Vater der Theorie zu „imperialer Lebensweise“

Politologe Brand über Sabotage: „Wir können die Verwendung unserer Begriffe nicht kontrollieren“

Saboteure nutzen Brands Theorem als Begründung für Sabotage. Der Politologe distanziert sich von der Gewalt. Wie Brand seine Idee erklärt und was er zum Berliner Bekennerschreiben sagt.

Findet Sabotage kontraproduktiv: Ulrich Brand, Autor von „Kapitalismus am Limit“ (2024) und „Imperiale Lebensweise“ (2017)
Findet Sabotage kontraproduktiv: Ulrich Brand, Autor von „Kapitalismus am Limit“ (2024) und „Imperiale Lebensweise“ (2017)politikwissenschaft.univie.ac.at

Ulrich Brand ist Professor für Internationale Politik an der Universität Wien. Er zählt zu den einflussreichsten Denkern der sozial-ökologischen Transformation im deutschsprachigen Raum. Gemeinsam mit Markus Wissen prägte er den Begriff der „imperialen Lebensweise“, der inzwischen weit über akademische Kreise hinaus Verwendung findet – auch in Bekennerschreiben militanter Gruppen.

Nach den Sabotageakten auf die Berliner Stromversorgung, bei denen die Täter sich explizit auf Brands Konzept beriefen, stellt sich die Frage: Wie reagiert ein Wissenschaftler, wenn seine Begriffe zur Rechtfertigung von Anschlägen herangezogen werden?

Herr Brand, das Bekennerschreiben der sogenannten Vulkan-Gruppe in Berlin bezieht sich ausdrücklich auf den Begriff der „imperialen Lebensweise“ – und damit auf einen Begriff, den Sie maßgeblich geprägt haben. Die Saboteure verstehen die imperiale Lebensweise als Projekt einer kleinen Elite, Sie als gesellschaftlich verallgemeinerte Produktions- und Lebensweise. Wie bewerten Sie diese Umdeutung durch die Täter von Berlin?

Mit dem Begriff wollen wir benennen, dass diese Produktions- und Lebensweise auf billige Arbeitskraft und billige Natur von anderswo zurückgreift. Das kann in Deutschland, in Europa, aber vor allem im Nord-Süd-Verhältnis der Fall sein. Dabei geht es auch um mächtige wirtschaftliche Interessen. Wir würden jedoch nicht sagen, dass es das eine Prozent gegen die 99 Prozent sind, also die kleine Elite. Sondern dass die imperiale Lebensweise eine Bedingung für alle Menschen hierzulande ist – auch wenn sie je nach Einkommen, Umweltbewusstsein und anderen unterschiedlich gelebt wird.

Unsere Erfahrung – wenn ich für Markus Wissen, meinen Koautor, und mich spreche – ist, dass der Begriff der imperialen Lebensweise, der viel in sozialen Bewegungen verwendet wird, offenbar attraktiv ist. Die Vulkan-Gruppe hat ihn auch in früheren Bekennerschreiben sehr prominent verwendet. Die Semantik des Imperialen, des Ausgreifenden, auch des Moralisierenden – all das passt natürlich in so ein politisches Bekennerschreiben. Das würden wir aber in der Vereinfachung zurückweisen.

Die Gruppe versteht den Angriff auf Infrastruktur als direkten Hebel gegen die imperiale Lebensweise. Sie betonen dagegen, dass diese in Alltagspraktiken, Institutionen und globaler Bedeutung verankert ist. Welche theoretischen Missverständnisse gibt es denn hier?

Ich würde schon sagen, dass die fossilen Energie-Infrastrukturen dazu beitragen, dass die imperiale Lebensweise aufrechterhalten wird. Ebenso die anderen Infrastrukturen wie für den Verkehr, wenn wir an Automobilität oder die Fluginfrastruktur denken.

Aber die Engführung zu sagen – und das ist der moralisierende Punkt –, wenn wir nicht angreifen, dann kriegen wir die Produktions- und Lebensweise nicht verändert, das ist zu eng gedacht. Wie Sie in der Frage andeuten, es geht um viel mehr. Es geht um politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie um unterschiedliche Akteure. Solche, die die imperiale Lebensweise verteidigen und solche, die sie verändern wollen.

