Missbrauch

Kommunistin im Kommerz: Freiheit für Frida Kahlo!

Die mexikanische Malerin ist zur Marke geworden. Barbie-Puppen und Tequila-Flaschen, Binden und Kaffeefilter tragen ihr Gesicht. Wer verdient an ihr?

Kommunistin neben Königin: Máxima der Niederlande bei Frida-Kahlo-Ausstellung in Assen, 2021, mit Bild „Gebrochene Säule“.
Kommunistin neben Königin: Máxima der Niederlande bei Frida-Kahlo-Ausstellung in Assen, 2021, mit Bild „Gebrochene Säule“.PPE via www.imago-images.de

Es gibt diesen Moment in jeder Frida-Kahlo-Ausstellung, in dem eine Besucherin vor der „Gebrochenen Säule“ steht – das Bild sehen Sie im Foto zu diesem Text – und die Tränen fließen. Helga Prignitz-Poda, die wohl wichtigste deutsche Kahlo-Expertin, hat das in einem Interview mit der ARD zu eigentlichen Wirkung der Künstlerin erklärt: Empathie. Es ist ein schöner Gedanke. Und es ist, bei genauerem Hinsehen, der Anfang eines Missverständnisses, aus dem inzwischen ein ganzes Geschäftsmodell geworden ist.

Denn was hier als universelle menschliche Regung gefeiert wird, ist in Wahrheit der emotionale Türöffner einer der erfolgreichsten Verwertungsmaschinen der zeitgenössischen Kulturindustrie. Frida Kahlo, die mexikanische Kommunistin, die 1954 mit Wodka und Demerol im Blut starb, ist heute eine Marke. Eine eingetragene noch dazu – mehrfach.

Akt I: Die Erfindung der Ikone

Als Hayden Herrera 1983 ihre einflussreiche Biografie veröffentlichte und Salma Hayek 2002 die Künstlerin in „Frida“ für Hollywood porträtierte, begann die zweite, posthume Karriere einer Frau, die zu Lebzeiten in Paris vor allem von André Breton bewundert wurde – nicht von Kaufhausketten.

Aus der Malerin wurde eine Ikone, aus der Ikone ein Stilcode, aus dem Stilcode eine Lizenz. Vanity Fair nannte sie einmal eine „politisch korrekte Heldin für jede Minderheit“. Genau das macht sie für den Markt so wertvoll: risikofrei, eindeutig progressiv, sofort erkennbar.

Heute hängt Kahlos Gesicht an Tequila-Flaschen, an Monatsbinden, an Barbie-Puppen und – das ist kein Witz – an Kaffeefiltern. Verantwortlich dafür ist im Wesentlichen die Frida Kahlo Corporation (FKC) mit Sitz in Panama, gegründet 2005 von Kahlos Nichte Isolda Pinedo Kahlo gemeinsam mit dem venezolanischen Geschäftsmann Carlos Dorado.

Die FKC hält allein in den USA rund 16 eingetragene Marken und mehrere EU-Marken („FRIDA KAHLO“, „FRIDA“, „FK“) in Klassen von Bekleidung über Porzellan bis Körperpflege. Sie hat unter anderem mit Mattel (Barbie 2018), Vans (Sneaker-Kollektion 2019), Ulta Beauty (Make-up 2019) und Zara kooperiert.

Pikantes Detail: Die mexikanischen Erbinnen – allen voran Mara Cristina Romeo Pinedo – bestreiten seit 2011 die Legitimität dieser Geschäfte. Ein mexikanisches Gericht stoppte 2018 den Verkauf der „Frida Barbie“, weil die FKC angeblich gar nicht zur Lizenzierung befugt war.

In Florida scheiterte die FKC 2021 mit einer Gegenklage an der Zuständigkeitsfrage. Parallel mahnt das Unternehmen weltweit Etsy- und Amazon-Händler ab – Streitwerte oft im fünfstelligen Bereich. Eine panamaische Holding monetarisiert die Bildrechte einer überzeugten Trotzkistin. Wenn es so etwas wie einen ironischen Zustand des Kapitalismus gibt, dann diesen.

