Schlechte Nachricht für viele Fahrgäste in Berlin: Der nächste Streik bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) steht bevor - und diesmal wird der Ausstand 48 Stunden dauern. Die Gewerkschaft Verdi ruft die rund 16.000 Beschäftigten des Landesunternehmens dazu auf, am Freitag und Sonnabend die Arbeit niederzulegen. Der zweite Warnstreik in diesem Tarifkonflikt soll am 27. Februar um drei Uhr morgens beginnen und am 1. März zum Betriebsbeginn gegen drei Uhr morgens enden.
Betroffen sind erneut alle U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen der BVG. Das Unternehmen kritisierte den Ausstand in einer ersten Stellungnahme als „völlig unverhältnismäßige Eskalation“. „Die Verhandlungen in Berlin liegen im vereinbarten Zeitplan. Und trotzdem eskaliert Verdi Berlin, um einer bundesweiten Verdi-Dramaturgie zu folgen, ohne die Berliner Realität anzuerkennen“, hieß es am Dienstag.
In der bundesweiten Tarifrunde für die Beschäftigten der kommunalen Nahverkehrsunternehmen erhöht Verdi auch in allen anderen Bundesländern den Druck auf die Arbeitgeber. So ruft die Gewerkschaft in zahlreichen kommunalen Nahverkehrsunternehmen zu einem weiteren Warnstreik Ende der Woche auf. „Die Verhandlungen kommen insgesamt kaum voran, obwohl es in einzelnen Bereichen schon vier Runden gab“, konstatierte Christine Behle, Vize-Vorsitzende von Verdi.

Betroffen ist auch Berlin, wo seit Januar über einen neuen Manteltarifvertrag verhandelt wird. Nach der dritten Runde am 18. Februar ging Verdi in die „Rückkopplung“. In den Betriebshöfen befragten Gewerkschafter BVG-Beschäftigte. 4.927 Kolleginnen und Kollegen hätten sich beteiligt, so ein aktuelles Verdi-Flugblatt. 4.064 sprachen sich dafür aus, durch Streiks den Druck zu erhöhen.
Der Sonnabend sei bewusst gewählt worden, damit der Warnstreik den Großteil der arbeitenden Bevölkerung nicht trifft, so ein Gewerkschafter. Zwar müssten zahlreiche Berliner auch am Sonnabend arbeiten, so die Gewerkschaft. Trotzdem gehe man davon aus, dass ein Ausstand am Wochenende weniger Menschen beeinträchtigt als unter der Woche. Das zeigt, dass man sich bei der Gewerkschaft darüber bewusst ist, dass sich viele Berliner über die Warnstreiks ärgern.
Dass dem größten kommunalen Verkehrsunternehmen Deutschlands bald wieder eine Arbeitsniederlegung droht, war absehbar. Auch während der dritten Verhandlungsrunde, die am 18. Februar stattfand, wurde nicht deutlich, wie der Streit um einen neuen Manteltarifvertrag gelöst werden könnte. Die Arbeitgeber- und die Arbeitnehmerseite hatten sich schon beim ersten Termin am 13. Januar ineinander verhakt. Auch ein erneutes Gespräch am Montag konnte keinen Weg aufzeigen.
33 Tage Urlaub pro Jahr, 500 Euro mehr Urlaubsgeld
Die Arbeitgeberseite rechnet vor, dass Verdi ein Sammelsurium von 17 Forderungen vorgelegt hat. Im Januar seien neun hinzugekommen. Um die Verhandlungen strukturieren zu können, hat die BVG mehrmals eine Priorisierung gefordert. Die Gewerkschaft verlangt unter anderem 33 Tage Urlaub, doppelt so viel Urlaubsgeld, ausnahmslos elf Stunden Ruhezeit und eine maximale Schichtlänge von zwölf, bei geteilten Diensten 14 Stunden.
Ebenfalls auf der Wunschliste: Die Arbeitszeit soll von 37,5 auf 35 Stunden pro Woche sinken – bei vollem Lohnausgleich. Die Wendezeit an den Endhaltestellen soll statt vier mindestens sechs Minuten betragen.
„Dass wir im Jahr 2026 ernsthaft darüber verhandeln müssen, dass nur zwölf Stunden zwischen Anfang und Ende einer Schicht liegen dürfen und Beschäftigte vor der nächsten Schicht elf Stunden durchatmen können, ist schon skurril“, sagte Serat Canyurt, Verhandlungsführer der Gewerkschaft. „Bei den Wendezeiten geht es nicht nur um Würde, sondern auch um Gesundheitsschutz. Alle wissen, wie belastend es ist, bei einer vollen Blase nicht aufs Klo gehen zu können. Solche Situationen zu vermeiden, sollte eine Selbstverständlichkeit sein.“
Bei diesem Tarifstreit geht es also nicht um höhere Löhne und Gehälter. Dieses Thema wurde im Frühjahr nach fünf Warnstreiks und einer Schlichtung im Frühjahr 2025 abgeräumt. Zum Teil stieg sich die Bezahlung um 20 Prozent. Der Entgelttarifvertrag bescherte der BVG zusätzliche Personalkosten von rund 140 Millionen Euro pro Jahr.
