Die Lage des vor Niendorf gestrandeten Buckelwals ist weiter kritisch. Auch das nächtliche Hochwasser hat dem Tier nicht geholfen: Der etwa zehn Meter lange Meeressäuger konnte sich nach Angaben der Polizei nicht aus eigener Kraft aus dem flachen Wasser befreien. Einsatzkräfte setzen ihre Bemühungen fort, doch die Erfolgsaussichten bleiben ungewiss.
Seit Montag versuchen Helfer, den Wal von einer Sandbank in tieferes Wasser zu bewegen. Beteiligt sind Polizei, Feuerwehr, freiwillige Kräfte sowie Fachleute des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Unterstützt wird der Einsatz durch Boote und Drohnen.
Rettung an physikalischen Grenzen
Die Schwierigkeiten sind grundlegend: Wale sind an den Auftrieb des offenen Meeres angepasst. Gerät ein mehrere Tonnen schweres Tier ins Flachwasser, lastet sein Gewicht auf den Organen. Das kann innerhalb kurzer Zeit zu schweren Schäden führen.

Gleichzeitig sind Rettungsversuche heikel. „Man kann versuchen, ein Tier mit Booten oder Hilfsmitteln in Bewegung zu bringen, aber jeder Eingriff bedeutet Stress“, heißt es aus Fachkreisen. Unkoordinierte Aktionen oder zu große Nähe könnten die Situation verschärfen. Deshalb ist der Bereich vor Niendorf abgesperrt.
Warum ein Buckelwal in die Ostsee gerät
Dass sich ein Buckelwal in die Ostsee verirrt, ist ungewöhnlich, aber kein Einzelfall. Heimisch ist hier nur der Schweinswal, eine deutlich kleinere Art. Größere Wale tauchen meist als sogenannte Irrgäste auf.
Als wahrscheinlichste Ursache gilt die Nahrungssuche: Große Wale folgen Fischschwärmen und können dabei in die vergleichsweise engen und flachen Gewässer der Ostsee gelangen. Auch Störungen der Orientierung, etwa durch Unterwasserlärm, werden diskutiert. Zudem gelten junge Tiere als anfälliger für solche „Fehlrouten“.
Im aktuellen Fall gehen Meeresschützer davon aus, dass es sich um einen jungen männlichen Buckelwal handelt. Diese Tiere sind häufig allein unterwegs. Hinweise deuten darauf hin, dass derselbe Wal bereits Anfang März im Hafen von Wismar beobachtet wurde – möglicherweise damals schon geschwächt.
Die Ostsee als Risikoraum für Großwale
Die geografischen Bedingungen der Ostsee verschärfen das Problem: Viele flache Bereiche, Sandbänke und enge Passagen machen es großen Meeressäugern schwer, sich zu orientieren. Anders als im offenen Atlantik gibt es kaum Ausweichräume.
Dass solche Vorfälle in den vergangenen Jahren häufiger dokumentiert wurden, hängt auch mit der Entwicklung der Walbestände zusammen. Nach letzten Erhebungen leben rund 1,4 Millionen Wale, Delfine und Schweinswale im europäischen Atlantikraum.
Mit zunehmenden Beständen steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Tiere in ungeeignete Lebensräume vordringen. Viele finden den Weg zurück in die Nordsee – einige jedoch nicht.
Was jetzt noch möglich ist
Für den Wal vor Niendorf bleibt die Hoffnung auf äußere Faktoren: ausreichend Wasserstand, günstige Lage, genug Kraft des Tieres. Technische Maßnahmen können nur begrenzt unterstützen.
Die Einsatzkräfte stehen damit vor einer typischen Situation im Umgang mit Großtieren in Not: Sie können helfen – aber nicht beliebig eingreifen.
Wie sich die Lage entwickelt, hängt in den kommenden Stunden vor allem von den natürlichen Bedingungen ab. Der Einsatz vor Timmendorfer Strand geht unterdessen weiter.

