AU-Gipfel

Afrikanische Union und Entwicklungsbank drängen auf visafreien Kontinent

Mehr als die Hälfte aller innerafrikanischen Reisen erfordert derzeit noch immer ein Visum. Was sich ändern soll – und welche Folgen das für Europa hätte.

Reisen innerhalb des afrikanischen Kontinents soll in Zukunft leichter werden.
Reisen innerhalb des afrikanischen Kontinents soll in Zukunft leichter werden.Konstantin Postumitenko/imago

Die Afrikanische Union (AU) und die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB) fordern die Mitgliedstaaten des Kontinents mit wachsendem Nachdruck auf, Visabeschränkungen abzubauen. Wie die Entwicklungsbank in einer Mitteilung am Mittwoch bekanntgab, erneuerten Entscheidungsträger, Wirtschaftsvertreter und Entwicklungsorganisationen auf einem gemeinsamen Symposium am Rande des 39. AU-Gipfels in Addis Abeba, dass die Freizügigkeit von Personen der fehlende Baustein in Afrikas Integrationsagenda sei.

Laut dem gemeinsam von AU und AfDB herausgegebenen Africa Visa Openness Index benötigen Reisende bei mehr als der Hälfte aller innerafrikanischen Reisen weiterhin ein Visum vor der Abreise – ein Zustand, den Vertreter beider Institutionen als gravierendes Hindernis für Handel, Investitionen und wirtschaftliche Entwicklung bezeichnen.

So erklärte Alex Mubiru, Generaldirektor der AfDB für Ostafrika, laut der AfDB-Mitteilung, visafreies Reisen, interoperable digitale Systeme und integrierte Märkte seien praktische Voraussetzungen für Unternehmertum, Innovation und regionale Wertschöpfungsketten. „Die Fakten sind eindeutig. Die ökonomischen Argumente sprechen für Offenheit. Die menschliche Dimension verlangt sie“, fügte Mubiru demnach hinzu und forderte die Staaten auf, von schrittweisen Reformen zu einem grundlegenden Wandel überzugehen.

Die ehemalige AU-Kommissionsvorsitzende Nkosazana Dlamini-Zuma unterstrich laut derselben AfDB-Mitteilung, Freizügigkeit sei ein zentrales Element der langfristigen Entwicklungsstrategie Agenda 2063. „Wenn wir akzeptieren, dass wir Afrikaner sind, dann müssen wir uns frei auf unserem Kontinent bewegen können“, sagte sie und forderte die Umsetzung eines gemeinsamn Afrikanischen Passes und des Protokolls zur Freizügigkeit.

Ghana profitiert bereits von Öffnung

Ghanas Handelsministerin Elizabeth Ofosu-Adjare berichtete laut AfDB von den Erfahrungen ihres Landes als Vorreiter offener Visapolitik: Mehr Geschäftsreisen, Tourismus und Investoreninteresse seien frühe Ergebnisse der Öffnung. Ruandas Handelsminister Prudence Sebahizi betonte laut der AU-Pressemitteilung vom Februar 2025: „Waren bewegen sich nicht von selbst – Menschen bewegen sie.“ Freizügigkeit müsse das Rückgrat der Integration unter der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone (AfCFTA) sein.

Der Africa Visa Openness Index zeigt laut beiden Mitteilungen zwar Fortschritte einzelner Länder wie Ruanda, Gambia, die Seychellen, Benin und Ghana – insgesamt bleibe der Fortschritt jedoch langsam. AU-Kommissar Albert Mudenda Muchanga kritisierte laut einer AU-Pressemitteilung den Widerspruch zwischen Integrationszielen und der Realität restriktiver Visaregeln. „Wir können nicht von einem vereinten Afrika sprechen, wenn Afrikaner sich nicht frei auf ihrem eigenen Kontinent bewegen können“, sagte er.

Folgen von Visafreiheit in ganz Afrika für Europa

Eine vollständige Visafreiheit auf dem gesamten afrikanischen Kontinent hätte auch weitreichende Auswirkungen auf Europa. Aus handelspolitischer Sicht könnte ein visafreier afrikanischer Binnenmarkt den innerafrikanischen Handel erheblich stärken, der bislang mit nur rund 15–18 Prozent des gesamten afrikanischen Handelsvolumens weit unter dem Niveau anderer Regionen liegt.

Ein wirtschaftlich stärker integriertes Afrika würde europäischen Unternehmen größere, einheitlichere Absatzmärkte bieten und Lieferketten vereinfachen, was insbesondere im Zusammenspiel mit der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone (AfCFTA) erhebliche Wachstumspotenziale freisetzen könnte.

Gleichzeitig könnte eine erhöhte innerafrikanische Mobilität auch die irreguläre Migration Richtung Europa verstärken, da Menschen leichter in nordafrikanische Transitländer gelangen würden. Studien der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zeigen allerdings, dass der Großteil afrikanischer Migration innerhalb des Kontinents stattfindet und verbesserte wirtschaftliche Perspektiven durch Freizügigkeit den Migrationsdruck Richtung Europa langfristig auch senken könnten.

Europa stünde somit vor einem Abwägungsprozess: Kurzfristige migrationspolitische Risiken gegen langfristige wirtschaftliche und geopolitische Vorteile eines prosperierenden, besser vernetzten Afrikas.