In Ihren Arbeiten heben Sie hervor, dass die imperiale Lebensweise nicht nur Zwang, sondern auch Zustimmung erzeugt – durch Komfort, Mobilität, Versorgung und Sicherheit. Das sind Dinge, die eigentlich von der breiten Bevölkerung außerhalb dieses Soziotops, aus dem die Täter stammen, befürwortet werden. Welche Bedeutung hat dieser Aspekt für Strategien gesellschaftlicher Veränderung?

Wir würden, allgemein gesprochen, uns für zwei Strategien starkmachen. Das eine ist, die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu verändern, Stichwort Produktionsweise. Wenn wir eine andere Verkehrsinfrastruktur hätten, könnten wir wegkommen von der Fixierung auf Auto und Flugzeug.

Dasselbe gilt bei erneuerbaren Energien oder einer stärkeren saisonalen, ökologischen und regionalen Landwirtschaft, samt einer fleischärmeren Ernährungsweise. Das wären Aspekte einer solidarischen Lebensweise. Das ist mit „anderen Rahmenbedingungen“ gemeint.

Die zweite Richtung: Der Theoretiker und Politiker Antonio Gramsci hat vor einhundert Jahren den wichtigen Begriff des „widersprüchlichen Alltagsverstandes“ geprägt. Es ist ja nicht so, dass die Leute per se und schon gar nicht bewusst eine Lebensweise wollen, bei der sie andere ausbeuten oder die Umwelt zerstören. Sondern sie leben das erst einmal ganz praktisch.

Aber es gibt auch Unwohlsein an diesen eigenen Praktiken: Muss ich denn ein Auto haben, auch wenn ich es in einer Stadt vielleicht gar nicht benötige? Kann ich auch mit dem Zug in den Urlaub fahren statt zu fliegen? Kann und will ich mich gesünder und ökologisch nachhaltig ernähren? Muss es immer die neueste Kleidung sein, die auch was mit Status und Statuszwang zu tun hat? Aber wir kommen dann wieder zu den Rahmenbedingungen: Wann sind Bioprodukte auch für viele Menschen erschwinglich? Gibt es einen guten und erschwinglichen öffentlichen Verkehr?

Wir gehen also nicht von 99 Prozent gegen ein Prozent aus, sondern sehen genauer hin, welche Milieus in den 99 Prozent bereit und offen dafür sind für Veränderungen.

Wir sind nicht naiv: Das sind nicht alle. Einige wollen ein fettes Auto, am liebsten einen SUV, viele wollen fliegen und so weiter. Das ist ein relevanter Teil der Bevölkerung.

Aber ein anderer und auch relevanter Teil wäre bei angemessenen Rahmenbedingungen bereit, solidarischer zu leben. Bei der Energieversorgung ist es ja offensichtlich: Viele Menschen wollen die Energiewende. Diese Energiewende wird aber politisch und von der fossilen Industrie ausgebremst. Da stehen harte politische Auseinandersetzungen an.

Da haben wir schon einen deutlichen Unterschied zum Bekennerschreiben, das stark mit moralischen Gegensätzen und personalisierter Verantwortung arbeitet. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, analysieren Sie verschränkte Klassen-, Geschlechter- und Wahlverhältnisse. Was geht politisch verloren, wenn diese Komplexität ausgeblendet wird, wie es hier offenbar geschehen ist?

Das Bekennerschreiben suggeriert, das eine Prozent oder die 0,1 Prozent der Reichen und Mächtigen würden die Gesellschaft komplett gestalten. Wir würden sagen, dass Menschen in die dominante, nämlich imperiale Lebens- oder Produktionsweise involviert sind, ohne dass sie diese gestalten können. Die Unterschiede von Klassen und Mentalitäten, die es in der Gesellschaft gibt, geht verloren, weil eine Bevölkerungsmehrheit sehr allgemein kritisiert wird.

Man könnte das Bekennerschreiben so lesen: „Mit unseren Aktionen zeigen wir der Bevölkerung, dass die Reichen an allem Schuld sind.“ Natürlich gibt es enorme Ungleichheiten, die der französische Wirtschaftswissenschaftler Lucas Chancel als „ökologische Ungleichheit“ bezeichnet. Die Reichen konsumieren mehr, sie profitieren von den Investitionen in die fossilen Industrien. Das sprechen wir auch in unserem letzten Buch „Kapitalismus am Limit“ an.