BVG erwartet Kosten von bis zu 450 Millionen Euro
Damit gebe es für weitere Verbesserungen kaum Spielraum, kontert die Arbeitgeberseite. Was Verdi in diesem Jahr fordere, wäre nicht finanzierbar, betont Personalvorständin Jenny Zeller-Grothe bei jeder Gelegenheit. „Das sprengt, wie mehrfach dargelegt, deutlich jeglichen wirtschaftlichen Rahmen“, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Unterm Strich würden die Ausgaben um einen soliden dreistelligen Millionenbetrag wachsen. Für einen Teil der Forderungen hat die BVG jährliche Zusatzkosten von 149 Millionen Euro errechnet.
Zudem müssten viele neue Stellen besetzt werden - das Äquivalent von 1.330 Vollzeit-Arbeitsplätzen. Damit nicht genug. Weil mehr U- und Straßenbahnen benötigt würden, wenn die Fahrzeuge länger an den Endhaltestellen stünden, kämen 225 Millionen Euro hinzu. Die Kosten für zusätzliche Wendestellen und Kehrgleise sind noch nicht beziffert. Am Dienstag sprach das Unternehmen von bis zu 300 Millionen Euro.

Wie andere kommunale Arbeitgeber, die gerade mit Verdi verhandeln, fährt die BVG einen harten Kurs. Unterm Strich dürften die Kosten nicht steigen, Verbesserungen müssten gegenfinanziert werden. Die BVG argumentiert, dass die umfangreichen Verbesserungen der letzten Jahre nicht dazu geführt hätten, dass die Kranken- und Fluktuationsrate wesentlich gesunken seien. Die hohen Bewerberzahlen zeigten, dass das Unternehmen längst als attraktiver Arbeitgeber gesehen wird.
Das Landesunternehmen hält zwar einzelne Neuerungen für möglich, zum Beispiel beim Urlaub und der Gestaltung der Arbeitszeit, die flexibler werden soll. Konkrete Angebote lieferte die BVG aber noch nicht. Bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und dem Krankengeld fordert die Arbeitgeberseite sogar Verschlechterungen, bemängelt Verdi. Dass das dort keinen Beifall bekommt, ist nachvollziehbar.
Schon die erste Arbeitsniederlegung während der laufenden Auseinandersetzung, die Busse und Bahnen am 2. Februar 24 Stunden lahm legte, war bei vielen BVG-Nutzern auf Kritik gestoßen. Besonders viel Ärger zogen die rund 70 Straßenbahnen auf sich, die am 2. Februar trotz des Streiks verkehrten - aber keine Fahrgäste mitnehmen durften. Sie fuhren, um zu verhindern, dass die Fahrleitungen wieder einfrieren.
Jetzt müssen es die Fahrgäste erneut ausbaden, dass die Kontrahenten nicht zueinander finden. Zwar können Nahverkehrsnutzer auf die Verkehrsmittel umsteigen, die von dem Streik nicht beeinträchtigt werden. So bleibt die S-Bahn in Betrieb. Sie gehört zur bundeseigenen Deutschen Bahn. Auch Regionalzüge fahren. Doch viele Bereiche Berlins werden mit dem öffentlichen Verkehr nun wieder nicht erreichbar sein.
Tipps für Fahrgäste: Wie Sie trotzdem ans Ziel kommen
Busse, die im Auftrag der BVG von anderen Unternehmen betrieben werden, sind von dem Streik nicht betroffen. Sie sollen laut Fahrplan verkehren. Beim vergangenen Warnstreik bleiben die Linien 106, 114, 118, 124, 133, 175, 184, 204, 234, 275, 316, 318, 326, 161, 363, N12, N23, N35, N39, N53, N61, N69, N84, N91, N95 sowie N97 in Betrieb.
Auch die Fähren F10, F11 und F12 sind nicht beeinträchtigt. Die Sharing-Angebote an den Jelbi-Stationen sind ebenfalls während des Warnstreiks verfügbar, zum Beispiel E-Scooter und Fahrräder.
Verdi und der Kommunale Arbeitgeberverband haben sechs weitere Termine vereinbart. Die vierte Verhandlungsrunde ist für den 4. und 5. März vorgesehen. Wie der festgefahrene Tarifstreit endlich in Bewegung kommen könnte, ist nicht absehbar. Erst einmal müssen sich beide Seiten über das weitere Vorgehen einigen. Gut möglich, dass dem zweiten Warnstreik weitere Arbeitsniederlegungen folgen.
Ab März dürfte auch die S-Bahn Berlin bestreikt werden
Auch bei der Deutschen Bahn, zu der die S-Bahn Berlin und DB Regio gehören, gibt es Tarifverhandlungen. Vor Kurzem richtete die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) das Wort an Martin Seiler, Bahnvorstand für Personal und Recht. Das neue Angebot des Bundesunternehmens reiche nicht aus, kritisiert sie. So würden die offerierten Lohnerhöhungen zu spät wirksam, und die Laufzeit des neuen Tarifvertrags sei zu lang – er soll bis Juni 2028 gelten. Die DB müsse ein deutlich verbessertes Angebot vorlegen, so die GDL.





