Wie nah der Abriss des Staatsratsgebäudes in Berlins Mitte war! Kurz nach dem Bundestagsbeschluss zur Verlegung der deutschen Hauptstadt nach Berlin stritten Senat und Bonner Bundesregierung über die künftigen Regierungsbauten. Bonn wolle, so schwante den Berlinern, für seine verwöhnten Ministerialbeamten eine neue Bürostadt schaffen und dafür Berlins Mitte verwüsten. Der Spiegel schrieb am 21. Dezember 1992: „Bonn will drei denkmalgeschützte Bauwerke abreißen lassen: das ehemalige DDR-Staatsratsgebäude, den einstigen Sitz des SED-Zentralkomitees und das Haus der Ministerien.“
Sie stehen alle drei noch und erzählen sehr viel deutsche Geschichte. Neue Nutzungen boten Schutz – auch dem eleganten Gebäude des Staatsrates aus dem Jahr 1964. Es diente von 1999 bis 2001 Bundeskanzler Gerhard Schröder als provisorischer Dienstsitz. Die Beamten hatten ihm ausgerechnet das Büro Erich Honeckers als Arbeitsplatz zugedacht. Schröder soll aber bei einer Besichtigung Unbehagen geäußert haben. Ob es nicht etwas anderes gäbe? Ein Hausmeister habe ihn dann in den Kartensaal auf derselben Etage geführt. Das passte.

Die ESMT Berlin wurde im Jahr 2002 von 25 weltweit führenden Unternehmen und Institutionen gegründet.
Die kleine, mündlich überlieferte Schnurre erzählt Georg Garlichs. Seit 2014 ist er für die ESMT Berlin (European School of Management and Technology), die 2002 gegründete, heute führende deutsche private Wirtschaftshochschule, tätig – erst als einer der Geschäftsführer, derzeit als Real-Estate-Manager verantwortlich für den Campus-Ausbau.
Er hat sich in die Geschichte des Hauses eingearbeitet – pflichtschuldig und begeistert für eine einzigartige Aufgabe, aus einem repräsentativen Staatsgebäude im Stil der Moderne, einem Symbol der Macht, eine weltoffene internationale Hochschule von erstem Rang zu machen. Die Gründer des Hauses hatten sich nach dem Umzug des Kanzlers in sein neues Gebäude im Tiergarten die exquisite Adresse Schlossplatz 1 gesichert. Aber natürlich braucht eine Hochschule Hörsäle, Seminar- und Studienräume sowie Platz für die Studenten zum Rumhängen, Plaudern, Kaffeetrinken.

Im internationalen Hochschulranking der Financial Times steht die private ESMT inzwischen auf Platz eins in Deutschland und auf Platz zwölf in Europa. Die Gründung folgte aus einem dringenden Bedarf: „Deutschland hatte keine gute Businessschool, die Ausbildung war im internationalen Vergleich weit zurückgefallen, wir arbeiten daran, das zu ändern“, sagt Georg Garlichs. Bis heute habe nicht jeder begriffen, dass das Land auch in der Wissenschaft zurückgefallen sei: „Wir leben unter einer Käseglocke“, sagt Garlichs, „wir müssen etwas ändern.“
An der ESMT studieren in Berlin 1000 junge Menschen mit etwa 100 Nationalitäten für den Erwerb des Masters oder ihres Doktortitels. Rund 75 Prozent kommen aus dem Ausland. Weitere 3500 durchlaufen pro Jahr eine Weiterbildung – vom zweitägigen Kurs für Verhandlungstechnik bis zum mehrmonatigen Berufsupgrade in Vorbereitung auf eine höhere Position im Job.
Das normale zweijährige Masterstudium kostet 36.000 Euro, was in deutschen Ohren nach viel klingt, im internationalen Vergleich aber günstig ist. Garlichs führt ein Beispiel an: Ein ESMT-Programm ermöglicht neben einem Jahr in Berlin ein zweites an der US-amerikanischen Yale. Das kostet dann gleich 75.000 Euro.
Also nur etwas für die Kinder reicher Leute? Nein, sagt Georg Garlichs. Neben der klassischen Finanzierung durch Mama und Papa oder durch Kreditaufnahme gebe es an der ESMT unter anderem die Möglichkeit eines „umgekehrten Generationenvertrags“: Während des Studiums zahlt man nichts, sondern erst nach Abschluss und dann, sobald ein festes Einkommen erzielt wird, abhängig von dessen Höhe.
Die Rückzahlung sei gestaffelt über zehn Jahre möglich: „Wer wirtschaftlich erfolgreich ist, zahlt mehr, und wer weniger verdient, zahlt weniger“, erläutert Garlichs die Idee. Jeder solle hier studieren können, man arbeite nicht profitorientiert – allerdings qualitätsbewusst. Gute Professoren, erstklassige Ausstattung an einem attraktiven Ort – all das koste Geld.

