Protest

Xavier Naidoo und der tiefe Abgrund: Eine Spurensuche auf der Berliner Demo

Rund 600 Menschen folgen dem Aufruf des Sängers an die Siegessäule. Wer sind die Teilnehmer und warum vermischen sich hier reale Verbrechen mit esoterischen Mythen?

Mit Kapuze und Sonnenbrille in der Menge: Xavier Naidoo rief zu der Demonstration an der Berliner Siegessäule auf und trat als Hauptredner vor die rund 600 Teilnehmer.
Mit Kapuze und Sonnenbrille in der Menge: Xavier Naidoo rief zu der Demonstration an der Berliner Siegessäule auf und trat als Hauptredner vor die rund 600 Teilnehmer.Fabian Sommer/dpa

Die Frühlingssonne scheint auf den Großen Stern in Berlin-Tiergarten, doch die Themen, die hier an diesem Samstagnachmittag verhandelt werden, könnten düsterer kaum sein. Etwa 600 Menschen haben sich laut eines Sprechers der Berliner Polizei gegen 14 Uhr an der Siegessäule versammelt. Viele schwenken Deutschlandflaggen. Die Polizei hatte im Vorfeld mit bis zu 1000 Teilnehmenden gerechnet. Zwei Stunden lang sollen hier Reden gehalten und Musik gespielt werden, bevor der Zug in Richtung Regierungsviertel aufbricht. Es ist eine Demonstration, die offiziell Aufklärung im internationalen Epstein-Komplex fordert, in der Realität jedoch ein Sammelbecken für unterschiedlichste Milieus bildet – von Menschen, die sich gesellschaftlich abgehängt fühlen, bis hin zu bekannten Akteuren der extremen Rechten.

Eine Mischung aus Frust und Verschwörungsglaube

Mitten in der Menge steht Carolin, 60 Jahre alt, aus der Region Frankfurt. Sie beschreibt sich als Betroffene von Missbrauch vor 45 Jahren. „Ich weiß, wie schwierig es ist, damit zu leben, nicht ernstgenommen zu werden“, sagt sie. Ihre gesellschaftliche Unzufriedenheit reicht jedoch weiter. „Ich bin in der Coronazeit angegriffen worden, weil ich maskenbefreit bin“, erzählt sie. Daraufhin schloss sie sich mit anderen zur Initiative „Frauen laufen“ zusammen. Dass auf der heutigen Demonstration auch Männer Präsenz zeigen, begrüßt sie ausdrücklich.

Im Gespräch mit Carolin vermischen sich persönliche Erlebnisse mit globalen Verschwörungserzählungen. Auf Mythen über angebliche satanische Rituale angesprochen, entgegnet sie: „Was das Menschenfleisch-Essen angeht – das weiß ich nicht, kann sein. Für mich ist die Erde immer noch rund.“

Dennoch hält sie die Theorie der systematischen Adrenochrom-Gewinnung (laut dieser unbelegten Verschwörungserzählung aus dem QAnon-Milieu soll eine geheime globale Elite angeblich Kinder foltern, um aus deren Blut das Stoffwechselprodukt Adrenochrom als Verjüngungsdroge zu gewinnen) für plausibel: „Adrenochrom ist keine neue Sache, das gibt es im Sport schon lange. Epstein ist für uns wichtig, es hat Aufmerksamkeit auf unsere Sache gelenkt.“

Sie zeigt sich enttäuscht von der Politik. „Ich wünsche mir von Politikern, dass sie sich nicht hinter Macht verstecken und das Thema Missbrauch an Kindern ansprechen, dem Thema Bedeutung zumessen.“

Carolin, die in der Schweiz aufgewachsen ist, schwärmt vom deutschen Grundgesetz: „Ich habe mir das Grundgesetz angesehen, es ist das beste auf der Welt. Deswegen kann man stolz auf Deutschland sein, befreit von jedem Nationalismus. Die vielen Flaggen stören mich deswegen nicht!“ Dass sie und ihre Mitstreiter oft kritisch beäugt werden, missfällt ihr. „Es ärgert mich, dass das mit Rechts in einen Topf geworfen wird.“

Carolin ist extra aus Frankfurt angereist, um auf das Thema Missbrauch aufmerksam zu machen.
Carolin ist extra aus Frankfurt angereist, um auf das Thema Missbrauch aufmerksam zu machen.BLZ.