Akt II: Die woke Wiederentdeckung

Inzwischen – und hier wird es bemerkenswert – hat die Vermarktungsmaschinerie ein neues Update bekommen. Nachdem zwei Jahrzehnte lang vor allem Mode, Lifestyle und „Girlboss“-Feminismus an Kahlo verdient haben, entdeckt sie nun ein anderes Lager: die queere, woke, identitätspolitisch sensibilisierte Linke. Die Tagesschau zitiert Prignitz-Poda mit dem Satz, Kahlo sei „ein früher Vorläufer heutiger Diskurse über Geschlechteridentität, Inklusion und LGBTQ“.

Frida Kahlo beim Karneval in Nizza, Frankreich.
Frida Kahlo beim Karneval in Nizza, Frankreich.IMAGO/Bruno Bebert / Bestimage

Das ist nicht falsch. Kahlo hat sich im Herrenanzug fotografieren lassen, sie hatte Affären mit Frauen, sie pfiff auf bürgerliche Geschlechterrollen. Aber es ist eine selektive Lesart, die einen Verdacht nährt: Die Ikone, die in den 2000ern als „starke Frau“ für H&M-Shirts taugte, wird nun für ein neues, ebenso kaufkräftiges Milieu umetikettiert. Das ist legitime Rezeptionsgeschichte – aber es ist eben auch Marketing. Und es funktioniert nur, weil die Künstlerin tot ist und sich nicht mehr wehren kann.

Bezeichnend, dass selbst seriöse Lateinamerikanistinnen und Kunsthistorikerinnen wie Prignitz-Poda diese Lesart bedienen. Ihre Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau 2010 brachte 235.000 Besucher; ihre Bücher erscheinen bei Prestel und Schirmer/Mosel.

Niemand soll Frau Prignitz-Poda etwas unterstellen – ihre wissenschaftliche Arbeit ist verdienstvoll. Aber es lohnt zu fragen, warum auch das akademische Feld an einer Mythologisierung mitarbeitet, von der Verlage, Museen, Tourismusbüros und nicht zuletzt die Kuratorinnen selbst profitieren.

Akt III: Der Skandal – „Viva Frida“ im Friedrichshain

Das größte Verbrechen am Erbe der Frida Kahlo aber war keine Barbie und kein Vans-Sneaker. Es war eine sogenannte „immersive“ Ausstellung, wie sie in den vergangenen Jahren auch in Berlin-Friedrichshain Station machte. Projektionen, Soundkulisse, Instagram-Wände, Eintritt zwischen 20 und 30 Euro, am Ausgang ein Shop. Kein Originalwerk. Kein Kontext. Kein Kommunismus, kein Trotzki, kein Schmerz, der nicht ästhetisiert worden wäre. Frida Kahlo, in eine Lichtinstallation aufgelöst, damit sich Selfies davor besser machen.

Das ist nicht nur Kitsch. Das ist die endgültige Entkernung einer Künstlerin, deren Werk seine Wucht aus genau jener Materialität bezog, die ein Beamer gar nicht zeigen kann: dem dünnen Pinselstrich auf Masonit, dem rohen Befund eines vermessenen Körpers. Aus Kunst wird Erlebnisgastronomie. Aus einer politischen Biografie wird ein Bewegtbild-Tapeten-Muster. Und das alles unter dem Label „Bildung“ und „Empowerment“.

Akt IV: Die zynische Romantisierung

Es kommt aber noch härter. Frida Kahlo war eine schwerstverletzte Frau. Mit sechs Polio, mit achtzehn ein Busunfall, der ihr Becken und ihre Wirbelsäule an mehreren Stellen brach. Über dreißig Operationen. Chronische Schmerzen, die ab den späten 1930er Jahren in einen verfestigten Konsum von Opioiden und Alkohol mündeten – in den 1940ern Krankenhausaufenthalte wegen Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. Sie starb 1954 vermutlich an einer Überdosis.