Über Haus und Grundstück verfügt die ESMT vermittels eines Erbpachtvertrages mit dem Land Berlin. Der sei bis 2069 angelegt, zuzüglich einseitiger Verlängerungsoption für weitere 40 Jahre, sagt Garlichs. Man sieht: Das ist auf Dauer gedacht. Entsprechend wird investiert und umgebaut, und zwar so, dass das Denkmal erhalten bleibt.
Auch dafür braucht es Geld, dazu Architekten mit einer ausgewiesenen Denkmalexpertise und große Kompromissbereitschaft. „Klimatechnisch ist das Haus eine Katastrophe“, sagt Garlichs. Auf dem Dach hat man zwar die größte Solaranlage im Berliner Zentrum installiert, aber die riesigen Fenster müssen aus Gründen des Denkmalschutzes im Original erhalten bleiben und lassen sich nicht ohne optische Beeinträchtigung isolieren – die Fassade schon gar nicht.
Wille zur Erhaltung
Das gewaltige Glasbild, in dem Walter Womacka über drei Etagen im Foyer, 20 Meter hoch und neun Meter breit, den Traum vom sozialistischen Paradies DDR entfaltet, braucht an der Seite zum Garten hin eine Extra-Glasfront; die Luftschicht dazwischen wird mit einer eigenen Klimaanlage so temperiert, dass das fragile Glasmosaik nicht durch Dehnung oder Schrumpfung bricht. Was man nicht alles tut für die „Darstellungen aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“.
Der Wille zur Erhaltung der bauhistorischen Elemente ist auch im Staatsratssaal gefordert, wo 45 Jahre lang das kollektive Führungsorgan der DDR tagte. Bei unserem Rundgang betreten wir eine noch ruhende Baustelle: Die Wandtäfelung aus Kirschholz ist abgenommen, dahinter tritt raues Stein-auf-Stein-Gemäuer zutage. Statt über edles Parkett gehen wir über Betonboden.

Das in innovativer Aluminiumtechnik gefertigte Wandmosaik an der Stirnseite ist zum Schutz vorübergehend verhüllt. Die Arbeit des Künstlers Fritz Kühn zeigt Themen aus der Wirtschaft, darüber groß Picassos Friedenstaube. Dem künftigen Veranstaltungssaal ist der Name President George H.W. Bush Reunification Suite verliehen. Die Hochschule würdigt so die besonderen Verdienste des US-Präsidenten um die deutsche Einheit.
„Wir geben Millionen aus, damit alles bleibt, wie es ist“, sagt Garlichs und erinnert daran, dass die Hochschule bereits mehr als 40 Millionen Euro in die Sanierung gesteckt hat. Erst mal bekommt sie nun vermutlich Mittel von Bund und Land, insgesamt bis zu 6,8 Millionen bei Baugesamtkosten von etwa 16 Millionen Euro für den sogenannten Westflügel des Gebäudes mit Staatsrats- und ehemaligem Kinosaal. Dieser Tage soll der Förderbescheid eingehen, dann starten umgehend die Arbeiten, im Wintersemester 2027 soll der flexibel mit Stühlen auszustattende Saal benutzbar sein.

