Berlin liegt immer noch unterm Eis und es ist weiter ein Glücksspiel, ohne Knochenbrüche von A nach B zu kommen.
Und in genau dieser Ausnahmesituation werden die Berliner Verkehrsbetriebe von der Gewerkschaft Verdi bestreikt: U‑Bahnen, Busse, Straßenbahnen stehen still für 24 Stunden. Der Warnstreik am Montag mag zulässig sein, aber für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist er ein fatales Signal.
Infrastruktur an ihren Grenzen
Denn er trifft eben nicht die Verantwortlichen. Er trifft nicht die Vorstände, nicht die Führungsebene der BVG. Leidtragende sind stattdessen die Berlinerinnen und Berliner, ergo alle Arbeitnehmer, Pendler, Alten, Kranken. Menschen, die bei Minusgraden auf einen funktionierenden Nahverkehr angewiesen sind und nun im wahrsten Sinne des Wortes im Kalten stehen gelassen werden.
Gerade bei dieser Wetterlage ist der Streik eine Zumutung. Berlin ist keine Stadt im Normalbetrieb. Eisregen, Frost und wochenlange Ausfälle haben die Infrastruktur ohnehin schon an ihre Grenzen gebracht. Wer jetzt (fast) den gesamten ÖPNV bestreikt, verschärft eine zusätzlich angespannte Lage und spaltet die Stadtgesellschaft.
Die BVG ist ein landeseigenes Unternehmen, Teil der sogenannten Daseinsvorsorge, und wird finanziert aus öffentlichen Mitteln, somit aus Steuergeldern. Wer hier streikt, streikt nicht gegen einen weit abgehobenen Arbeitgeber, sondern mitten hinein in den Alltag der eigenen Stadt.
Die Gewerkschaft Verdi argumentiert mit besseren Arbeitsbedingungen, mit Entlastung der BVG-Angestellten, mit teils berechtigten Anliegen. Doch müssen Forderungen nach einer 35-Stunden-Woche, mehr Urlaub und kürzeren Arbeitszeiten gerade jetzt sein? Inflation, angespannte Haushalte, wirtschaftliche Unsicherheit – die Forderungen der Gewerkschaft müssen auf viele Menschen wie ein Hohn wirken, in Zeiten, in denen mehr Arbeitsleistung gefordert wird und viele Menschen sehr genau auf ihre Ausgaben achten müssen.
Das alles sind Forderungspakete, die vielleicht in Boomjahren durchsetzbar waren, aber jetzt wie aus einer anderen Epoche wirken. Ein Arbeitskampf mit den Mitteln und Reflexen aus Großvaters Zeiten. Die Realität ist aber eine andere.
Natürlich muss ein Streik wehtun, sonst ist er wirkungslos. Aber die Frage ist doch, wem tut er weh? In diesem Fall vor allem denen, die weder Einfluss haben noch Verantwortung tragen. Dieser Streik ist genau genommen eine Umleitung der Wut – weg von den Entscheidungsträgern der Verkehrsbetriebe, hin zu den Bürgern.
Sympathien verspielt
Die Folgen dieses Warnstreiks gehen über einen ausgefallenen Tag hinaus. Er wird Vertrauen kosten. In die BVG, die ohnehin mit massiven Problemen kämpft. Und in die Gewerkschaft, die Gefahr läuft, als realitätsfern wahrgenommen zu werden.
Sicher ist jedoch eines: Dieser Streik wird die BVG und Verdi vor allem eines kosten: Sympathiepunkte bei den Berlinerinnen und Berlinern, die sich in so einer Situation im Stich gelassen fühlen von einem städtischen Unternehmen und einer kurzsichtigen Gewerkschaft mit Idealen aus einem anderen Jahrhundert.


