Infrastruktur

Mautdaten zeigen: Immer noch fahren Busse und Lkw über marode Brücke in Mitte

Ermüdungsrisse, schwingende Bleche: Die Neue Gertraudenbrücke ist angeschlagen. Jetzt zeigen aktuelle Mautdaten, dass ein Stressfaktor andauert.

Das Verkehrszeichen ist unmissverständlich. Trotzdem befahren immer wieder Busse und Lastwagen die Neue Gertraudenbrücke.
Das Verkehrszeichen ist unmissverständlich. Trotzdem befahren immer wieder Busse und Lastwagen die Neue Gertraudenbrücke.Peter Neumann/Berliner Zeitung

Ein Verbot? Egal! Obwohl die Neue Gertraudenbrücke für schwere Fahrzeuge tabu ist, wird sie weiterhin von Lastwagen befahren. Das zeigen Daten von Toll Collect, dem Unternehmen, das für den Bund das deutsche Lkw-Mautsystem betreibt. „Für ein vorgeschädigtes Bauwerk sind 2500 Befahrungen im Monat immer noch eine relevante Belastung“, teilte ein Experte der Berliner Zeitung mit.

Deutschlands Infrastruktur bröckelt, bröselt – und manchmal gibt sie auch merkwürdige Geräusche von sich, wie die Neue Gertraudenbrücke in Mitte. „Man kann hören, wie die Bleche schwingen und wie sie sich beulen“, sagt ein Fachmann der Senatsverkehrsverwaltung.

Offenbar wurden bei dem 34 Meter breiten Bauwerk, das aus einem Stahlträgerrost und einer Fahrbahnplatte besteht, zu dünne Bleche verwendet. Passieren schwere Fahrzeuge, biegt es durch. „Zudem gibt es Hinweise auf Ermüdungsrisse von Schweißnähten der Längsträger an der Unterseite“, teilte der Senat am 19. Dezember mit. Deshalb dürfe die Brücke ab sofort nur noch von Fahrzeugen, die maximal 3,5 Tonnen wiegen, genutzt werden, hieß es. Auch Busse sind betroffen.

Teil einer wichtigen Straßenverbindung in der City Ost

Die Neue Gertraudenbrücke, die unweit vom Spittelmarkt über den Spreekanal führt, gehört zur am stärksten befahrenen Ost-West-Verbindung in der östlichen Innenstadt. Dabei leidet der Verkehr auf der Bundesstraße 1 zwischen Potsdamer Platz und Alexanderplatz bereits darunter, dass eine Hälfte der maroden Mühlendammbrücke abgebrochen werden musste. Stau ist in diesem Bereich die Regel.

Die Verkehrszeichen sind unmissverständlich: Für Fahrzeuge, die schwerer als 3,5 Tonnen sind, ist die Neue Gertraudenbrücke tabu. Doch die Daten von Toll Collect zeigen: „Sie wird trotzdem befahren.“ So fasst ein Experte die Lage auf diesem Straßenabschnitt zusammen.

Die Visualisierung zeigt, wie der Bereich künftig aussehen wird. Die Uferwege werden angehoben, Fußgänger queren die Gertraudenstraße künftig nicht mehr unterirdisch, sondern an einer Ampel. Im Hintergrund die Neue und die Alte Gertraudenbrücke.
Die Visualisierung zeigt, wie der Bereich künftig aussehen wird. Die Uferwege werden angehoben, Fußgänger queren die Gertraudenstraße künftig nicht mehr unterirdisch, sondern an einer Ampel. Im Hintergrund die Neue und die Alte Gertraudenbrücke.Visualisierung: sbp Schlaich Bergermann Partner

Ein Blick ins Verkehrsportal von Toll Collect zeige, dass die Maßnahme nur bedingt wirkt. Zwar seien weniger Lkw unterwegs als früher, so der Datenexperte. Die Zahl schwerer Kraftfahrzeuge, die mehr als 18 Tonnen wiegen, sei „deutlich zurückgegangen“, so der Fachmann. Doch die Daten führten vor Augen, dass auf der Brücke weiterhin Lastwagen unterwegs sind. „Ein Befund, der nachdenklich stimmt“, meint er. Ortstermine zeigen, dass auch Reisebusse über die Brücke fahren.

„Natürlich kann es Ausnahmegenehmigungen geben. Lieferverkehre. Sondersituationen. Aber die Größenordnung legt nahe, dass es nicht nur Einzelfälle sind. Hier geht es nicht um Symbolpolitik. Es geht um ein Bauwerk mit bekannten strukturellen Schäden und um die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung“, mahnt der Mautdaten-Experte.

Brückenprüfung soll Mitte März 2026 beginnen

„Wenn Berufskraftfahrer aus Zeitdruck, Gewohnheit oder Navigationsfehlern  Sperrungen ignorieren, ist das kein Kavaliersdelikt. Es ist eine zusätzliche Belastung für ein geschädigtes Bauwerk und letztlich ein Risiko für alle Verkehrsteilnehmenden“, warnte er.

Verkehrsdaten seien nicht nur Analyseinstrumente, erklärte der Experte. „Sie machen Regelverstöße sichtbar. Und sie zeigen, wo Kontrolle oder Kommunikation offensichtlich nicht ausreichen.“

Die Neue Gertraudenbrücke führt seit 1977 unweit vom Spittelmarkt in Mitte über den Spreekanal. Der Uferweg kreuzt heute unterirdisch.
Die Neue Gertraudenbrücke führt seit 1977 unweit vom Spittelmarkt in Mitte über den Spreekanal. Der Uferweg kreuzt heute unterirdisch.Peter Neumann/Berliner Zeitung

In der Verwaltung von Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) weiß man, dass sich nicht jeder Fahrer an die Gewichtsbeschränkung hält. Derzeit sei das aber noch kein bauliches Problem, sagt Arne Huhn, Leiter des Brücken- und Ingenieurbaus. Das Bauwerk stehe unter Beobachtung. Mitte März soll es intensiv untersucht werden, berichtet er. „In der 12. Kalenderwoche 2026 soll eine Brückenprüfung beginnen“, so Huhn.

Erster Teil der neuen Elsenbrücke könnte im März öffnen

Mit einer Note von 3,0 fällt die Neue Gertraudenbrücke, die seit 1977 unweit vom Spittelmarkt über den Spreekanal führt, in dieselbe Klasse wie die benachbarte Mühlendammbrücke: nicht ausreichender Bauwerkszustand. Das Bauwerk aus DDR-Zeiten hat drei Fahrstreifen und eine Busspur pro Richtung. Dass es schwächelt, ist schon seit Langem aktenkundig. Es unterliegt jährlichen Sonderprüfungen.

Inzwischen liegen Pläne für den Ersatzneubau der Brücke sowie die Neugestaltung des Bereichs vor. Die Kanaluferwege sollen künftig die Straße an einer Ampel queren.

Für eine andere Berliner Brücke zeichnet sich eine gute Nachricht ab. Weil die Frostperiode vorbei ist, konnten an der Spreequerung zwischen Treptow und Friedrichshain die ausstehenden Bauarbeiten beginnen. Die Brückenbauer des Senats halten es für möglich, dass der erste neue Überbau der Elsenbrücke im März eröffnet werden kann. Dadurch gibt es in diesem Bereich mehr Kapazität. Statt einem Fahrstreifen pro Richtung soll es jeweils zwei geben. Voraussichtlich ab Sommer sollen es drei sein.