Andere Bereiche sind schon fertig, wie der Saal, in dem zu DDR-Zeiten das Staatsoberhaupt die Akkreditierungen der Botschafter entgegennahm und nach der Wiedervereinigung zwei Jahre lang das Kabinett Schröder tagte. Der Kabinettstisch harrt im Keller einer neuen Aufgabe. Der Umbau zum großen Hörsaal mit bester Technikausstattung überzeugt: Man kann sich von jedem Ort der Welt einwählen, große Monitore zeigen die Teilnehmer aus der Ferne, jeder hat per Mikrofon Kontakt zu jedem, eine Kamera begleitet den Professor selbstgesteuert durch den Raum, ganz gleich, wohin er läuft.
Von den terrassenartig angeordneten 94 Plätzen haben die Anwesenden zudem einen umwerfenden Blick durch die breite Fensterfront auf Berliner Historienkulisse, ein Schwenk vom Werderschen Markt mit Außenministerium (ehemals SED-Zentralkomitee) über die Schinkelkirche, Bauplatz für Schinkels Bauakademie, Zeughaus, Museumsinsel, Dom, Schlossnachbau, Marstall. Georg Garlichs betont, dass alle Studierenden zu Beginn ihres Studiums eine Führung durch das Gebäude erhalten, wobei ihnen auch die historische Bedeutung des Bauwerks ausführlich erläutert würde.
Gleich nebenan liegt, erhellt von originalen Kugellampen, wie man sie aus dem Palast der Republik kennt, das „Allerheiligste“, wie Garlichs sagt: das Büro des Vorsitzenden, genau das, in dem Kanzler Schröder nicht regieren wollte. Heute dient es den Studenten als gemütlicher Raum zum Abhängen. Eine Situation ganz nach dem Geschmack von Georg Garlichs: „Ist das nicht herrlich, dieser Nutzungswandel!“
Dahinter liegt ein fensterloser Raum, eher ein paar Meter Gang – abhörsicher. Hier besprach man, unerreichbar für feindliche Richtmikrofone, das Geheimste. An den Wänden fand ein Staatsgeschenk seinen Platz: Ziegenlederkacheln aus der Mongolei, mit zierlichen goldenen Vögelchen in den Ecken.
Es geht hoch ins zweite Obergeschoss. Dort liegen entlang eines langen Wandelganges nebeneinander bereits sorgfältige einstige Repräsentationsräume. Im ehemaligen Bankettsaal bewirtete die DDR-Führung Gäste wie Leonid Breshnew oder Fidel Castro. 200 Menschen konnten zum Staatsbankett Platz nehmen. Auf einer Empore saß ein Orchester.
Historische Fotos zeigen Margot Honecker auf freigeräumtem Parkett mit einem General tanzend. Ein 30 Meter umlaufender Fries aus Meißner Porzellan, gestaltet von Günther Brendel, zeichnet filigran und ohne Holzhammerästhetik ein Idealbild: „Das Leben in der DDR“. Heute nutzt die ESMT den Raum als Auditorium Maximum – 360 Menschen können hier Platz finden.

Nebenan in einem heute in zwei Hörsäle geteilten, ehemals großen Vortragssaal führt Georg Garlichs einen Clou vor: Per Knopfdruck öffnet er den Riesenvorhang an der Stirnseite, es taucht auf das DDR-Emblem – Hammer-Zirkel-Ährenkranz in glitzernden Mosaiksteinchen. Einst passende Kulisse für Ordensverleihungen. Heute will man nicht jedem sofort die Optik zumuten, es gebe Opfer aus DDR-Zeiten, die im Zeichen des Emblems gelitten hätten, sagt Garlichs. Daher bleibt der Vorhang üblicherweise zu – aber das Wandbild erhalten.
Regelmäßig kann die Öffentlichkeit bei Führungen die Hochschule im Denkmal besichtigen. Das Foyer mit dem Womacka-Werk, das Café, und der stille Garten mit dem zauberhaften, frisch sanierten Mosaikbrunnen von Ortraud Lerch sind ohnehin frei zugänglich: Georg Garlichs bedauert die einschüchternde Wirkung des Eingangsbereichs am Schlossplatz, vor allem der gitterbewehrten Eingangstür. Der Denkmalschutz untersagt auch einen großformatigen Außenhinweis darauf, dass hier eine Hochschule arbeitet.

Und dann muss da noch von einem rätselhaften Fund im Keller berichtet werden: Bei Bauarbeiten wurde hinter einer Mauer ein Bunker entdeckt, verschlossen mit einer schweren grünen, über vier Hebel zu öffnenden Stahltür, hinter der sich ein Schleusenraum und eine zweite, ebenso schwere Stahltür verbarg, dahinter, vorbei am Toilettenraum, vier größere Räume, einer mit rotem, teppichartigem Material ausgeschlagen. In zwei Räumen fällt je eine etwa ein Meter mal ein Meter messende Stahltür auf. Georg Garlichs hat sich mit Kollegen in einen der dahinterliegenden Kriechgänge gewagt; der Tunnel führte zu einem Ausgang im Garten.




