“ gehabt haben, in der Redaktion tätig gewesen sein soll und in Bayern für eine Serie von Brandanschlägen verantwortlich gemacht wird. Der Anschlagsserie rechnen die bayerischen Ermittler rund 50 Brandstiftungen zu.

Die Süddeutsche Zeitung hatte berichtet, dass „Manuel“ und eine Mitstreiterin namens „Nathalie“ im Februar vergangenen Jahres in der Interims-Stadtbibliothek in München verhaftet worden seien, als sie am Computer ihre Mails lesen wollten. Im Lesesaal saßen neben den beiden Verdächtigen nur Zivilbeamte der Polizei gewesen. Die Aktion sei Teil einer großangelegten Razzia gewesen, heißt es.

Überraschend kamen „Manuel“ und „Nathalie“ nach einigen Monaten Untersuchungshaft wieder frei. Jedoch erhob die Generalstaatsanwaltschaft München Anklage gegen sie wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Nach Informationen dieser Zeitung soll „Manuel“ sich daraufhin nach Berlin abgesetzt haben, da der Ermittlungsdruck in München offenbar zu groß geworden war.

Bei der aktuellen Razzia werden nach Angaben von Ermittlern nur Durchsuchungsbeschlüsse in Neukölln, Friedrichshain, Wedding, Kreuzberg und Prenzlauer Berg sowie in Hamburg, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen vollstreckt. Haftbefehle gebe es nicht.

Mitarbeiter des Umspannwerks an der Argentinischen Allee in Berlin während des Stromausfall.
Mitarbeiter des Umspannwerks an der Argentinischen Allee in Berlin während des Stromausfall.Soeren Stache

Serie von Angriffen auf kritische Infrastruktur

Die Razzia fällt in eine Phase zunehmender Angriffe auf kritische Infrastruktur. Am 3. Januar 2026 wurden an einer Kabelbrücke beim Heizkraftwerk Lichterfelde Starkstrom- und Mittelspannungskabel in Brand gesetzt. Rund 45.000 Haushalte, tausende Gewerbebetriebe sowie Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen waren teilweise tagelang ohne Strom – der längste Stromausfall in Berlin seit 1945. Ein Bekennerschreiben einer „Vulkangruppe" tauchte auf, in dem die Täter die fossile Energiewirtschaft als Ziel benannten.

Nach diesem Anschlag übernahm der Generalbundesanwalt die Ermittlungen wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, verfassungsfeindliche Sabotage und Störung öffentlicher Betriebe. Das Bundeskriminalamt führt die polizeilichen Maßnahmen. Auch der Brandanschlag auf einen Strommast nahe der Tesla-Fabrik in Grünheide im März 2024 wird der Szene zugerechnet, ist aber weiterhin ungeklärt.

Obwohl die Ermittler die Anschläge vom September 2025 und Januar 2026 getrennt betrachten, gehen sie davon aus, dass die Täter aus demselben ideologischen Umfeld stammen. Die Vernetzung innerhalb der anarchistischen Szene reiche über Landesgrenzen hinaus, sowohl zwischen München und Berlin als auch international.

Politik und Gewerkschaft fordern schärfere Maßnahmen

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) will den Kampf gegen linksextreme Gewalt entschiedener führen als seine Vorgänger. Seit 2011 verüben sogenannte Vulkangruppen Anschläge – Festnahmen gab es bis heute nicht. Dobrindt fordere nun Ergebnisse vom Bundeskriminalamt bis zum Verfassungsschutz, berichtet die WELT.

Der Berliner Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Benjamin Jendro, kritisierte, die Gefahren durch Linksextremisten würden „seit Jahren kleingeredet". In den Verfassungsschutzämtern und beim BND genieße der Bereich bei der personellen Zuordnung kaum Priorität. Die Beschäftigten seien zwar engagiert, könnten aber „oft leider nur an der Oberfläche kratzen". „Wir reden über eine heterogene Szene, die aber international vernetzt ist, gut organisiert und durchaus intelligent vorgeht“, so Jendro.

Jendro forderte zudem rechtliche Anpassungen wie die Ausweitung der Quellen-Telekommunikationsüberwachung, IP-Mindestspeicherfristen und den Einsatz KI-basierter Technik. „Die Sicherheitsbehörden kennen die Protagonisten des harten Kerns, weil sie anders als Rechtsextremisten keinesfalls zur Passivität übergehen, wenn rechtsstaatliche Maßnahmen ergriffen werden“, sagte Jendor. Aber nach wie vor sei es unglaublich schwer, ihnen Brandanschläge nachzuweisen. „Umso höher ist es einzustufen, was unser LKA da auf die Beine gestellt hat, um die heutigen Durchsuchungsbeschlüsse zu erwirken", sagte Jendro.

Die Ermittlungen dauern an.