Aber es gibt auch verschiedene Milieus und Klassen jenseits der Reichen. Und insbesondere die Ärmeren und Schwächeren haben viel zu gewinnen, wenn der sozial-ökologische Umbau gelingt. Die nächsten Wahlen in Berlin werden da wichtig sein.

In Ihren Texten warnen Sie ja auch vor autoritären Verläufen dieser Transformationsprozesse. Besteht denn hier, wenn wir uns das Geschehen in Berlin angucken – 30.000 Haushalte sind nach wie vor ohne Strom – die Gefahr, dass militante Aktionsformen solche Dynamiken eher verstärken als überwinden?

Absolut. Das ist ja oft so, dass die gesellschaftliche und die politische Linke in so eine Art Sippenhaft genommen werden. Ich bin gerade nicht in Berlin, aber ich kann mir gut vorstellen, dass diese Diskussionen in Medien, von rechten Parteien und anderen laufen.

Viel schlimmer ist jedoch, dass deren Antwort tendenziell lautet: „Wir müssen von oben durchgreifen, wir müssen mehr Sicherheit schaffen.“  Dann werden die wichtigen Fragen von Macht, Vermögen und Ungleichheit nicht gestellt, weil dominant wird: Wir müssen die Szene bekämpfen, aber darüber hinaus auch das linke, progressive Gedankengut. Dabei sind diese anderen wichtigen Fragen, wie ein solidarischer sozial-ökologischer Umbauprozess eingeleitet werden kann, viel dringlicher. Das machen wir im letzten Buch auch sehr deutlich.

Wir befinden uns in einer Phase der autoritären Wende und da könnten solche Aktionen der AfD und anderen autoritären politischen Kräften in die Hände spielen. Wenn der öffentliche Diskurs über Medien jetzt so läuft, dass die gesamte Linke schuld ist, dann ist das insgesamt schädlich und unterstützt die autoritäre Konjunktur.

Die in dem Bekennerschreiben beschworene „Internationale der Verweigerung” setzt auf globale Ablehnung von Infrastruktur und auf Sabotage. Wie unterscheidet sich dieses Vorgehen vom Internationalismus und von Ihrem Konzept globaler Solidarität?

Kurz einen Schritt zurück. Zuerst einmal bin ich Wissenschaftler, der die tiefe Verankerung der imperialen Lebensweise, aber auch die Vorschläge für sozial-ökologische Alternativen analysiert. Wenn ich mich politisch verorten sollte, dann am ehesten in der demokratischen und gesellschaftspolitischen Tradition des „radikalen Reformismus“. Also konkreter Reformpolitik, die eben auch an die gesellschaftlichen und Machtstrukturen muss.

Solche vielfältige Reformpolitik betrifft Parteien, den Staat, Unternehmen, Beschäftigte, Gewerkschaften und andere Akteure. Zusätzlich schlagen wir im letzten Buch den Begriff der „transformativen Zellen“ vor. Es braucht innerhalb der bestehenden Organisationen wie eben Betrieben, staatlichen Institutionen, Schulen oder Hochschulen, aber auch in organisierten Interessenvertretungen wie den Gewerkschaften Kräfte, die sich den sozial-ökologischen Umbauprozess ernst nehmen und ihn vorantreiben. Denn die Organisationen sind ja nicht homogen.

Sie kritisieren aber doch auch den „grünen Kapitalismus“ und sagen, der geht nicht weit genug. Gibt es da nicht eine Parallele zu dieser Argumentation der Saboteure, die noch viel krasser und radikaler sein wollen, um die Gesellschaft gewaltsam zu verändern?

In der Diagnose mag es ähnliche Punkte geben: Die Kritik am Wachstumswahn, an den Profitinteressen der fossilen Industrie und anderem.

Der grüne Kapitalismus setzt darauf, dass die bislang herrschenden politischen und wirtschaftlichen Kräfte eine Ökologisierung der Produktion vorantreiben. Das ist aber nicht der Fall. Deshalb bedarf es einer Infragestellung der bestehenden Machtverhältnisse, aber eben auch einen viel grundlegenderen Umbau der Produktions- und Lebensweise. Dazu gehören auch ein Rückbau bestimmter, zerstörerischer Industrien wie der Auto- oder Flugindustrie.  Und natürlich müssen wir sehr dringend raus aus der fossilen Energie. Die Gaskraftwerke und das LNG aus den USA werden das Problem jedoch nicht lösen.

