Belgiens Premierminister Bart De Wever hat die EU aufgefordert, ein Mandat ihrer Mitgliedstaaten für direkte Verhandlungen mit Russland einzuholen. Europa sei weder in der Lage, Wladimir Putin militärisch durch Waffenlieferungen an die Ukraine zu bedrohen, noch könne es ihn ohne die Unterstützung der USA wirtschaftlich in die Knie zwingen, sagte De Wever der belgischen Zeitung L'Echo. „Es bleibt nur noch eine Methode: einen Deal zu machen.“
De Wever zweifelt dabei offen an der Loyalität Washingtons. Die USA stünden nicht vollständig auf der Seite Kyjiws und wirkten bisweilen „näher bei Putin“ als beim ukrainischen Staatschef. Ohne eigenes Verhandlungsmandat werde die EU bei einem möglichen Abkommen, das die Amerikaner der Ukraine aufdrängten, nicht am Tisch sitzen. „Und ich kann jetzt schon sagen, dass es ein schlechtes Abkommen für uns sein wird“, so der belgische Regierungschef.
Russland in die Knie zu zwingen sei nur mit „hundertprozentiger Unterstützung der USA“ möglich, erklärte De Wever. Er hatte bereits zuvor die Erwartung, Russland könne den Krieg verlieren, als „Illusion“ bezeichnet.
Kallas setzt auf Druck statt auf frühe Gespräche
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas widerspricht De Wevers Linie grundlegend. Sie argumentiert, die EU müsse zunächst intern klären, welche Erwartungen sie an Russland stellt, bevor sie direkt auf Putin zugehe. In einem Diskussionspapier an die EU-Hauptstädte skizzierte Kallas weitreichende Forderungen: unter anderem einen russischen Truppenabzug, die Begrenzung der russischen Streitkräfte, die Rückgabe verschleppter ukrainischer Kinder sowie faire Wahlen in Russland.
Kallas warnt davor, Russlands „maximalistische Forderungen“ – etwa die vollständige Kontrolle über den Donbas – mit einer „minimalistischen“ europäischen Antwort zu beantworten. Moskau habe es trotz jahrelanger Kämpfe nicht geschafft, den Donbas vollständig zu erobern. Sie sieht Russland wirtschaftlich und militärisch geschwächt und plädiert dafür, den Druck aufrechtzuerhalten, damit der Kreml überhaupt zu substanziellen Zugeständnissen bereit ist.
Macron sucht den Mittelweg
Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Er versucht seit Anfang 2026, eine eigenständige europäische Gesprächsschiene zu Putin aufzubauen – ausdrücklich in Abstimmung mit Selenskyj und den wichtigsten EU-Partnern. Paris hat dazu bereits den engen Berater Emmanuel Bonne zu Gesprächen nach Moskau entsandt. Der Kreml bestätigte „Arbeitskontakte“ und signalisierte grundsätzliche Gesprächsbereitschaft.
Macron betont, die Gespräche sollten „ohne Naivität“ geführt werden. Europa dürfe es nicht zulassen, dass die Verhandlungen über die Zukunft der Ukraine komplett „Dritten“ überlassen würden.
Eingefrorene russische Milliarden als Streitpunkt
Ein weiterer Hintergrund für De Wevers Position: Über die belgische Finanzplattform Euroclear liegt der Großteil der rund 210 Milliarden Euro an eingefrorenen russischen Zentralbank-Vermögenswerten in Belgien. De Wever hat sich wiederholt dagegen gestellt, diese Gelder direkt für die Ukraine zu verwenden. Er warnt vor rechtlichen Risiken und möglichen russischen Gegenmaßnahmen gegen Belgien und das europäische Finanzsystem. Ende 2025 blockierte Belgien unter seiner Führung die Nutzung dieser Vermögenswerte für einen Ukraine-Kredit.
Ukrainische und einige europäische Medien verweisen zudem auf frühere Russland-Reisen De Wevers und stellen die Frage, ob er russischen Interessen entgegenkomme.
Richtungsstreit in der EU
De Wevers Vorstoß offenbart einen tiefen Riss innerhalb der EU. Osteuropäische Staaten und Kyjiw werten seinen Vorschlag als Signal europäischer Schwäche. Sie argumentieren, Russland verhandle nur unter starkem militärischem Druck. Kallas' Maximalforderungen stoßen wiederum bei anderen Mitgliedstaaten auf Skepsis – sie gelten als zu weitgehend und schwer durchsetzbar.
Im Kern dreht sich der Streit um drei Fragen: Soll die EU stärker auf Verhandlungen statt auf militärische Unterstützung setzen? Dürfen eingefrorene russische Vermögenswerte zur Finanzierung der Ukraine herangezogen werden? Und welche Rolle spielen die USA bei einem möglichen Friedensdeal – als Partner oder als Akteur, der Europa an den Rand drängt?