Dass diese Einordnung durch Beobachter jedoch nicht von ungefähr kommt, zeigt ein Blick auf andere Teilnehmer. Unter den Anwesenden ist auch Ex-AfD-Politiker Bernd Pachal. Er fordert lautstark, „dass die Bundesregierung und die Landesregierungen entschlossene Schritte unternehmen, die Verbrechen dieses Epstein aufzuklären, und zwar soweit sie in den Grenzbereich des Grundgesetzes hineinreichen.“

Wer Pachal ist, lässt sich durch einen Blick in die Archive nachvollziehen. Er war stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD in Marzahn-Hellersdorf und wurde aus dem Dienst der Bundespolizei entlassen. Der gerichtlich bestätigte Grund: Er hatte den Holocaust relativiert und den NS-Kriegsverbrecher Reinhard Heydrich gelobt.

Das sieht Pachal anders, sein letztes Statement lautet: „Alles, was im Internet über mich steht, ist nicht wahr.“

Bernd Pachal steht mit Hut und einer zusammengerollten Deutschlandfahne inmitten der Menschenmenge.
Bernd Pachal steht mit Hut und einer zusammengerollten Deutschlandfahne inmitten der Menschenmenge.BLZ.

Xavier Naidoo und der Blick in den Abgrund

Der Hauptredner der Veranstaltung ist der Mann, der zu der Demonstration aufgerufen hat: Xavier Naidoo. Zuvor hatte er dem Publikum von eigenen Missbrauchserfahrungen im Alter von acht Jahren in Südafrika berichtet – eine halbe Stunde, die sein Leben verändert habe. Was genau ihm damals widerfahren ist, bleibt unklar.

Dann eröffnet er die Kundgebung mit einer emotionalen Rede und verweist auf eine Dokumentation des Hessischen Rundfunks aus den frühen Zweitausenderjahren. „Eine öffentlich-rechtliche Doku hat mich auf diesen Abgrund überhaupt erst aufmerksam gemacht“, ruft er der Menge zu. „Es ist sehr schade und traurig, dass die Medien jetzt eine Dokumentation aus 2001 einfach totschweigen wollen.“ Dies habe ihn angetrieben, die Thematik tiefer zu erforschen.

Naidoo berichtet von Begegnungen mit Menschen, die sich ihm als Betroffene anvertraut hätten, da die Täter „ja auch noch da sind und eine gewisse Macht über die Opfer haben“. Er schildert eindrücklich eine Begegnung: „Es gab einen Fall von einem Mann, der hat mich eine Viertelstunde hier in den Bizeps gedrückt mit einem Schmerz und hat mir tief in die Augen geschaut und hat mir mehr oder weniger detailliert beschrieben, was in gewissen Ritualen stattfindet.“ Für Naidoo steht fest, dass er diesen Berichten uneingeschränkt glauben muss: „Ich glaube, ich bin ein hochempathischer Mensch und ich weiß und spüre, wenn jemand die Wahrheit sagt.“

Vor dem Publikum bittet er zudem um Nachsicht für seine jüngsten Auftritte im Netz. „Vergebt mir, wenn ich vor ein paar Wochen vielleicht ein bisschen harsch war“, sagt er sichtlich bewegt. „Meine Mutter ist einen Tag vorher verstorben, ich war nicht unbedingt in der besten Verfassung. Und dieses Thema reibt mich natürlich auch auf.“

Zwischen realen Skandalen und blinden Flecken

In seiner Ansprache verknüpft Naidoo persönliche Betroffenheit mit massiver Medien- und Systemkritik. Dann richtet er den Fokus auf eine Spur, die den Epstein-Komplex tatsächlich mit Deutschland verbindet. „Es gibt einen Mäzen aus Heidelberg, Henry Jarecki, der sehr gut befreundet mit Jeffrey Epstein war“, sagt Naidoo. Auch die Finanzwelt nimmt er ins Visier: „Ich glaube, die Deutsche Bank könnte man da mal vielleicht in Betracht ziehen, denn die hat Jeffrey Epstein 40 Konten zur Verfügung gestellt.“

Er schließt seine Rede mit einem direkten Appell an die Presse. „Und ich denke, unsere Medien können, außer sich auf die Überbringer dieser furchtbaren Nachricht zu stürzen, vielleicht tatsächlich mal ihre Arbeit machen und in diese Dinge reingehen mit den großen Budgets, die sie haben, und vielleicht diese Dinge für uns aufarbeiten.“

Es ist genau diese Mischung, die den Nachmittag am Großen Stern so unübersichtlich macht. Reale Verbrechen und tatsächliche Verbindungen von Eliten zu Straftätern wie Epstein stehen unkommentiert neben esoterischen Glaubenssätzen, abstrusen Mythen über Eliten und der offenen Präsenz von Rechtsextremen. Nach Worten des Danks an die Polizei und die Technikhelfer macht sich der Zug am Nachmittag auf den Weg in Richtung Regierungsviertel.