Globale Solidarität bedeutet den dringend notwendigen Umbau unserer Produktions- und Lebensweise, um den Druck auf Rohstoffe, billige Arbeit und Natur im Globalen Süden zu verringern. Ich arbeite zu Lateinamerika, und da ist es so, dass das Lithium, das Kupfer und die grüne Energie – Stichwort: Wasserstoff – irgendwo herkommen müssen.

Ich bin nicht per se gegen Protestaktionen wie die der Anti-Atom-Bewegung oder der Bewegung gegen den Braunkohleabbau im Rheinland. Aber die Proteste müssen gesellschaftlich anschlussfähig sein. Das ist aus Sicht des radikalen Reformismus zentral. Das ist ein isolierter Anschlag, es geht nicht um Anschlussfähigkeit und riskiert eine autoritäre Antwort.

Kommen wir vom Globalen Süden wieder in den Berliner Süden. Wenn solche Sabotageaktionen Zehntausende unmittelbar betreffen und die Täter zentrale Begriffe Ihrer Analyse und Theorie zur Begründung nutzen: Welche Verantwortung sehen Sie bei sich selbst und bei Ihren Kollegen?

Der Begriff der imperialen Lebensweise wird breit verwendet und wir können seine Verwendung natürlich nicht kontrollieren. Deswegen würde ich erst einmal eine Verantwortung zurückweisen. Die Verantwortung liegt bei denen, die das gemacht haben. Punkt. Ich würde sagen, dass die Rolle der Wissenschaft  und der Öffentlichkeit, in der wir uns jetzt hie auch befinden, darin besteht, breitere Problemlagen deutlich zu machen, Zusammenhänge herzustellen. Und eben nicht so zu tun, als würde es reichen, die Mächtigen zu demaskieren und – was immer das auch konkret bedeutet, „anzugreifen“.

Wir können als Wissenschaftler aufklären, Begriffe zum Denken der Realität anbieten, mögliche Orientierungen in einer unübersichtlichen Welt schaffen, damit Menschen die Welt anders wahrnehmen und denken – und sich nicht hilflos fühlen. Wir stellen uns damit auch gegen breit diskutierte Analyseansätze, nach denen alles komplett in die falsche Richtung läuft und wir gar nichts mehr machen können. Wir versuchen in unserer Analyse gerade, die Widersprüchlichkeit, die Umkämpftheit und die kleinen Öffnungen zu betonen. Andererseits aber auch die Möglichkeiten, bei denen man dennoch wirksam werden kann. Nicht weil wir naiv-optimistisch sind, sondern weil wir die Welt so sehen.

Natürlich geht heute ziemlich viel in die falsche Richtung. Aber es gibt doch genug Alternativen. Wir wissen, wie ein anderes Berlin aussehen kann: eine andere Energieversorgung, eine andere Mobilität und eine andere Ernährungsweise. Es gibt einen erfolgreichen Volksentscheid für eine Vergesellschaftung der Bestände der großen Immobilienunternehmen. Die Mehrheit der Bevölkerung, bestimmt die in den Metropolen, ist für eine nicht rein profitorientiertes Wirtschaften zu gewinnen

Also mehr sozialpolitische und soziologische Analyse und weniger revolutionäre Ungeduld.

Klar, die Analyse ist wichtig, aber wir benötigen auch und dringend gesellschaftliche Veränderung hin zu einer sozialen und ökologischen Produktions- und Lebensweise. Diese muss die Menschen mitnehmen und darf nicht an ihnen vorbeigehen. Sie muss an die Wurzeln gehen, aber darf nicht in einer politischen Rotzigkeit enden, die tendenziell den Rechten und den autoritären Kräften in die Hände spielt.

Ulrich Brand, Professor für Internationale Politik an der Universität Wien. Gemeinsam mit Markus Wissen publizierte er die Bücher „Imperiale Lebensweise“ (2017) und „Kapitalismus am Limit“ (2024).