Und an der Seite dieser kranken, abhängigen, oft hilflosen Frau steht in fast jeder Erzählung – auch in der Tagesschau – Diego Rivera. 21 Jahre älter, etabliert, mächtig, notorisch untreu, sogar mit Fridas eigener Schwester. Die Ehe wird als „leidenschaftlich, kompliziert“ beschrieben. Eine „schwierige Beziehung“. Die Tagesschau formuliert es so: „Sie trennten sich, blieben einander aber dennoch verbunden.“

Die Romantisierung mutmaßlich sexueller Gewalt

Das ist sprachlich elegant und sachlich nicht falsch. Aber es ist, mit Verlaub, eine erstaunliche Form der Romantisierung. Eine massive körperliche, emotionale und ökonomische Asymmetrie, ein älterer mächtiger Mann, der eine schwer kranke, abhängige Frau über Jahrzehnte demütigt, betrügt und gleichzeitig zur Muse stilisiert – das hätte in jedem anderen Kontext heute mindestens eine Triggerwarnung verdient. Im Fall Kahlo wird daraus „obsessive Liebe“ und Stoff für Hollywood-Küsse.

Und hier offenbart sich eine Doppelmoral, die genauer hinzusehen lohnt. Dasselbe progressive Milieu, das gerade in den Fällen Christian Ulmen, Collien Ulmen-Fernandes und ähnlichen Debatten zu Recht jede asymmetrische Konstellation seziert, das jedes Machtgefälle benennt – dieses Milieu drückt bei Kahlo und Rivera ein Auge zu. Dort: Verurteilung. Hier: feuchte Augen vor dem doppelten Selbstporträt.

Küche in der Casa Azul Frida Kahlos in Mexiko-Stadt.
Küche in der Casa Azul Frida Kahlos in Mexiko-Stadt.IMAGO/Apolline Guillerot-Malick / SOPA

Warum? Weil Kahlo eine Marke ist, die funktioniert. Weil ihre Biografie zu wertvoll ist, um sie konsequent durch dasselbe Raster zu schicken, das man anderswo anlegt. Weil eine Heilige eben keine Co-abhängige sein darf.

Freiheit für Frida!

Frida Kahlo war eine außergewöhnliche Malerin. Eine außergewöhnliche Figur. Eine politisch wache, sprachgewaltige, mutige Frau. Und sie war: eine kranke, leidende, oft verzweifelte, vermutlich missbrauchte und sicher abhängige Person, die ihre Bilder in der einzigen Position gemalt hat, die ihr Körper noch zuließ.

Sie war keine Barbie. Sie war keine queere Heilige. Sie war keine Sneaker-Kollektion und schon gar keine Lichtinstallation in Friedrichshain. Sie war auch keine Vorlage für die romantische Lüge, eine Jahrzehnte währende Beziehung zu einem dominanten Mann sei eben „kompliziert“ gewesen.

Das eigentliche Erbe Kahlos liegt nicht in dem, was wir aus ihr machen. Es liegt in den Bildern, die sie hinterlassen hat – schonungslos, naiv im besten Sinne, politisch, körperlich, schmerzhaft. Ihnen würde man am ehesten gerecht, indem man sie wieder als das betrachtet, was sie sind: Werke. Nicht Merchandise. Nicht Lifestyle. Nicht Identitätsangebot.

Aber so lange sich mit ihrer Naivität, ihrer Ironisierung und ihrem Leid weiterhin so viel Geld verdienen lässt – von Lizenzgebern in Panama bis zu Kuratorinnen in Berlin, von Fast-Fashion-Ketten bis zu „immersiven“ Veranstaltern –, wird diese Frau auch im Tod keine Ruhe finden.

Vielleicht, nur so ein Gedanke, sollte man ihr sie endlich gönnen.

Harald Neuber ist Nachrichtenchef der Berliner Zeitung und der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung. Neuber studierte Lateinamerikanistik sowie Altamerikanistik an der FU Berlin. Ende der 1990er-Jahre lebte er für längere Zeit im Süden Mexikos und arbeitete als Volontär in einem Museum in San Cristóbal de las Casas, Chiapas.