Nordamerika

Abkehr von USA: Kanada will bei britisch-italienisch-japanischem Kampfjet-Programm einsteigen

Ottawa strebt einem Medienbericht zufolge einen Beobachterstatus beim GCAP-Projekt an. Hintergrund sind Bemühungen, „die Verteidigungsbeschaffung zu diversifizieren“.

Auf der Farnborough International Airshow in Hampshire (England) wurde ein GCAP-Modell in Originalgröße präsentiert.
Auf der Farnborough International Airshow in Hampshire (England) wurde ein GCAP-Modell in Originalgröße präsentiert.Malcolm Park/Avalon/imago

Kanada bemüht sich um eine Aufnahme in das Global Combat Air Programme (GCAP), das gemeinsame Kampfflugzeugprojekt der nächsten Generation von Großbritannien, Italien und Japan. Wie die Financial Times unter Berufung auf drei interne Quellen berichtet, hat Ottawa bereits einen formellen Antrag an London gerichtet. Schreiben an Tokio und Rom sollen in Kürze folgen.

Kanada strebt demnach zunächst einen Beobachterstatus an, der dem Land Zugang zu bestimmten vertraulichen Projektinformationen gewähren würde. Auf dieser Grundlage könnte Ottawa zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden, ob es als Käufer oder als Entwicklungspartner am Programm teilnimmt. Ein kanadischer Regierungsvertreter erklärte gegenüber der Financial Times, die Initiative sei Teil der Bestrebungen, „die Verteidigungsbeschaffung zu diversifizieren und Partnerschaften mit gleichgesinnten Verbündeten auszubauen“.

Über die Aufnahme Kanadas könnte bei einem Treffen im Juli entschieden werden. Mit dem Programm vertraute Beamte bezeichneten eine Zustimmung als „sehr wahrscheinlich“, räumten jedoch ein, dass es unter den drei Gründungsnationen zuvor Meinungsverschiedenheiten über eine Erweiterung der Gruppe gegeben habe. Insbesondere japanische Vertreter zeigten sich zurückhaltend, da sie zusätzliche Verzögerungen befürchten.

Distanz zu Washington als Motiv

Hinter dem kanadischen Vorstoß steht der Wunsch, sich stärker von den USA abzugrenzen. Premierminister Mark Carney hat angesichts der Spannungen mit der Trump-Regierung eine Überprüfung des geplanten Kaufs von 72 US-amerikanischen F-35-Kampfjets angeordnet. 16 Maschinen sollen zwar noch geliefert werden, doch die restliche Bestellung steht laut Financial Times auf dem Prüfstand. Gleichzeitig plant Ottawa, die Verteidigungsausgaben bis zum Jahr 2035 auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben – der größte militärische Aufbau des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg.

Das GCAP wurde 2022 von Großbritannien, Japan und Italien ins Leben gerufen, um laut Financial Times die Abhängigkeit von US-amerikanischen F-35-Kampfjets zu verringern und die Kontrolle über Technologien für moderne Luftkriegsführung zu sichern.

Das Programm zielt darauf ab, bis zum Jahr 2035 ein Kampfflugzeug der nächsten Generation zu liefern, das über fünf Einsatzbereiche hinweg operieren soll: Luft, Land, See, Weltraum und Cyberraum. Die beteiligten Rüstungsunternehmen – BAE Systems (Großbritannien), Leonardo (Italien) und Japan Aircraft Industrial Enhancement Co. Ltd. – haben sich dazu im Industriekonsortium Edgewing zusammengeschlossen.

GCAP zieht wachsendes internationales Interesse auf sich

Kanada ist nicht das einzige Land mit Interesse am GCAP. Laut Vertretern der drei Gründungsnationen haben auch Australien, Saudi-Arabien, Polen, Singapur, Schweden und Deutschland Interesse signalisiert. Ein Projektkenner geht laut Financial Times davon aus, dass angesichts absehbarer Finanzierungsprobleme und Kostenüberschreitungen tatsächlich mindestens sechs weitere Partner aufgenommen werden müssten. Zugleich gilt es als wahrscheinlich, dass der angestrebte Liefertermin 2035 nicht eingehalten wird.

Parallel dazu gerät das europäische Konkurrenzprojekt FCAS (Future Combat Air System) von Deutschland, Frankreich und Spanien zunehmend unter Druck. Wie Euractiv berichtet, ist das Programm wegen eines Streits zwischen Berlin und Paris ins Stocken geraten.

Eine von deutscher Seite vorangetriebene Lösung sieht vor, die Kampfflugzeugkomponente aus dem FCAS herauszulösen und getrennt zu entwickeln. Auch Indien prüft laut einem Bericht des indischen Verteidigungsausschusses, sich einem der beiden europäischen Programme anzuschließen, um bei der Entwicklung von Kampfflugzeugen der sechsten Generation nicht den Anschluss zu verlieren.